Ralph Hasenhüttl ist das Erfolgsgeheimnis des FC Southampton - Bildquelle: 2020 Getty ImagesRalph Hasenhüttl ist das Erfolgsgeheimnis des FC Southampton © 2020 Getty Images

München - Southampton vor gut einem Jahr. Das 0:9 gegen Leicester City ging in die Geschichte ein als die höchste Niederlage im englischen Profifußball seit 130 Jahren. Es war eine Demontage, eine Demütigung, ein Albtraum. Schon nach 20 Minuten verließen die ersten Fans frustriert das St. Mary’s-Stadion, da stand es 0:3. Sie sahen das Unheil frühzeitig kommen. 

Trainer Ralph Hasenhüttl dürfte während dieser surrealen 90 Minuten in Gedanken mehrfach seine Koffer gepackt haben. Nach nicht einmal einem Jahr in Südengland. Es sollte anders kommen. 

Beim Krisengespräch am nächsten Tag ging es mit keiner Silbe um eine Entlassung des Trainers. Stattdessen drückten die Klub-Bosse um Mehrheits-Eigner Gao Jisheng den Reset-Knopf. Hasenhüttl bekam alle Freiheiten, den Verein zu reformieren. "Sie hatten mehr Vertrauen in mich, als damals ich in mich hatte", blickte Hasenhüttl jüngst im "kicker" zurück.

Plötzlich Tabellenführer

Ein Jahr später hat der Österreicher das in ihn gesetzte Vertrauen doppelt und dreifach zurückgezahlt. Am vergangenen Wochenende schafften es die "Saints" erstmals seit 1988 wieder an die Spitze der Premier League, wenn auch nur für wenige Stunden.

Der FC Southampton ist DIE Überraschungsmannschaft der Saison. Nach zwei Niederlagen zum Auftakt sind die "Saints" nun bereits seit sieben Spielen ungeschlagen. 17 Punkte bedeuten Platz fünf in der Tabelle. Die Torbilanz – erstmals seit Langem positiv.

Höhenflug dank Corona

Zu verdanken haben die Küstenstädter ihren Erfolg der Corona-Krise, ist Hasenhüttl überzeugt. "Als Trainer kann ich bei Geisterspielen viel besser coachen, das hilft uns definitiv. Und die Spieler haben viel mehr Ruhe am Ball, wenn sie nicht von den Rängen gepusht werden", sagte er im "kicker". Vor allem aber habe sich seine Mannschaft schon in der Pandemie-bedingten Zwangspause im Frühjahr weiterentwickelt.

Der Grundstein des Aufschwungs wurde aber bereits am Tag nach dem 0:9 gegen Leicester gelegt. Hasenhüttl, der in Southampton zuvor mit Formationen experimentiert hatte, führte sein alt bewährtes 4:2:2:2 wieder ein, das er schon beim FC Ingolstadt und bei RB Leipzig etabliert hatte.

Mit dem "Playbook" zum Erfolg

Er schrieb ein "Playbook" ganz im NFL-Style, das zur Bibel aller Übungsleiter im gesamten Verein wurde. Er drillte seine Spieler konditionell und impfte ihnen taktisches Verständnis ein. Er formte ein Team, das mittlerweile aggressives Pressing und Konter genauso beherrscht wie Ballbesitzfußball.

"Die größten Unterschiede sind die Rückkehr zur Viererkette und die Spielanlage nach Ballgewinn. Man kann jetzt nicht mehr sagen, dass wir nur eine gute Pressingmannschaft sind und immer nur schnell nach vorn spielen. Wir sind viel abgeklärter geworden, gehen auch mehr ins Risiko", so Hasenhüttl.

Platz sechs in der Rückrunde

Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison zeichnete sich der Aufschwung ab. Als sechstbeste Rückrundenmannschaft reichte es in der Tabelle am Ende schließlich schon zu Platz elf. Hasenhüttls Vertrag wurde vorzeitig bis 2024 verlängert. "Ich will nicht sagen, dass dieses 0:9 notwendig war, aber es war ein gutes Resultat, um Grundlegendes verändern zu können", resümierte der Trainer.

Zu schaffen machte dem 53-Jährigen aber nach wie vor das negative Torverhältnis. Theo Walcott sollte Abhilfe schaffen. Die Leihgabe des FC Everton konnte verletzungsbedingt allerdings bislang noch kein Zeichen setzen.

Vergleich mit Klopp

Dafür befindet sich Danny Ings aktuell in der Form seines Lebens. In sieben Ligapspielen erzielte er bislang fünf Treffer, ehe er sich Anfang November einer Knie-OP unterziehen musste. Doch selbst seinen Ausfall können die "Saints" derzeit kompensieren. Auch weil Mittelfeldstratege James Ward-Prowse zum besten Freistoßschützen der Premier League avancierte.

Die Mannschaft hat die neue Spielphilosophie des Trainers längst verinnerlicht. Ex-Liverpool-Stürmer Ings stellte gar Parallelen zu Jürgen Klopp fest. "Ich sehe die gleiche Leidenschaft, erfolgreich zu sein. Selbst wenn wir gewinnen, geht es darum, wie wir besser werden müssen", so der Angreifer.

Das große Ganze statt kurzfristiger Erfolg

Hasenhüttl selbst beobachtet auch eine Weiterentwicklung seiner eigenen Person. "Das erste Mal in meiner Trainerkarriere habe ich das große Ganze im Blick. In Deutschland war ich als Trainer immer nur auf den kurzfristigen Erfolg programmiert. Aber mit der Erfahrung kommt auch das Verantwortungsgefühl. Und als Teammanager achte ich jetzt auf das große Ganze", sagte er bei "Sky Sports" - und lebt es auch.

So stattete der frühere Leipzig-Coach nach dem 2:0 gegen Newcastle am vergangenen Spieltag der zweiten Mannschaft des FC Southampton einen Besuch ab. Nach deren Sieg gegen Manchester City versammelte Hasenhüttl schließlich die jungen Spieler um sich, gratulierte und analysierte das Spiel. Auch sie agierten nach seinem "Playbook".

Während die englische Presse schon über potenzielle Meisterchancen der "Saints" spekuliert, hält Hasenhüttl den Ball flach. "Ich habe so viele Teams gesehen, die nach einem erfolgreichen Saisonstart in der Relegation gelandet sind", warnte er bei "Sky Sports". "Die Dinge können sich sehr schnell verändern. Ein paar Verletzungen zum Beispiel und schon ist alles anders. Aber im Moment sind wir sehr stark und zeigen, dass wir auf einem hohen Level spielen können."

Spekulationen um Manchester United

Aller Bescheidenheit zum Trotz weckt Erfolg aber Begehrlichkeiten. Und Hasenhüttl ist längst auf dem Radar der großen Klubs gelandet. Zuletzt gab es Gerüchte, wonach der 53-Jährige Manchester United-Trainer Ole-Gunnar Solskjaer beerben könnte, wenn dieser nicht bald die Kurve kriegt.

Am Sonntag im direkten Duell mit United könnte Hasenhüttl sein "Bewerbungsschreiben" quasi persönlich einreichen. Ob er das überhaupt will, ist allerdings fraglich. Denn der Heilsbringer der "Saints" hat die Ereignisse von vor gut einem Jahr nicht vergessen.

"Ich kann hier im Verein alles bewegen, was ich bewegen möchte. Ich kann so handeln, wie ich es für richtig halte. Mit Martin Semmens, meinem Chairman, habe ich jemanden an meiner Seite, der mich unterstützt", wird Hasenhüttl im "kicker" zitiert. Ein solches Vertrauen habe er im schnelllebigen Fußballgeschäft bislang noch nicht erlebt. "Ich kann mir im Moment wirklich keinen schöneren Job vorstellen", sagt er und kann über das 0:9 von damals mittlerweile sogar schmunzeln.

Carolin Blüchel

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