David Wagner und das Abenteuer Schalke 04. - Bildquelle: GettyDavid Wagner und das Abenteuer Schalke 04. © Getty

Gelsenkirchen/München - Umbruch, Neuanfang, Übergangsjahr. Drei Worte, die jeder Schalke-Fan - neben "Dortmund" - nicht mehr hören kann. Es ist fast vor jedem Bundesliga-Start das Gleiche. Jetzt auch.

Nach einer Horror-Saison, die die Schalker mit 33 Punkten auf dem 14. Tabellenplatz beendeten, nur fünf Punkte vor dem Relegationsplatz, lechzen die S04-Fans nach besseren Zeiten. Dafür hat sich der Verein - mal wieder - neu ausgerichtet.

Christian Heidel und Domenico Tedesco gehören der Vergangenheit an, ihr Werk ist aber noch präsent. Das Vizemeister-Erfolgsduo aus der Saison 17/18 hinterlässt einen überteuerten Kader. Anstelle von Heidel ist nun Jochen Schneider Vorstand Sport, für Michael Reschke schuf die Schalker Führung sogar eine neue Position: Technischer Direktor der Kaderplanung und Scouting-Abteilung.

Die wichtigste Personalie aber ist David Wagner. Der Trainer übernahm den Posten von Tedesco, nachdem er mit Huddersfield Town durch einen sensationellen Aufstieg zunächst ein Fußball-Märchen geschrieben hatte, dann aber sang- und klanglos abstiegen war, sodass er sogar vorzeitig den Verein verlassen hatte. 

Diese neue Schalke-Führung löst bei den Fans Skepsis aus. Schneider ist vielen - trotz guter Arbeit bei RB Leipzig - noch unbekannt, bei Reschke schrillen nach seiner verkorksten Zeit in Stuttgart die Alarmglocken. Und ausgerechnet Wagner soll den oft als "Chaos-Klub" verspotteten S04 in ruhiges Fahrwasser leiten, obwohl es seine erste Trainer-Station in der Bundesliga ist.

Einstiger Eurofighter hin oder her.

FC Schalke 04: Das ist neu

Nicht nur bei der sportlichen Führung auch beim Kader ist der Umbruch sichtbar. Mit Keeper Ralf Fährmann verlässt nach Benedikt Höwedes, Leon Goretzka, Sead Kolasinac oder auch Max Meyer der nächste einstige Pfeiler die Schalker - wenn auch per Leihe.

Auf eigenen Wunsch hin zieht es den Torwart in die Premier League zu Norwich City - für eine Leihgebühr von drei Millionen Euro. Somit entscheidet sich der Verein im Tor ganz klar pro Alexander Nübel, auch wenn dessen langfristige Zukunft bei nach der Saison auslaufendem Vertrag noch offen ist.

Der FC Bayern und RB Leipzig lauern wohl schon auf ein Schnäppchen. Es wäre nicht das erste Mal, das ein Schalker den Klub ablösefrei verlässt - siehe oben.

Apropos Schnäppchen: Breel Embolo verlässt Schalke für eine kolportierte Ablöse von zehn Millionen Euro. Borussia Mönchengladbach schnappt sich den Stürmer, den die Schalker im Sommer 2016 noch für die Rekordsumme von 26,5 Millionen Euro aus Basel nach Gelsenkirchen gelotst hatten. Ein Transferminus von über 16 Millionen Euro.

Schneider erklärt, der Stürmer sei mit dem Wunsch auf ihn zugegangen, den Verein verlassen zu wollen. Warum die Führungsetage aber in Zeiten, in denen Luka Jovic für knapp 60 Millionen zu Real Madrid und Joelinton für rund 44 Millionen zu Newcastle United wechseln, einen direkten Bundesliga-Konkurrenten mit so einer Mini-Ablöse "beschenkt", lässt er offen.

Offensiv investiert Schalke das Geld in Benito Raman. Der 24-jährige Belgier kommt nach kleinem Transfertheater aus Düsseldorf und kostet sogar mehr, als für Embolo eingenommen wurde: 13 Millionen.

Immerhin: dank Reschke gelingt Schalke ein Transfer-Coup mit Ozan Kabak. Der technische Direktor zieht eine Ausstiegsklausel beim umworbenen Innenverteidiger, die er zu Stuttgarter Zeiten in dessen Kontrakt schreiben ließ. Mit Markus Schubert kommt ein Keeper, der Druck auf Nübel machen soll und den Fährmann-Abgang kompensieren kann. Und das ablösefrei. So spielen beide aktuellen U21-Torhüter Deutschlands bei Schalke.

FC Schalke 04: Das macht Mut

Punkt 1: das Ungewisse. Es ist so viel anders, es bietet eine Menge Spielraum nach oben - wie auch nach unten.

Punkt 2: die vergangene Saison. Denn schlimmer kann es kaum werden, auch weil der Abstieg bedrohlich nah war.

Punkt 3: die Jugendarbeit. Schalke ist bekannt für immer wieder neu nachrückende Talente, die sich super entwickeln. Nun liegt es in den Händen von Wagner, sie zu formen. Ahmed Kutucu (19), Nassim Boujellab (20), Jonas Carls (22), Rabbi Matondo (18) sind nur ein paar der Schalke-Talente, die in dieser Saison den Durchbruch schaffen können. Das Potenzial haben sie.

Bestes Vorbild neben Nübel: Weston McKennie. Das Produkt der "Knappenschmiede" nahm seinen Weg vom Nobody zum wichtigen Leistungsträger, der mittlerweile mit Christian Pulisic das Gesicht der US-Nationalmannschaft prägt.

Viele Fans wünschen sich in der neuen Saison vor allem eins: attraktiveren Fußball. Auch dies ist Wagners Aufgabe.

Während S04 in den vergangenen Jahren mit einer Dreier-Kette spielte, die defensiv als Fünfer-Kette agierte (3-5-2 oder 5-3-2), bringt Wagner sein eigenes System mit: 4-2-3-1. In der Formation ließ er bei Huddersfield, Dortmund II und in der Hoffenheimer Jugend spielen.

Daher auch die Verpflichtung des 22-jährigen Jonjoe Kenny von Everton, denn mit Ausnahme von Daniel Caligiuri, der das nur notgedrungen kann, steht bei Schalke kein Rechtsverteidiger im Kader. So kann Wagner sein System spielen, das auf aggressives Pressing ausgelegt ist.

FC Schalke 04: Das bereitet Sorgen

Neues System, neue Führung, neuer Trainer - so eine Neuausrichtung kann auch schnell nach hinten losgehen.

Wagner wird Zeit brauchen, bis er aus diesem Kader das Optimum herausholen kann. Zeit und Geduld, die mal wieder von den Fans erwartet werden, aber kaum noch vorhanden ist.

Neben Zeit braucht es eigentlich auch weitere neue Spieler. Doch damit Schalke Geld zur Verfügung hat, müssen zunächst Spieler wie Nabil Bentaleb, Hamza Mendyl oder Yevhen Konoplyanka gehen, aber scheinbar nicht ins Gesamt-Konzept passen, bzw. sich nicht entsprechend einfügen. Auch bei diesen Verkäufen wird mit einem Transferminus zu rechnen sein. Immerhin zahlte Schalke für die drei zusammengerechnet rund 37 Millionen Euro.

Schalkes Achillesferse ist die Offensive. Auch mit Raman und erst Recht ohne Embolo. Die Testspielergebnisse bestätigen dies: 2:3 gegen Bologna, 1:2 gegen Norwich City, 1:1 gegen Twente Enschede, 2:2 gegen SG Wattenscheid. "Es ist alles noch ein bisschen auf Zufall aufgebaut", beurteilt Stürmer Guido Burgstaller das aktuelle Schalker Spiel.

Auch wenn noch Zeit bis zum Bundesliga-Auftakt gegen Gladbach ist - besorgniserregende Worte.

FC Schalke 04: Darauf kommt es an

Die Erwartungshaltung. Nach der Vizemeisterschaft hatten die Fans mindestens selbiges in der Folge-Saison erwartet. Die Realität schlug umso härter ein. Demnach ist es ratsam, so frei wie möglich in die Spielzeit zu gehen. Der Kader hat einen guten Mix aus Jung und Alt und mit Wagner jemanden, der weiß, wie Märchen und Erfolgsgeschichten geschrieben werden.

Die letztjährigen Problemfälle wie Sebastian Rudy, Mark Uth und Amine Harit müssen an ihre vergangenen Leistungen anknüpfen. Wobei Rudy mit einem Leihwechsel nach Hoffenheim in Verbindung gebracht wird. Das große Potenzial des S04-Kaders hat schon fast Tradition - gleiches gilt aber auch für das in Panik verfallen während schwieriger Phasen in der Saison.

Auf Mannschaften wie Dortmund darf der königsblaue Fan im Moment nicht schauen, es reicht für den Moment, den großen Rivalen vielleicht mal in einem Derby zu schlagen. Denn das gelang selbst in der verkorksten vergangenen Saison.

FC Schalke 04: So läuft die Saison

So wie ein Umbruch, ein Neuanfang oder ein Übergangsjahr eben laufen. Statt sich drüber zu beklagen, müssen Fans und Verantwortliche sie annehmen. Mit dem Kader und den Voraussetzungen muss Schalke sich an der oberen Tabellenhälfte orientieren, darf den Blick nach unten aber nicht verlieren.

Bei guter Form und mit etwas Pech bei den Konkurrenten ist auch das Kapitel Europacup wieder ein Thema. Klar ist: Mit dem Abstieg haben die Schalker nichts zu tun - es sei denn, sie haben aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt.

Mike Stiefelhagen

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Kader

Spielplan

Transfers 

Voraussichtliche Aufstellung: Nübel - Kenny, Sane, Kabak, Oczipka - Mascarell, Serdar - Caligiuri, McKennie, Raman - Uth 

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