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München - Vier Spiele, vier Siege. Das ist die bislang makellose und vor allem historisch starke Bilanz der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei. Im exklusiven Interview mit ran.de spricht Kapitän Moritz Müller unter anderem über den starken Auftakt seines Teams, die Rolle von NHL-Star Leon Draisaitl und warum Bundestrainer Toni Söderholm über ihn sagt, er sei "wie ein Kind".

ran.de: Herr Müller, die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft ist mit vier Siegen aus vier Spielen historisch gut in die Weltmeisterschaft in der Slowakei gestartet. So eine Bilanz gab es bei einem DEB-Team schon seit 89 Jahren nicht mehr. Da müssten Sie als Kapitän dieses Teams doch extrem stolz und zufrieden sein – oder gibt es doch noch etwas zu kritisieren?

Moritz Müller: "Natürlich sind wir alle sehr zufrieden mit unserem Turnierauftakt. Allerdings müssen wir auch alle so ehrlich sein und sagen, dass das alles schon Gegner waren, die wir schlagen wollten. Deswegen waren wir als Mannschaft schon extrem überrascht über das Medienecho aus der Heimat, als von Sensationen und sonstigen Superlativen die Rede war. Wir haben diese vier Siege ehrlich gesagt von uns erwartet. Auch, wenn man Teams wie Dänemark oder Frankreich selbstverständlich erst einmal schlagen muss. Und die Partie gegen die Slowakei war natürlich auch eine richtige Schlacht."

ran.de: Vor allem der Last-Minute-Sieg gegen den Gastgeber ließ in Kosice die komplette Halle von der einen auf die andere Sekunde verstummen. Wie haben Sie die Partie gegen die Slowakei mit ihren fanatischen und extrem lauten Fans auf den Rängen wahrgenommen?

Müller: "Wir haben das ganze Drumherum gegen die Slowakei bereits vorher ausführlich in der Kabine besprochen und sind alle Eventualitäten durchgegangen. Vor allem die erfahrenen Jungs in unserem Kader haben in der Vergangenheit ja schon öfter gegen den WM-Gastgeber gespielt und wussten somit, was auf sie zukommt. Da spielen selbstverständlich die Fans eine große Rolle, die mit ihrer Stimmung auch mal Einfluss auf den Schiedsrichter nehmen können – wenn er sich darauf einlässt. Für uns war es einfach wichtig, die Nerven zu behalten. Und wir hatten uns tatsächlich fest vorgenommen, die Halle verstummen zu lassen. Das ist uns zwar erst spät gelungen, aber letztlich besser spät als nie."

ran.de: Wie haben Sie den brutalen Bandencheck gegen Ihren Teamkollegen Moritz Seider gesehen und können Sie etwas zu seinem Gesundheitszustand sagen?

Müller: "Ich war zu diesem Zeitpunkt gar nicht auf dem Eis, habe Moritz dann nur an der Bande auf der Eisfläche liegen sehen. Das war schon eine brutale Szene, die sicher eine härtere Strafe verdient gehabt hätte. Aber vielleicht wird der slowakische Spieler ja jetzt im Nachgang noch gesperrt. Nach dem Spiel in der Kabine sah Moritz dann tatsächlich auch wieder ganz okay aus. Hoffen wir mal, dass er gegen Kanada dabei sein kann."

Matchwinner Leon Draisaitl

ran.de: Matchwinner gegen den WM-Gastgeber war NHL-Star Leon Draisaitl. Wie nehmen Sie ihn in der Slowakei wahr?

Müller: "Man spricht ja ganz oft über Spieler, die den Unterschied machen können. Das hat Leon gegen die Slowakei eindrucksvoll bewiesen. In solchen Spielen, in denen es sehr eng zugeht, brauchst du jemanden, der sich den Puck schnappt und etwas Außergewöhnliches macht. So wie Leon. Das war schon Extraklasse."

ran.de: In der Berichterstattung über die deutsche Mannschaft steht vor allem Draisaitl immer wieder im Fokus, nicht unbedingt das komplette Team. Wie gehen Sie als Kapitän, aber auch die Mannschaft damit um?

Müller: "Für uns als Mannschaft ist das überhaupt kein Problem. Wenn Leon da ist, ist die Berichterstattung vielleicht zu 90 Prozent über ihn. Aber dann ist sie automatisch eben auch 90 Prozent über das DEB-Team. Davon kann das deutsche Eishockey nur profitieren."

ran.de: Wie geht Draisaitl selbst mit diesem enormen Interesse an seiner Person um?

Müller: "Leon spielt in den USA in einem Markt, also der NHL, der vielleicht noch größer ist als die deutsche Fußball-Bundesliga. Er ist diesen Rummel also gewohnt. Und so, wie ich ihn hier erlebe, geht er sehr ruhig und besonnen damit um. Zumal Leon generell eher ein entspannter Mensch ist."

Kapitänsamt ist "eine besondere Ehre"

ran.de: Das deutsche Team überzeugte beim Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2018 vor allem durch seine enorme mannschaftliche Geschlossenheit. Inwieweit helfen solche Einzelkönner wie Draisaitl oder auch Dominik Kahun der Mannschaft, den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung zu gehen und noch besser zu werden?

Müller: "Der Februar 2018 (Gewinn der Silbermedaille; Anmerk. der Redaktion) war schon das Größte, viel besser geht es aus meiner Sicht ja gar nicht mehr. Das war damals die Leistung einer über Jahre hinweg gewachsenen Mannschaft, so etwas kann man nicht trainieren oder gar erzwingen. Und jetzt haben wir es in der Tat geschafft, die Jungs wie Leon oder Dominik sehr schnell in dieses bereits vorhandene, stabile Gebilde zu integrieren. Wobei der Kreis der Spieler, die für die deutsche Nationalmannschaft überhaupt in Frage kommen, sowieso nur etwa 50 bis 80 Jungs umfasst. Da kennt im Prinzip jeder jeden. Das macht es dann auch einfacher, eine Mannschaft zu entwickeln und 'neue' Spieler in diesen Kreis aufzunehmen."

ran.de: Wie stolz macht es Sie, dieses Team als Kapitän aufs Eis führen zu dürfen?

Müller: "Das ist natürlich eine besondere Ehre für mich und somit ein weiteres Karriere-Highlight."

ran.de: Hat Sie die Wahl von Bundestrainer Söderholm überrascht? Denn Sie gelten ja durchaus als meinungsstark und somit auch manchmal als ein wenig unbequem.

Müller: "Ich bin zu einhundert Prozent loyal zu meinen Teamkollegen und dem Bundestrainer. Das war ich schon immer und werde es auch immer sein. Wenn mir tatsächlich mal etwas nicht passen sollte, würde ich Söderholm das in aller Ruhe unter vier Augen sagen. Wenn es aber mal generell um das deutsche Eishockey und vielleicht existierende Missstände geht, muss man vielleicht auch mal andere Wege gehen."

ran.de: Söderholm sagte einmal in einer Interview, Sie seien "wie ein Kind". Was meinte er damit?

Müller: (lacht) "Hat er das gesagt? Das wusste ich gar nicht ..."

ran.de: ... kann es sein, dass er damit auf Ihre vielleicht nach wie vor vorhandene kindliche Begeisterungsfähigkeit anspricht? Sie gelten ja als leidenschaftliches Arbeitstier, das alles für seinen Sport Eishockey gibt.

Müller: "Das ist natürlich gut möglich. Ich hatte jedenfalls noch nie Probleme damit, morgens aufzustehen und meinem Beruf als Eishockey-Profi nachzugehen. Ich halte es für ein großes Privileg, dass wir alle unser Geld damit verdienen, was wir am liebsten machen – und das ist einfach Eishockey spielen."

Müller über Bundestrainer Söderholm

ran.de: Wie nehmen Sie umgekehrt den neuen Bundestrainer und somit Nachfolger von Marco Sturm an der Bande wahr? Was macht ihn aus?

Müller: "Er ist für mich ein typischer Skandinavier. Söderholm agiert extrem analytisch und wirkt auf mich sehr intelligent. Außerdem besitzt er den Mut, mit dem deutschen Eishockey neue Wege zu gehen. Es gab Zeiten, da haben wir uns selbst nicht so viel zugetraut. Das ist mit ihm anders. Warum sollen wir immer nur durch Kampf und Wille zum Erfolg kommen? Wir können auch mit spielerischen Elementen glänzen. Genau das lebt der Bundestrainer uns auch vor. Und ich finde, dass man das in den ersten vier Spielen bei dieser WM auf dem Eis auch schon gesehen hat.“

ran.de: Sie spielen in der Slowakei Ihre insgesamt achte Weltmeisterschaft, die siebte in Folge, und haben somit in Ihrem Sport schon sehr viel erlebt. Wie hat sich das Eishockey aus Ihren Erfahrungen in den vergangenen Jahren verändert? Und was muss in Zukunft besser werden?

Müller: "Dazu möchte ich nur so viel sagen: Das deutsche Eishockey steht aktuell so gut da, wie schon sehr lange nicht mehr. Das kann sich wirklich sehen lassen und es gibt viel Positives, worüber im Moment berichtet werden kann."

ran.de: Vor dem nächsten Kracher bei der WM gegen Kanada am Samstag hat die deutsche Mannschaft jetzt erst einmal zwei Tage frei. Wie werden die für gewöhnlich verbracht? Lässt man da vielleicht auch mal Eishockey Eishockey sein und beschäftigt sich mit etwas anderem?

Müller: "Also an dem Tag direkt nach dem Slowakei-Spiel darf im Prinzip jeder machen, was er will. Da bleiben wir der Eishalle mal fern und lassen unsere Klamotten in der Umkleide hängen. Manche bleiben dann den ganzen Tag auf dem Zimmer, andere spielen Playstation und wieder andere gehen mal in die Stadt einen Kaffee trinken. Das ist ganz individuell, so wie jeder Einzelne am besten regeneriert. Aber am Tag vor dem Kanada-Spiel geht es dann schon wieder aufs Eis und unsere komplette Konzentration gilt dann dem nächsten Gegner.“

Winkt jetzt Olypmia 2022?

ran.de: Nach den vier Siegen ist das WM-Viertelfinale und die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2022 in Peking in greifbarer Nähe. Was erwarten Sie von den restlichen Gruppenspielen gegen Kanada, die USA und Finnland?

Müller: "Das sind mit Sicherheit die stärksten Gegner in unserer Gruppe, wobei zum Beispiel unser letzter Gegner, die Slowakei, mit Kanada durchaus auf Augenhöhe agiert hat. Wir brauchen uns also definitiv nicht verstecken. Wichtig ist nur, dass wir auf dem Eis unsere Ordnung behalten. Das war zuletzt hin und wieder ein bisschen wild."

ran.de: Und was glaubt der Capitano: Wie weit kann es für das DEB-Team bei dieser WM am Ende gehen?

Müller: "Ich finde es ganz schwer, zum jetzigen Zeitpunkt des Turniers so eine Prognose abzugeben. Nur so viel: Wille, Kampfbereitschaft und Talent sind da. Jetzt müssen wir mal schauen, was wir als Mannschaft in den kommenden Tagen und Wochen in der Slowakei noch so daraus machen."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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