Florian Kohfeldt und Frank Baumann blicken mit dem SV Werder Bremen ungewiss... - Bildquelle: gumzmedia/nordphoto/Pool via xim.gsFlorian Kohfeldt und Frank Baumann blicken mit dem SV Werder Bremen ungewissen Zeiten entgegen © gumzmedia/nordphoto/Pool via xim.gs

Bremen - Nach dem Klassenerhalt ist vor der Analyse. Die historisch schwache Saison vom SV Werder Bremen verlangt Konsequenzen. "Es kann kein 'Weiter so' geben und es wird kein 'Weiter so' geben", verspricht Trainer Florian Kohfeldt.

Doch was bedeutet das?

 

Plant Kohfeldt, der für eine offensive und riskante Fußballphilosophie steht, eine Kurskorrektur? Oder bereitet er vielmehr seinen Absprung vor?

Sein Vertrag läuft zwar noch bis zum Sommer 2023. Hartnäckig hält sich allerdings das Gerücht, dass die TSG Hoffenheim ihn aus Bremen abwerben möchte.    

Bleibt Kohfeldt in Bremen?

Werder-Sportchef Frank Baumann hingegen möchte Kohfeldt in Bremen behalten. "Wir haben Florian immer das Vertrauen ausgesprochen, auch in schwierigen Phasen. Florian hat in einer ganz schwierigen Saison gezeigt, dass er solche Situationen meistern kann. Ich bin nach wie vor von Flo absolut überzeugt. Da gibt es für mich keine Fragen", sagt er dem "Weser-Kurier".

In trockenen Tüchern scheint der Verbleib des Trainers allerdings nicht zu sein. Ende dieser Woche setzen sich die Geschäftsführung und der Aufsichtsrat mit Kohfeldt zusammen. Frühestens dann fällt die Entscheidung, ob der Trainer bleibt oder geht.

Die Diskussionen sind keine Einbahnstraße. Auch Kohfeldt stellt Forderungen für eine weitere Zusammenarbeit. Als Hauptgrund für die miserable Saison hat er offenbar das Verletzungspech und die damit verbundene mangelnde Spritzigkeit ausgemacht.

Laut "Bild" verlangt er personelle und strukturelle Veränderungen im medizinisch-athletischen Bereich. Damit nicht genug. "Auch die Öffentlichkeitsarbeit müssen wir besprechen", sagt er. Das könnte bedeuten: Ein Teammanager soll her. Borussia Dortmund könnte mit Sebastian Kehl als Vorbild dienen.

Doch auch der Trainer selbst muss sich hinterfragen: Ist Kohfeldt, der von seinen Akteuren immer spielerische Lösungen erwartet, wirklich noch der richtige Mann für Bremen?

Spieleretat sinkt von 48 auf 40 Millionen Euro

Wurden vor einem Jahr noch die internationalen Plätze als Ziel ausgerufen, dürfte es 2020/21 in erster Linie um den erneuten Klassenerhalt gehen.

Das ergibt sich allein schon aus der finanziellen Situation: Belief sich der Spieler-Etat in der laufenden Saison noch auf 48 Millionen Euro, so wird er kommende Saison laut "Sport Bild" bei 40 Millionen Euro liegen.

Nur der FC Augsburg (39 Millionen Euro) der SC Freiburg (38 Mio.), der 1. FSV Mainz 05 (33 Mio.), Union Berlin (27 Mio.) und Arminia Bielefeld (24 Mio.) haben weniger Geld zur Verfügung. Der VfB Stuttgart dürfte sich auf einem ähnlichen Niveau bewegen wie Werder.

Not-Kredit für Werder Bremen

Das mag auf den ersten Blick noch nicht dramatisch erscheinen. Berücksichtigt man allerdings die weiteren Zahlen, offenbaren sich die Engpässe.

Das Eigenkapital von Werder betrug im Geschäftsjahr 2018/19 lediglich 10,5 Millionen Euro. Nur fünf Vereine aus der Bundesliga hatten weniger Geld "auf der hohen Kante".

Die Corona-Krise und die wegfallenden Zuschauereinnahmen haben Werder seitdem zugesetzt. Und zwar so sehr, dass der Verein laut "Weser-Kurier" bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Kredit aufnehmen musste.

Bis zu 21 Millionen Euro für Kaufverpflichtungen

Die finanzielle Situation wird durch Kaufverpflichtungen weiter verschärft. Wegen des Klassenerhalts müssen sie sieben Millionen Euro für Leonardo Bittencourt an die TSG Hoffenheim zahlen, 3,5 Millionen für Ömer Toprak an Borussia Dortmund.

Ergibt zusammen 10,5 Millionen Euro für zwei Spieler. Dabei blieb vor allem Toprak hinter den Erwartungen.

Damit nicht genug: Sollte Werder Bremen auch kommende Saison den Abstieg verhindern, müssten rund 10,5 Millionen Euro für Davie Selke an Hertha BSC gezahlt werden.

Eine monströse Summe für einen Stürmer, der in der zurückliegenden Saison bei 30 Bundesliga-Einsätzen lediglich ein Tor erzielte.

Geld für Spieler, die die Mannschaft wirklich verstärken würden, dürfte somit nicht vorhanden sein.

Zudem droht der Abgang von Flügelspieler Milot Rashica, der fußballerisch der beste Spieler im Kader ist. Laut Informationen vom SID möchte Ralf Rangnick ihn zum AC Mailand lotsen.

Die großen Fußstapfen von Thomas Schaaf

Bleibt die Frage: Ist Florian Kohfeldt unter diesen Umständen dazu in der Lage, mit Bremen den Turnaround zu schaffen? Und wenn nicht: wer dann?

Ein neuer Coach wäre er fünfte Trainer innerhalb von sechs Jahren. Dabei stand Bremen über Jahrzehnte für Konstanz auf der Trainerposition. Mehr als 14 Jahre war Otto Rehhagel für die "Grün-Weißen" verantwortlich, fast genauso lange später Thomas Schaaf. Vergangenheit!

Der Verein scheint das Gespür bei der Trainerwahl verloren zu haben. Die letzten drei Trainer - Viktor Skripnik, Alexander Nouri und eben Kohfeldt - stammten allesamt aus dem Verein, hatten zuvor die 2. Mannschaft von Werder trainiert und wurden dann zum Cheftrainer der Profis befördert - genauso wie einst Thomas Schaaf.    

Das ist allerdings die einzige Gemeinsamkeit: Während Schaaf mit Werder eine erfolgreiche Ära prägte, einmal Deutscher Meister wurde und drei Mal den DFB-Pokal gewann, sorgten Skripnik, Nouri und Kohfeldt lediglich für einen kurzen Aufschwung - und erlebten später den totalen Absturz.

Niemand war bislang in der Lage, den Verein aus dem Teufelskreis zu befreien. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Tim Wiese malt in der "Sport Bild" daher eine düstere Prognose. "Bis Bremen mal wieder einen Titel gewinnt oder sich zumindest für die Champions League qualifiziert, werden etliche Jahre vergehen. Vielleicht müssen die Fans 20 Jahre und länger darauf warten", sagt der ehemalige Keeper.

Nach dem Klassenerhalt ist eben auch vor dem Klassenerhalt.

Oliver Jensen

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