Die alten NFL-Helden werden von der Zeit - und jungen Quarterbacks eingeholtDie alten NFL-Helden werden von der Zeit - und jungen Quarterbacks eingeholt

München - Ein Hauch von Peyton Manning und Tom Brady wehte am Sonntagabend durch das Arrowhead-Stadium. 

Zwei Quarterbacks auf absolutem Spitzenlevel kämpfen um das Weiterkommen in der AFC. Einige waren im Vorfeld der Meinung, das Spiel sei das inoffizielle Championship Game. Es ging um die Vorherrschaft einer Rivalität, die uns noch über Jahre begleiten könnte.

Brady und Manning haben es mit den New England Patriots und den Indianapolis Colts vorgemacht. Immer wieder trafen sie aufeinander, jedes Match wurde mit Anspannung erwartet. 

Jetzt ist die Zeit von Manning und Brady vorbei. Peyton ist längst im Ruhestand und verfolgt die NFL als TV-Experte. Brady ringt aktuell mit dem Gedanken, die wohl legendärste Karriere der Liga-Geschichte zu beenden. 

NFL: Patrick Mahomes und Josh Allen als neue Rivalität

Dafür ist nun die Zeit von Mahomes und Allen angebrochen. 

 

In einem jetzt schon ikonischen Spiel haben sich die Quarterbacks im Minutentakt mit spektakulären Drives und Touchdowns übertroffen, es ging hin und her und hat nur deswegen in der Overtime ein schnelles Ende gefunden, weil die Overtime-Regel dringend überarbeitet werden muss.

Josh Allen ist 25 Jahre alt und musste sich, wie Manning, erst an das Niveau der höchsten Spielklasse der Welt gewöhnen. Er musste nach den ersten zwei Jahren Zweifel an seinen Qualitäten als Pass-Verteiler beiseite räumen. Manning warf 28 Interceptions als Rookie. 

Patrick Mahomes ist 26 Jahre alt und gewann in seinem ersten Jahr als Starter den MVP-Titel und kurze Zeit später den Super Bowl. Wie bei Tom Brady zeigte sich schnell, dass er eine Ära prägen würde. Zum Vergleich: Brady gewann seinen ersten Titel bei den Patriots schon im zweiten Jahr. 

Jetzt jagt der Chiefs-Star die nächste Meisterschaft - und muss dafür an Joe Burrow vorbei. 

Joe Burrow: Zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz

"Joey Franchise", 25 Jahre alt, macht sich derzeit mit den Cincinnati Bengals unsterblich, er führte die Mannschaft zum ersten Postseason-Sieg seit 1991. Erstmals seit 1989 kämpfen die Bengals nun sogar wieder um die AFC-Krone. 

Burrow, der im ersten Jahr von einem Kreuzbandriss ausgebremst wurde, nimmt die Rolle als Leader des Teams an, zeigt sich auf dem Feld als konzentrierter und eiskalter Spielmacher und macht abseits des Feldes mit seinem charismatischen Auftreten von sich reden. 

Ein hämisches Grinsen, wenn er nach dominanter Performance gegen die Ravens auf kritische Aussagen des gegnerischen Defensive Coordinators angesprochen wird, eine fette Zigarre in der Kabine mit den Team-Kollegen, extravagante Brille und wilde Dance-Moves - solche Dinge.

Burrow wandelt auf schmalem Grat zwischen Selbstbewusstsein und purer Arroganz. Dabei ist er lediglich Repräsentant einer Quarterback-Klasse, die genauso erzogen wurde und sich damit von der alten Garde abhebt. 

NFL: Neue Generation wächst anders auf

Die Jungs sind die erste Generation, die mit Social Media aufwächst. Es gilt, sich zu zeigen. Man muss auffallen, um aus der breiten Masse herauszustechen und Aufmerksamkeit zu bekommen. 

Man schaue sich die NFL-Drafts der letzten Jahre an. Während Aaron Rodgers, Ben Roethlisberger und Drew Brees in gefühlt übergroßen Kommunionsanzügen im Green Room saßen, erschien Lamar Jackson in Gucci-Schuhen und auffälligem Grün auf dem roten Teppich. 

Kyler Murray ließ sich gar im pinken Anzug von den Cardinals auswählen - eine Hommage an "The Great Gatsby": "Das ist mein Lieblingsfilm. Leonardo Di Caprio trug in einer Szene einen pinken Anzug. Ich dachte, das sieht ziemlich lässig aus", gab er später an. 

Man könnte es kritisieren, dass sich die Jungs schon vor dem ersten NFL-Snap in der Öffentlichkeit geben, als hätten sie schon mehrere Super Bowls gewonnen. Doch das Auftreten der Quarterbacks spiegelt sich auch auf dem Platz wider. 

NFL: Junge Quarterbacks prägen neuen Spielstil

Signal Caller wie Brady, Roethlisberger und Manning gaben den Ball für Laufspielzüge an die Running Backs ab. Sie fühlten sich in der Pocket wohl und leiteten von dort aus die Offense mit ihren Pässen. 

 

Murray, Jackson, Allen und Co. spielen hingegen die Art von Football, den Michael Vick als erster Quarterback in der NFL prägte: Mit spektakulären Scrambles und einer unheimlichen Athletik entkommen sie den Pass-Rushern, die Pässe sind längst nicht mehr auf die Pocket begrenzt, Laufspielzüge werden eigens für die Quarterbacks entwickelt. 

Plays, die wie gemacht dafür sind, auch nach den NFL-Sonntagen noch gesendet zu werden. Die Highlights laufen in den sozialen Medien rauf und runter, die Quarterbacks werden rund um die Uhr abgefeiert. Es darf einen nicht wundern, dass sich so eine gewisse Art von Arroganz entwickelt, die es früher vielleicht noch nicht gab. 

NFL: Die wichtigen Werte bleiben trotzdem gleich

Trotzdem schafft es die neue Generation immer noch, sympathisch zu bleiben. Joe Burrow wurde gegen die Titans neun Mal gesackt und führte die Mannschaft trotzdem zum Sieg. Er hätte ein Loblied auf seine Widerstandfähigkeit singen können, gab die Lorbeeren aber stattdessen an Kicker Evan McPherson und seine Receiver weiter. 

Patrick Mahomes hätte nach dem entscheidenden Drive in der Overtime gegen die Bills ruhig mit seinen Kollegen feiern können. Stattdessen suchte er zuallererst seinen Kontrahenten Josh Allen auf. "Er wirft den spielentscheidenden Touchdown und kommt zu mir. Das in dieser Situation zu tun, war unheimlich cool von ihm", so der geschlagene Bills-Star später.

Der nötige Respekt vor dem Gegner und das Wissen, dass der sich der aktuelle Hype bei ausbleibenden Leistungen vor allem als Quarterback schnell wieder drehen kann, sorgen für die notwendige Demut. Etwas, das man sich bei der alten Generation an Spielmachern abschauen kann. 

Doch auch sportlich gibt es noch einiges zu lernen. Es sind Tom Brady (44) und Aaron Rodgers (38), die das Rennen um den MVP 2021 anführen. Die Rekorde von Brady und Brees werden über Jahre stehen bleiben. 

NFL: Wie nachhaltig ist das Spiel der jungen QBs?

Aaron Rodgers bei den Green Bay Packers. Tom Brady bei den New England Patriots. Ben Roethlisberger bei den Pittsburgh Steelers. Drew Brees bei den New Orleans Saints. Philip Rivers bei den San Diego/Los Angeles Chargers. Diese Art von Legacy in einer Franchise zu hinterlassen, ist nicht selbstverständlich. 

Die neue Generation ist spektakulär und bereitet den Fans aktuell viel Spaß. Die Nachhaltigkeit diese Spielstils muss mit dem Nachlassen der Athletik im Alter allerdings erst bewiesen werden. Sich über mehrere Jahre in der Liga zu halten, ist in dem schnelllebigen Business eine Kunst für sich. 

Hochgehandelte Talente wie Jared Goff, Carson Wentz, Sam Darnold, Josh Rosen, Marcus Mariota und Jameis Winston zeigen, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Einige haben ihren Platz als Starter schon in jungen Jahren verloren. Andere Jobs hängen am seidenen Faden. 

Das liegt auch an der zunehmenden Qualität in der Liga. Die AFC macht es aktuell der NFC vor. Hier häufen sich die jungen Star-QB's um Mahomes, Allen, Jackson, Herbert, Lawrence und Mac Jones. Die NFC scheint sich hingegen im Umbruch zu befinden. Jeder ist auf der Suche nach dem heißesten Eisen. Sobald ein Quarterback drei schlechte Spiele macht, droht der Markt ihn einzuholen. 

NFL: Das Zepter wird übergeben

Sportlich und charakterlich kann man den neuen Jungs nichts vormachen. Jetzt gilt es, die Vormachtstellung zu halten. 

Drew Brees hat seine Karriere nach 20 Jahren beendet. "Big Ben" nach 18 Jahren. Tom Brady wackelt im 21. Jahr. Aaron Rodgers schwankt nach 17 Saisons. Helden, Legenden, Rekordbrecher, Franchise-Ikonen und Gesichter der NFL.

Langsam aber sicher übergeben sie die Liga an frische Kräfte. Es wird Zeit.

Denn die Playoffs mit Mahomes und Allen dieses Jahr haben endgültig gezeigt, dass es nur noch ein Hauch von Brady und Manning ist, der durch die Stadien der NFL weht. 

Tim Althoff

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