- Bildquelle: 2019 Getty Images © 2019 Getty Images

München - Es ist ein Bild für die Götter, wie Andy Ruiz jr. über Anthony Joshua steht. Sein "Rettungsring" zeichnet sich deutlich ab und ist ein schöner Kontrast zu dem muskelbepackten und -definierten Schwergewicht, das da gerade auf das Parkett knallt.

Es ist zugleich ein Bild für Millionen Männer, die aufatmen: Man braucht nicht zwingend ein Sixpack, um erfolgreich zu sein!

Viele Sprüche

Das ist nur einer der Sprüche, den sich Joshua nach seiner ebenso überraschenden und peinlichen Niederlage gegen das zehn Kilogramm schwerere "Little Fat Kid" Ruiz anhören darf. 

Mit dem Spott wird der 29-Jährige leben können. Was aber schlimmer wiegt, ist die Art und Weise seiner ersten Niederlage, mit der er seine vier Titel der Versionen IBF, WBA, WBO und IBO los ist. Und zugleich auch seine Aura der Unbesiegbarkeit. Keine Frage: Im Boxen kann alles passieren, im Schwergewicht sowieso. Eine Niederlage ist immer drin.

Aber: Das Verdiente ist das wahrhaft bittere, die Art und Weise alarmierend. Es war keine knappe Geschichte, keine enge Nummer. Joshua ist von einem Kontrahenten verprügelt worden, dem er im Vorfeld wenig Respekt entgegengebracht hatte. 

Ruiz ist kein Vorzeigeathlet, keine große Nummer, sondern ein harter Hund, der die Chance seines Boxerlebens beim Schopfe gepackt hat. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Joshua schwadronierte im Vorfeld über kommende Gegner wie Tyson Fury oder Deontay Wilder, der den letzten wichtigen Schwergewichtsgürtel der WBC hält. Was die Schlappe besonders peinlich macht. 

Ein klassischer Fall vom Unterschätzen des Gegners. Auch wenn nun Berichte auftauchen, ein K.o. im Sparring im Vorfeld des Kampfes hätte ihn beeinträchtigt. Sollte das tatsächlich der Fall sein, spricht es vor allem für Joshua, dass er nach der Niederlage keinerlei Ausreden angeführt hat. Ein empfindlicher Rückschlag ist es trotzdem.

US-Debüt eine Lachnummer

Er steht am viel zitierten Scheideweg. Sein Debüt in den USA, wo er sich positionieren wollte, bleibt den Amerikanern als Lachnummer in Erinnerung. Schließlich war Ruiz nur Ersatz für einen Aufbaugegner, der dann aber gedopt hatte.

Joshuas Weg zurück ist mühsam: Ja, es greift zwar eine Klausel für einen Rückkampf, die Promoter Eddie Hearn auch zog. Ende des Jahres steigt dann der Fight. 

Doch das ist vor allem ein Umweg gegen einen im Moment interessanten, aber keinesfalls hochklassigen Gegner. Verbunden mit der nicht unrealistischen Möglichkeit, dass Joshua auch diesen Fight verliert und erst einmal komplett von der Schwergewichts-Bühne geprügelt wird. Was dann wiederum möglicherweise seine komplette Karriere in Frage stellt. 

"Wir werden jetzt sehen, wie es mit AJ konkret weitergeht. Immerhin wissen wir ja, wer Ende des Jahres sein Gegner sein wird", sagte Hearn.

Konkurrenz stellt Ansprüche

Doch wie es nach einem gefallenen König nun mal so ist, stürzen sich alle auf den Nachfolger. Denn auch andere Schwergewichte könnten nun Ansprüche anmelden:

Wilder, um sich die restlichen Gürtel umzuhängen.

Oder Fury, der Mitte des Monats gegen den Deutschen Tom Schwarz ebenfalls seine US-Präsenz erhöhen will.

Dylian Whyte als Nummer zwei der WBO wäre auch eine Variante.

Ebenso wie der Cruisergewicht-Dominator Oleksandr Usyk, der im Mai eigentlich seinen ersten Schwergewichtskampf bestreiten sollte.

Das Ziel haben alle: das Erbe von Lennox Lewis, des letzten unumstrittenen Schwergewichts-Weltmeisters, antreten. Oder in die Fußstapfen von Wladimir Klitschko treten, dessen Regentschaft mit 4382 Tagen die längste in der Geschichte ist. 23 Gegner besiegte er, ehe er 2015 und 2017 gegen Fury und Joshua verlor. Mehr Siege schaffte keiner.

Für Joshua ist es essentiell, die richtigen Lehren aus der bitteren Niederlage gegen Ruiz zu ziehen. Sich demnächst besser vorzubereiten, fokussierter zu sein, keinen Gegner mehr auf die leichte Schulter zu nehmen.

Der Drake-Fluch trifft auch Joshua

Ein erster Lerneffekt setzte noch am Kampfabend ein: "Ich wurde von einem guten Kämpfer geschlagen", sagte der Brite und gab zu, den Rivalen unterschätzt zu haben. "Es wird interessant sein zu sehen, wie weit er kommt. Aber das ist alles Teil der Reise. Ich werde zurückkommen."

Und was sich wie ein Scherz anhört, ist schon länger keiner mehr. Welchen Weg zurück Joshua auch immer wählt, ein guter Rat, der jetzt von allen Seiten kommt: Gehe ihn ohne Drake!

Andreas Reiners

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