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ran.de: Herr Jantschke, ein dickerer Brocken als der Titelverteidiger, der FC Sevilla, hätte der Borussia kaum zugelost werden können (live bei kabel eins und auf ran.de); wie war im Mannschaftskreis die erste Reaktion auf dieses Los?

Tony Jantschke: Man sitzt zusammen in der Kabine und sagt sich "Dieses Team wäre ganz okay, dieses und dieses auch, die beiden aber vielleicht besser nicht. Die Mannschaft aus der Ukraine muss auch nicht unbedingt sein, wegen der dortigen politischen Lage. Und bitte auf gar keinen Fall den Titelverteidiger, den FC Sevilla." Und natürlich wird es dann doch ausgerechnet Sevilla.

ran.de: Macht sich dann im ersten Moment Mutlosigkeit breit?

Jantschke: Nein. Warum auch?! Ich erinnere daran, dass es vor zwei Jahren ähnlich war. Damals war Lazio der dickste Brocken, der uns hätte zugelost werden können. Und wie man weiß, sind es die Römer dann ja auch geworden. Wir sind damals zwar ausgeschieden, haben aber dennoch gesehen, dass wir selbst gegen ein solches Kaliber nicht chancenlos sind.

ran.de: Der FC Sevilla steckt im Umbruch und soll durch die Abgänge Verlust von Ivan Rakitic und Alberto Moreno nicht mehr so stark sein wie in der vergangenen Spielzeit...

Jantschke: Machen wir uns nichts vor, die sind immer noch gut. Die sind sogar sehr gut. Aber wir sind auch nicht schlecht. In den beiden Gruppen-Spielen gegen Villarreal hat man gesehen, wie stark die spanischen Teams sind. Das sind alles sehr ballsichere Mannschaften, die zudem sehr heimstark sind. Sind wir aber auch. Und wir glauben an unsere Chance.

ran.de: Hat Ihr Team-Kollege Alvaro Dominguez, der mit Atletico Madrid bereits zwei Mal die Europa League gewinnen konnte, zum Thema FC Sevilla bereits doziert?

Jantschke: Klar. Und auch Alvaro hat darauf hingewiesen, dass wir es mit einer sehr sicheren Mannschaft zu tun bekommen werden, die den Ball viel zirkulieren lässt und die zu Hause eine absolute Macht ist.

ran.de: Borussia muss zuerst auswärts antreten, gemeinhin gilt das als kleiner Vorteil...

Jantschke: Über diese, nennen wir es "Auswärts-Regel" habe ich mir schon oft den Kopf zerbrochen. Und so recht weiß ich bis heute nicht, warum es unbedingt ein Vorteil sein soll, wenn man zunächst auswärts antritt?! Genauso gut könnte man doch sagen, dass man in einem Heimspiel als erste Partie, mit den eigenen Fans im Rücken, gleich richtig gut vorlegen kann. Und wenn die Auswärtsmannschaft vielleicht auch noch deutlich verliert, steht sie im Rückspiel vor eigenem Publikum unter enormen Druck. Aber wie auch immer man das bewertet - letztlich habe ich der Tatsache, ob wir nun zuerst zuhause oder auswärts antreten müssen, noch nie eine allzu große Bedeutung beigemessen. Ohnehin müssen wir es immer so nehmen wie es kommt.

ran.de: Echte Auswärtsspiele hat Borussia eigentlich gar nicht...

Jantschke: Stimmt, was da abgeht, ist wirklich absoluter Wahnsinn (lacht). Es gibt eigentlich kaum Worte dafür, wie unsere Fans die Europa League annehmen und bei allen Auswärtsspielen mitreisen, oft zu Tausenden. Man spürt förmlich, dass sie wegen der großen Europapokal-Tradition der Borussia förmlich nach solchen Spielen lechzen. Ich erinnere mich, dass uns nach Rom damals rund 10.000 Fans begleitet haben, und auch Marseille war ein Riesen-Highlight. Bei den meisten Gegnern in der Europa League wären die Heimspiele wohl kaum ausverkauft. Und dann reisen die Borussen-Fans an, und die Hütte ist trotzdem fast voll, so wie zuletzt in Zürich. Wahnsinn!

 

ran.de: Wussten Sie, dass Borussia mit durchschnittlich 41.000 Zuschauern gar der Krösus der Europa League ist?

Jantschke: Mir war zwar bekannt, dass wir einen Schnitt von rund 40.000 Zuschauern haben. Dass wir aber der Top-Klub der Europa League sind, ist natürlich cool! Wie schon gesagt, die Gladbacher Fans sind europapokalverrückt. Bewundernswert, und das umso mehr, wenn man die Spieltermine bedenkt. Donnerstag, 19 oder 21:00, bedeutet in der Regel für jeden Arbeitnehmer, dass er sich mindestens den darauf folgenden Tag frei nehmen muss. Das ist echte Vereinstreue.

ran.de: Bisher hat die Mannschaft dank der Rotation des Trainers alle Strapazen hervorragend weggesteckt; befürchten Sie, dass Unruhe aufkommen könnte, wenn die Dreifachbelastung und damit die Rotation nach einem möglichen Ausscheiden wegfallen sollten?

Jantschke: Schwierig zu sagen. Auf der einen Seite sind wir trotz Rotation noch immer die Mannschaft der Liga, die bisher die wenigsten Spieler eingesetzt hat. Aber jeder weiß auch, dass der Trainer gerade dann, wenn es gut läuft und es keine englischen Wochen mehr gibt, gerne einmal höchstens Nuancen verändert. Dass es dann vielleicht mal zu dem einen oder anderen kleineren Problemchen kommen könnte, kann zwar niemand mit absoluter Sicherheit ausschließen. Grundsätzlich baue ich aber darauf, dass wir eine Truppe sind, in der es einfach passt. Echte Schwierigkeiten hatten wir noch nie.

ran.de: Stimmt es eigentlich, dass Sevilla vor zwei Jahren schon einmal Interesse an Ihnen hatte?

Jantschke: Gelesen habe ich das auch. Das war wohl, nachdem wir damals zur Saisoneröffnung im Borussia Park ein Vorbereitungsspiel gegen die Spanier absolviert hatten. Aber mich hat damals nichts weggezogen und mich zieht jetzt hier nichts weg. Borussia ist ein Superverein, wir sind erfolgreich, und ich habe immer das Gefühl, dass man schätzt, was ich leiste. Jeder weiß, dass ich nie ein Zinedine Zidane werde und auch kein Cafu. Aber das erwartet auch niemand von mir. Jeder weiß genau, was er von mir bekommt. Das wird anerkannt, und damit bin ich vollauf zufrieden.

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