Andy Ruiz (re.) schickte Anthony Joshua vier Mal auf den Ringboden. - Bildquelle: 2019 Getty ImagesAndy Ruiz (re.) schickte Anthony Joshua vier Mal auf den Ringboden. © 2019 Getty Images

München - Niemand, aber auch wirklich niemand hatte diesen Mann auf der Rechnung.

Die Fans nicht, die Boxexperten nicht - allen voran sein Gegner Anthony Joshua nicht. Ein fataler Fehler, wie sich in der Nacht auf Sonntag im New Yorker Madison Square Garden herausstellte.

Gleich vier Mal schickte Andy Ruiz Jr. den Superstar der Branche auf die Bretter, eher der Ringrichter den Kampf zugunsten des Amerikaners mit mexikanischen Wurzeln beendete. Die Überraschung, die Sensation war perfekt.

Ruiz alles andere als austrainiert

Dabei wirkt er nun wahrlich nicht wie ein austrainierter Boxer, bei seinen 122 Kilogramm darf man ihn durchaus als übergewichtig bezeichnen. Doch Ruiz Jr. wusste: "Joshua boxt wie ein Roboter. Und ich war mir sicher, dass ich ihn besiegen kann, weil sein Kampfstil mir perfekt liegt."

Und weiter: "Mir war klar: Wenn ich ihn mit meiner Geschwindigkeit unter Druck setze, dann würde es schlecht für ihn aussehen." Der Plan ging voll auf. In seinem 34. Profi-Kampf feierte der 29-Jährige seinen 33. Sieg.

 

Als Kind hyperaktiv

Der Schwergewichtsboxer musste sich bereits früh durchboxen. Als Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln im kalifornischen Imperial an der mexikanischen Grenze mit drei kleineren Schwestern aufgewachsen - das sagt viel. Und weil er schon als Sechsjähriger hyperaktiv war, schickte ihn sein Vater ins Gym. Über Karate fand Andy schließlich zum Boxen, bekam aber zunächst kräftig Hiebe.

Weil er für sein Alter sehr schwer war, musste er immer gegen ältere Kinder antreten. Mit sieben Jahren absolvierte Ruiz Jr, seinen ersten Amateurkampf und gewann - gegen einen Zwölfjährigen.

Als Belohnung gab es vom Vater Schokoriegel, wie nach jedem Sieg. Da er oft gewann, bekam er auch viel Schokolade. Kein Wunder, dass Andy rückblickend sich selbst als "kleines, fettes Kind" bezeichnet.

Vom Star-Coach geformt

Schon bei den Amateuren ließ "The Destroyer" aufhorchen, als er 2005 zunächst mexikanischer Jugendmeister wurde und 2007 und 2008 auch bei den Senioren den Titel gewann. 2009 wechselte Ruiz nach einer imposanten Amateurbilanz von 105-5 ins Profilager.

Dort nahm ihn Star-Coach Freddie Roach unter seine Fittiche. Roach gilt als einer der besten Trainer seiner Sparte. Mehr als ein Dutzend seiner Schützlinge hat er zu Weltmeistern geformt, namhafte Sportler wie Wladimir Klitschko, Oscar de la Hoya, Mike Tyson, aber auch den Hollywood-Star Mickey Rourke betreut.

Roach, der Ruiz sieben Jahre lang trainiert hatte, war es auch, der Joshua noch vor dem WM-Fight vor seinem ehemaligen Schützling gewarnt hatte. "Joshua sollte Andy nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er hat einen guten Punch. Er sieht vielleicht nicht aus wie ein Fighter, aber er kann kämpfen."

Und das bewies er dann im MSG. Joshua hingegen hatte sich im Vorfeld des WM-Kampfes mehr mit möglichen zukünftigen Kontrahenten wie dem WBC-Champion Deontay Wilder oder Tyson Fury beschäftigt.

Ruiz profitiert von Doping-Vorfall

Denn eigentlich war Ruiz Jr. für diesen Kampf gar nicht vorgesehen, nur eine Zwischenstation. Doch als der ursprüngliche Gegner Jarrell Miller wegen eines positiven Dopingtests zurückziehen musste, sprang Ruiz für eine immer noch stattliche Börse von fünf Millionen Dollar als Ersatzmann ein und ist nun Schwergewichtsweltmeister der Versionen WBA, IBF, WBO und IBO.

Dabei hatte er zwischenzeitlich mit den Gedanken gespielt, die Boxhandschuhe an den Nagel zu hängen. Mit Alejandro Martinez und Frankie Leal verlor er zwei Freunde durch Verletzungen, die sie sich bei Boxkämpfen zugezogen haben. 2009 starb Martinez, nachdem er 37 Monate lang im Koma gelegen hatte, vier Jahre später kam Leal nach einem Knockout ums Leben. Der vierfache Vater geriet ins Grübeln, sagte dann aber zu sich: "Ich bin einfach fürs Boxen gemacht!"

Eine Niederlage auf dem Konto

Das zeigt nicht nur der Joshua-Fight, sondern auch seine Kampf-Bilanz. Bis heute hat er nur eine Niederlage auf dem Konto.

Die verpasste ihm der Neuseeländer Joseph Parker am 10. Dezember 2016. Damals ging es um den vakanten WBO-WM-Titel im Schwergewicht. Ruiz verlor ganz knapp nach Punkten und verlangte nach einem Rematch. Allerdings war im Vertrag kein Rückkampf vorgesehen. Nicht zuletzt deshalb hatte Parkers Seite wenig Interesse, sich noch einmal Ruiz zu stellen.

Das alles ist nun vergessen. Nach seinem historischen Triumph spricht die ganze Welt über den Joshua-Bezwinger. Oder wie er es selbst formulierte: "Das kleine fette Kind hat es allen gezeigt."

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