Bundesliga

Ibrahima Traoré exklusiv: "Gladbach war zunächst kein Thema"

Ibrahima Traoré war ein absoluter Wunschspieler von Gladbach-Trainer Lucien Favre. Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht der guineische Nationalspielerüber über die Gründe sich für die Borussia zu entscheiden, die Ursachen für seine ungewöhnliche Schnelligkeit und seine Hobbies.

11.08.2014 12:41 Uhr / ran.de / Andreas Kötter
Traore Borussia
Ibrahima Traore wechselte im Sommer von Stuttgart nach Mönchengladbach. © imago

ran.de: Herr Traoré, wollen wir über Literatur oder über Fußball sprechen?

Ibrahima Traoré: Beides ist cool! 

ran.de: Sie haben in einem Interview erzählt, dass Sie als junger Mann Schriftsteller werden wollten ...

Traoré: Mein Kindheitstraum war zunächst Fußballer. Also habe ich mit 13, 14 eine Reihe von Probetrainings absolviert. Damals meinte man aber, dass ich zum schmächtig sei und mich nicht durchsetzen würde. Gleichzeitig war ich aber sehr gut in der Schule und habe dort das Fach Literatur gewählt. Denn Bücher faszinieren mich bis heute, und ich wäre damals wirklich gerne ein Schriftsteller geworden.

ran.de: Welche Autoren haben Sie besonders fasziniert?

Traoré: Das waren vor allem französische Schriftsteller. Ich habe Sartre, Camus aber auch Boris Vian gelesen. Ganz besonders aber haben mich die Bücher von Francoise Sagan begeistert. Sagan war ihrer Zeit, was das Bild der Frau in der Gesellschaft betrifft, weit voraus. Ihre Bücher kann man auch heute noch mit Gewinn lesen.

ran.de: Lesen Sie immer noch viel?

Traoré: Ganz ehrlich? Leider nicht mehr so viel wie früher. Mir fehlt einfach die Zeit. Zudem macht das Internet sehr bequem. Trotzdem greife ich doch immer wieder mal zu einem Buch, gerne auch zu Büchern, die ich vor Jahren schon einmal gelesen habe.

ran.de: Womit beschäftigen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit?

Traoré: Musik ist mir sehr wichtig. Besonders gerne höre ich französischen Hip-Hop, R’n’B und afrikanische Musik, wo meine Wurzeln liegen. Ein Freund von mir ist ein bekannter DJ in Paris. Wenn ich  dort bin, versucht er mir zu zeigen, was man mit den Turntables alles anstellen kann.

ran.de: Sie sind ein wahres Multitalent: Fußballer, Schriftsteller, DJ, und – nicht Ernst gemeint – eine Karriere als Ladendieb soll auch noch im Raum gestanden haben?

Traoré: Ah, Sie spielen darauf an, dass ich in einem Interview auf die Frage, woher meine Schnelligkeit rührt, gesagt habe, dass ich früher geklaut und immer schnell hätte weglaufen müssen, um nicht erwischt zu werden (lacht). Nein, mal ganz im Ernst, richtig schnell bin ich erst geworden, als ich beim Fußball vom Zentrum auf die Flügel gewechselt bin. Auf dem Flügel musst du immer Gas geben, wenn du eine Chance haben willst. Also habe ich mit vielen, vielen Sprints hart daran gearbeitet so schnell zu werden.

ran.de: Wissen Sie, wie schnell Sie auf 50 oder 100 Meter sind?

Traoré: Nein. Das hat mich auch nie interessiert. Warum sollte es auch?! Schließlich geht es um Fußball und nicht um Leichtathletik. Mir reicht es zu wissen, dass ich sehr schnell bin.

ran.de: Sie haben neben der guineischen auch die französische Staatsbürgerschaft, haben sich aber für die Nationalmannschaft Guineas entschieden; was hat den Ausschlag gegeben?

Traoré: Mein Vater kommt aus Guinea, und auch meine Mutter, die ursprünglich aus dem Libanon stammt, hat eine Zeitlang dort gelebt. Mir war immer bewusst, dass er sehr stolz sein würde, wenn ich für Guinea spiele. Das ist sehr wichtig für mich. Ich spüre auch, dass mich die Menschen in Guinea wirklich mögen und dass ich für viele Jugendliche ein Vorbild bin. Das ist ein sehr gutes Gefühl. Zudem muss man eingestehen, dass es zweifelhaft ist, ob ich in der französischen Nationalmannschaft je eine Chance bekommen hätte. Frankreich hat überragende Fußballer, und es gibt eine ganze Reihe, die trotzdem nicht in der Nationalmannschaft spielen. Sogar ein Samir Nasri war ja nicht bei der WM.

ran.de: Auch auf Vereinsebene hatten Sie verschiedene Optionen; was hat den Ausschlag für Borussia gegeben?

Traoré: Es stimmt, dass ich auch andere gute Angebote hatte, aus England, aus Frankreich und auch aus der Bundesliga. Gladbach war zunächst gar nicht unbedingt ein Thema. Aber mir hat schon in der vergangenen Saison die Art und Weise sehr gut gefallen, in der Borussia Fußball spielt. Ich erinnere mich gut an das Spiel gegen den VfB, als uns die Borussen in Stuttgart eiskalt ausgekontert haben. Und das Gespräch mit Lucien Favre und mit Max Eberl hat mich schließlich endgültig davon überzeugt, dass Borussia genau richtig ist für mich.

ran.de: Sie sind ein unbedingter Wunschspieler Favres ...

Traore: Auch mein ehemaliger Verein, der VfB Stuttgart ist eigentlich ein großer Verein und bleibt das auch trotz der schwierigen Situation in der vergangenen Saison. Es steht aber außer Frage, dass Borussias Entwicklung in den vergangenen Jahren deutlich besser war. Und ich wollte unbedingt zu einer ambitionierten Mannschaft, die guten Fußball spielt, und bei der ich spüre, dass ich gewollt werde. Das ist für mich als Spieler sehr wichtig. Nichts ist für einen Spieler schlimmer, als zu einem Verein zu kommen und dann festzustellen, dass nicht alle hinter einem stehen. Bei Favre, den ich ja schon aus unserer gemeinsamen Zeit bei Hertha kenne, war ich mir von Anfang an sicher, dass er auf mich setzt.

ran.de: Nach vier Wochen Borussia, wie ist ihr Eindruck von Ihrer neuen Mannschaft?

Traoré: Alles passt! Man hat mir wie auch den anderen neuen Spielern vom ersten Tag an das Gefühl vermittelt, dass wir eine echte Einheit sind. Es ist ja auch nicht so, als ob man sich völlig fremd wäre. Die meisten kennen sich aus der Liga, und irgendwelche Anknüpfungspunkte gibt es immer. Mit André Hahn habe ich z. B. sofort über den FC Augsburg gesprochen, weil wir beide schon dort gespielt haben. Und Fabian Johnson habe ich im vergangenen Jahr im Urlaub getroffen. Mit Thorgan Hazard spreche ich Französisch und übersetze für ihn ins Deutsche. Klar kann man nicht mit jedem einzelnen in der Mannschaft eine dicke Freundschaft haben, das ist aber auch nicht notwendig. Wichtig ist, dass man jeden respektiert, dann kommt man auch mit jedem zurecht.

ran.de: Wie schätzen Sie die Spielstärke des Teams ein?

Traoré: Ich bin immer vorsichtig mit solchen Aussagen. Natürlich könnte ich nach der guten Vorbereitung und unserem überzeugenden 4:1 im Testspiel bei Twente Enschede sagen, dass wir schon top in Form sind. Aber dann verlieren wir vielleicht das erste Pflichtspiel, und jeder fragt sich "Wie konnte das passieren?". Wir sollten also die Kirche im Dorf lassen. Im Übrigen glaube ich, dass die Erwartungen der Fans nach den guten Leistungen der vergangenen drei Jahre und aufgrund der neuen Spieler ohnehin schon hoch genug sind.

ran.de: Befürchten Sie Erwartungsdruck?

Traoré: Es ist möglich, dass es diesen Druck geben wird. Aber ich halte das nicht für ein Problem. Mir ist es lieber, dass die Fans viel von uns erwarten. Viel schlimmer wäre es doch, wenn sie uns nichts zutrauen würden. Und auch wenn ich vorhin gesagt habe, dass ich mit Prognosen vorsichtig bin, glaube ich doch, dass unsere Vorbereitung sehr gut war. Gegen die Bayern haben wir beim Telekom-Cup  z. B. ein richtiges gutes Spiel gemacht, ein 0:2 noch aufgeholt und erst im Elfmeterschießen unglücklich verloren.

ran.de: Nahezu jede Position ist doppelt besetzt, gerade auf den Außenbahnen ist die Konkurrenz groß; machen Sie darüber Gedanken?

Traoré: Nein. Aber selbstverständlich weiß ich, dass ich starke Konkurrenz habe und dass auch einige andere meine Position spielen können. Das war mir aber von vorneherein klar. Ich wollte unbedingt zu einer großen Mannschaft, die in der Liga und auch in der Europa League eine gute Rolle spielen kann. Das geht aber nicht ohne einen starken, ausgeglichenen Kader.

ran.de: Sie sind schnell und trickreich, trotz exzellenter Schusstechnik hapert es aber noch ein wenig am Abschluss...

Traoré: Schon in Augsburg hat meiner damaliger Mitspieler Marcel Ndjeng viel darüber gesprochen, dass ich einen guten Schuss hätte. Allerdings habe ich mir später eine Verletzung am Sprunggelenk zugezogen, die mich sehr behindert hat. Fakt ist auf jeden Fall, dass ich mit meinem Abschluss nicht zufrieden bin. Ich weiß, dass ich mehr drauf habe, glaube aber, dass es vor allem eine Kopfsache ist. Mein Bruder ist sogar ein bisschen ärgerlich. Er sagt, dass ich oft zu uneigennützig bin und hin und wieder auch selbst den Abschluss suchen muss. Ich arbeite daran, und vielleicht gelingt mir ja auch mal in der Europa League etwas.

ran.de: In den Playoffs trifft Borussia auf den FK Sarajewo; eine lösbare Aufgabe?

Traoré: Ich warne davor auf diesem europäischen Niveau überhaupt irgendeinen Gegner zu unterschätzen! Wir müssen diese Aufgabe hoch konzentriert angehen und alles abrufen, wenn wir unser großes Ziel, die Gruppenphase der Europa League, erreichen wollen.

ran.de: Haben Sie für den – hoffentlich - weiteren Verlauf einen Wunschgegner oder auch ein Stadion, in dem Sie unbedingt mal spielen möchten?

Traoré: Selbstverständlich ist es klasse, gegen eine gute Mannschaft in einem tollen Stadion zu spielen. Aber einen Wunschgegner habe ich nicht. Ich habe schon gegen Teams aus England, Spanien, Italien, und Frankreich gespielt, und auf diesem Niveau muss man immer hellwach sein. Wobei ich – wenn ich genau darüber nachdenke - doch einen Wunschgegner hätte, der aber zumindest vorerst auch nur ein Wunsch bleiben wird. Paris St. Germain ist seit meiner Kindheit meine absolute Lieblingsmannschaft, und gegen Ibrahimovic, David Luiz und Co. anzutreten wäre ein Traum! Aber Paris spielt ja in der Champions League – was bei diesem herausragenden Kader kein Wunder ist. Der Klub ist ein gutes Beispiel dafür, dass Geld im Fußball viel bewegt und auch Tore schießt – wenn man es intelligent einsetzt!

Interview: ran.de/Andreas Kötter

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