Maximilian Krebs mit seinen Teamkollegen von PALMA Aireuropa. - Bildquelle: Maximilian KrebsMaximilian Krebs mit seinen Teamkollegen von PALMA Aireuropa. © Maximilian Krebs

Palma de Mallorca - Irgendwie fühlt sich alles komisch an. Zumindest befremdlich. Mit dem Flieger zu einem ganz normalen Basketball-Auswärtsspiel der 4. Liga. Abflug Palma de Mallorca - Zielort Barcelona - Weiterfahrt mit dem Bus nach Tarragona.

Um mich herum laute und permanente Konversation meiner Mitspieler - auf Mallorquinisch. Dabei verstehe ich als Neu-Insulaner gerade einmal ein paar Fetzen der spanischen Landessprache. Und jetzt dieses Spezial-Kauderwelsch.

Ich bin aufgeregt, fühle mich aber gut im neuen Team-Trainingsanzug, mit dem neuen Team-Rucksack. Die Utensilien hat mir der Coach nach dem gestrigen Abschlusstraining feierlich überreicht. Ich gehöre nun auch sichtbar zur Mannschaft.

Ich bin der "el aleman". Der große Blonde aus München, der diesen Sommer plötzlich in der Halle stand und um Einlass und Spielminuten bat.

Ein unbeschriebenes Blatt

Zwei Jahre Studium auf der Insel der Deutschen, vier Semester im Land des Basketball-Weltmeisters, warum sollte ich meine eingerostete Karriere nicht wieder auffrischen? Heißt es nicht immer: Über Sport bekommt man überall am schnellsten Kontakt?

Pur und suspekt. Anders will ich das Gefühl, als ich zum ersten Mal die Halle betrete, nicht beschreiben. Denn trotz ausreichender Spielerfahrung fühle ich mich nach einer so langen Pause nicht wie ein ungeschliffener Diamant, sondern viel mehr wie ein völlig unbeschriebenes Blatt. Trotz des flauen Gefühls, was sich seit Stunden in meinem Magen zu verankern scheint, schnüre ich meine alten Schuhe ein weiteres Mal zu. Mit dem Wissen, dass ich nun wieder alle Fäden in der Hand habe.

Ich denke zurück an meinen Abschied beim FC Bayern Basketball, an jenen Abend, an dem ich von Desmond Greene zu hören bekam, dass es diese Saison nicht für die NBBL reichen würde. Denke an meinen Wechsel zum Schwabinger Verein IBA München. An diverse Verletzungen, an meinen stillen Abschied vom Basketball. Mein Abitur: plötzlich viel wichtiger. Ein Reifeprozess mit Narben. Die Fotos aus meiner Zeit als Jugendnationalspieler verblassen mehr und mehr.

Ein herzlicher Empfang

Ich höre bereits Schuhe auf dem Parkett quietschen. Ich stehe nun vor der Tür. Und mir ist klar: Ich habe momentan zu viele Kilos auf den Rippen. Meine Physis reicht einfach nicht mehr aus, mein Lauftempo ist auch nicht hoch genug. Ich hätte ja noch mehr Zeit in die Therapie nach meinem dritten Bänderriss vor einem Jahr stecken können - oder zumindest mehr Wurftraining. Fehlanzeige. Andere Dinge waren mir wichtiger.

Egal. Jetzt bin ich hier. Ich hole Luft und stoße die Tür auf. Vor mir stehen, breit aufgebaut, zwei imposante Coaches. Ein Hüne mit Armen, dass selbst Dwayne Johnson staunen würde. Und ein etwas Älterer, mit dunklen, voller Erwartung funkelnden Augen und einem schwarzen Bart. Der junge Bodybuilder stellt sich in brüchigem Englisch als Jayme, Terminator und Athletiktrainer bei mir vor.

Sein fülliger Nebenmann kommt direkt auf mich zu und nimmt mich herzlich in die Arme: "Du musst Max sein. Ich bin Head Coach Pau Tomas. Willkommen bei Bahia St. Augustin - oder besser gesagt: Palma Aireuropa. Bist du bereit? Ja? Ok, dann lass uns mit dem Training beginnen!"

Zumindest glaube ich, dass er das er so gesagt hat. Wie gesagt: mein lückenhaftes Mallorquinisch ...

Karriere-Neustart auf Mallorca

Trotz einer echt schlechten Leistung sagt mir Pau nach Trainingsschluss, dass er mich gerne am kommenden Montag wiedersehen wolle.

Und so beginnt mein Karriere-Neustart auf der wunderschönen Urlaubsinsel Mallorca.

Extra Laufeinheiten mit Jayme am Strand sind an der Tagesordnung - und Sprungtraining wird zu meinem täglichen Begleiter. Freiwillige Einheiten am Ballermann. Bei 35 Grad - zwischen Sonnencreme, Sonnenbränden und lauter Musik.

Die Verständigung mit meinen Mitspielern wird von Woche zu Woche intensiver und problemloser. Der Spanisch-Intensivkurs fruchtet mehr und mehr. Anfangs noch wie ein Fremdkörper - sowohl in der Kabine als auch auf dem Spielfeld -, werde ich mehr und mehr anerkannt und angesprochen. Meine anfängliche Nervosität löst sich langsam in Luft auf.

Meine zweite Familie

Das Team wird immer mehr zu meiner zweiten Familie. Motorisierte Mitspieler bieten mir ihren Shuttle-Service an, erste private Einladungen machen mich megastolz. Und ich erinnere mich immer öfter an ähnliche Situationen beim FC Bayern. Wie verzweifelt müssen dort unsere ausländischen Gastspieler gewesen sein, die kein Wort Deutsch verstanden und sofort Leistung zeigen sollten. Mit dem Wissen und der Erfahrung von heute würde ich ganz anders auf solche Mitspieler zugehen.   

Ich blicke lächelnd auf meine Zeit als Jugendspieler in Deutschland zurück. Ich bin als Spieler in der vierten spanischen Liga ein gutes Stück glücklicher, als ich es als Spieler in Deutschland jemals war. Anscheinend hat tatsächlich alles im Leben immer einen Sinn.

Und ich erkenne: Wenn eine Tür sich schließt - habe den Mut und öffne eine andere!

Ich werde durch das Aufsetzen des Flugzeugs aus meinen Gedanken gerissen. Wir sind gelandet. Jetzt geht es nur noch um das Spiel. Wir wollen gewinnen.

"Vamos, Max!" Pau legt seine Hand auf meinen Kopf und lächelt mich an.

"Si, entrenador!" "Ja, Trainer!" Ich bin Spieler bei Palma Aireuropa. Und stolz darauf: "Ya, voy!" "Ich komme!"

Maximilian Krebs

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