Überzeugt derzeit beim FC Bayern: Lucas Hernandez - Bildquelle: 2020 Getty ImagesÜberzeugt derzeit beim FC Bayern: Lucas Hernandez © 2020 Getty Images

München – Abseits des Fußballplatzes stand Lucas Hernandez selten im Mittelpunkt, seit er zum FC Bayern gewechselt ist. Der einzige öffentliche Auftritt rührt von seiner Vorstellung vor etwas mehr als einem Jahr. Damals trug er ein paar auswendig gelernte Sätze mit schon verblüffend guter Aussprache vor: "Servus, ich bin Lucas. Ich bin glücklich, hier zu sein. Ich freue mich auf ein gute Saison mit dem FC Bayern. Also, pack ma's!"

Dann wurde es ruhig um Hernandez. In Fernsehinterviews kommen die deutschsprachigen Bayern-Profis zu Wort, in der Mixed Zone bestehen genug Fluchtmöglichkeiten, um Fragen aus dem Weg zu gehen. Hernandez' Stille begründete sich aber vor allem darin, dass er im Trikot des FC Bayern nichts vorzuweisen hatte, worüber er hätte sprechen können.

 

Hernandez mit Henkelpott auf dem Kopf

In München war der Franzose mit einer schweren Innenbandverletzung angekommen. 178 Tage lang musste er zuschauen, dann erst konnte er bei seiner neuen Mannschaft mitwirken. Kaum war er dabei, riss ihm das Innenband im Sprunggelenk. Ausfallzeit: drei Monate.

Danach war der französische Weltmeister nur noch Ergänzungsspieler. Dabei war der 80-Millionen-Euro-Einkauf, der den Ablöserekord der Bayern nebenbei verdoppelte, so etwas wie der Stareinkauf von Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Einer mit dem Potenzial zum Abwehrchef. Doch Hernandez' bislang auffälligste Szene in seiner Münchner Zeit fiel nicht etwa auf eine wuchtige Grätsche, sondern darauf, dass er sich nach dem Champions-League-Triumph den Henkelpokal über den Kopf stülpte.

Die schwierige Eingewöhnungszeit mit Verletzung, einer neuen Kultur, weg von der Familie, scheint nun vorbei zu sein. Hernandez ist auch sportlich im Fokus angekommen – und der Zeitpunkt könnte nicht günstiger für ihn sein. Am Mittwochabend trifft er mit Bayern auf seinen ehemaligen Klub Atletico Madrid (20.45 Uhr im Liveticker auf ran.de). Die Chancen stehen sehr gut, dass er zum sechsten Mal in der Startelf von Trainer Hansi Flick steht.

 

Hernandez will auch individuell glänzen

Hernandez war also die logische Wahl, um auf der Pressekonferenz vor dem Spiel Rede und Antwort zu stehen. Es war sein zweiter öffentlicher Auftritt seit seiner Vorstellung, diesmal beließ er es bei einem"Servus" und wechselte dann dem Anlass entsprechend ins Spanische .

"Ich versuche, dieses Jahr individuell zu glänzen", kündigte Hernandez an. Und wer so lange auf seine Chance warten musste wie der Weltmeister, der ist nicht wählerisch, wo er aufläuft – ob links oder zentral. "Ich fühle mich auf beiden Positionen wohl", sagte er. "Ich habe als Innenverteidiger gespielt, aber auch außen in der Nationalmannschaft. Mir ist es egal." Hauptsache spielen.

Hernandez kann sich aktuell damit schmücken, dass ihm das gelungen ist, woran halb Europa in der Vorsaison gescheitert war: sich an Alphonso Davies vorbeizudrängeln. Der Kanadier hatte in der Triple-Spielzeit auf der linken Seite den Kontinent schwindelig gespielt. Nach dieser Achterbahnfahrt muss sich der 19-Jährige erst einmal ordnen. "Bei Alphonso Davies ist es aktuell so gewesen", sagte Bayern-Trainer Flick, "dass er vielleicht ein bisschen ein Tief hatte. Er kriegt all unsere Unterstützung."

Spannendes Duell mit Davies

Während Davies die natürlichen Schwankungen eines Talents verarbeitet, hat Hernandez die Chance ergriffen. Mit seinem aggressiven Auftreten ergänzt er die Münchner Abwehr um eine Komponente, für die kein anderer Verteidiger im Kader steht. "Er bringt uns eine gewisse Qualität gegen den Ball. Von daher bin ich sehr zufrieden", lobte Flick, der Hernandez im Moment auf einem "sehr, sehr guten Level" sieht.

Hernandez' beherztes Zupacken auf dem Platz sucht man daneben aber vergeblich. Zum Stammplatzduell mit Davies äußert er sich eher diplomatisch. "Wir sind beides super Spieler, zurzeit vertraut der Trainer mehr auf mich", sagte der 24-Jährige. Im Training wolle sich jeder zeigen. "Es herrscht ein gesunder Konkurrenzkampf."

Der Wettstreit um die linke Abwehrposition könnte sich aber bald verschärfen. Flick deutete bereits an, dass Davies ihm im Abschlusstraining wieder besser gefallen habe. "Er war viel präsenter als in den Spielen zuvor", sagte der Bayern-Trainer.

Viel Respekt für Atletico

Flick kann es nur gefallen, wenn sich seine beiden Linksfüße zu Bestleistungen antreiben. Gegen Atletico wird er aber mit großer Sicherheit auf Hernandez setzen. Dem Franzosen den Startelf-Einsatz gegen seinen Jugendklub zu verwehren, dafür ist der feinfühlige Flick nicht der Typ.

Hernandez war schon mit elf Jahren zu Atletico gekommen - und blieb zwölf Jahre. Von seinem ehemaligen Verein spricht er voller Respekt. Er habe eine besondere Verbindung zum Klub. "Atletico hat mir viel gegeben", sagt er.

Hernandez' besondere Beziehung zu Simeone

Am meisten hat ihn dort wohl Diego Simeone beeinflusst. Der Argentinier war es, der dem jungen Hernandez einst zu den Profis hochzog. "Ich bin ihm sehr, sehr dankbar für alles, war er für mich getan hat", sagte Hernandez. Seine Meinung von Simeone ist nach wie vor immens. "Er ist ein großartiger Trainer, der beste der Welt in meinen Augen", sagt Hernandez über den Defensivspezialisten, der seine Mannschaften wie kein anderer an der Seitenlinie anpeitscht.

Wehmut ist vor dem Duell aber nicht Hernandez' Thema. Seinen Schritt weg aus Madrid nach München bereut er trotz der schwierigen Anfangsphase nicht. "Das sind Entscheidungen, die man im Leben trifft", sagte Hernandez. Nun will er das Vertrauen und das Geld zurückzahlen, dass der Klub und der Trainer in ihn gesteckt haben - "und auf dem Platz sterben, wenn es nötig ist".

Tim Brack

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