München - Als der FC Sevilla am 20. Dezember in Nyon aus der Lostrommel gezogen wurde, gingen die Mundwinkel der Gladbacher Verantwortlichen im ersten Moment nach unten. Ausgerechnet den Titelverteidiger hatten die Borussen gezogen, das vermeintlich schwerste Los.

Nach dem ersten Schock hat sich rund um den Borussia Park aber längst wieder Optimismus breit gemacht, die erste K.o.-Phase der Europa League doch zu überstehen. Und tatsächlich: Es gibt gute Gründe, warum die Mannschaft von Lucien Favre am Donnerstag keineswegs als Außenseiter in das Duell mit dem spanischen Traditionsteam geht (ab 20:30 Uhr live bei kabel eins und im Livestream auf ran.de).

1. Die Formkurve im neuen Jahr

Bei der Generalprobe feierte der FC Sevilla zwar einen überzeugenden 3:0-Sieg gegen Granada, doch davor knirschte es im Spiel der Andalusier - vor allem auswärts. Pleiten in Valencia und Getafe ließen den Abstand zum Spitzentrio in der Primera Division (Real, Barca, Atletico) anwachsen, zudem flog man gegen Espanyol Barcelona aus dem Pokal. Demgegenüber kam Mönchengladbach nach der Winterpause gut aus den Startlöchern. Vier Bundesligaspiele haben die Fohlen 2015 bestritten - und drei davon gewonnen. Den Minimalisten vom Niederrhein genügten dabei gerade einmal drei Treffer, um neun Punkte einzufahren.

2. Konterspiel gegen Sevillas Pressingmaschine

"Es ist schon auffällig, wie viele Mannschaften mittlerweile gegen uns hinten drin stehen. In diesem Jahr waren es außer dem SC Freiburg alle", wundert sich Granit Xhaka. Dass die Gladbacher Offensive im neuen Jahr bislang stockt, hat also vornehmich etwas mit der Mauertaktik der Gegner zu tun. So erspielten sich die Borussen zuletzt gegen extrem tief stehende Schalker und Kölner einen Ballbesitz von annährend 70 Prozent, bissen sich aber die Zähne an der jeweiligen Defensive aus.

Eine derart defensive Grundhaltung ist vom FC Sevilla nicht zu erwarten, schon gar nicht im heimischen Stadion "Ramon Sanchez Pizjuan". Angetrieben von ihren lautstarken Fans geben die "Blanquirrojos" dort von der ersten Minute Vollgas, um den Gegner zu beeindrucken. Hier heißt es für die Borussen hochkonzentriert ans Werk zu gehen - und einige messerscharfe Konter zu setzen. Mit ihren Turbo-Außenstürmern Andre Hahn, Ibrahima Traore oder Patrick Herrmann ist die Favre-Elf prädestiniert für ihre Lieblingstaktik. "Vielleicht kommt uns zugute, dass wir am Donnerstag wahrscheinlich mehr Räume, mehr Platz für unser Spiel vorfinden", sagt Herrmann.

3. Aderlass beim Titelträger

Keine Frage - der FC Sevilla hat noch immer ein exzellentes Team beisammen. Dennoch konnten die Abgänge von Ivan Raktic (Barcelona), Alberto Moreno (Liverpool) und Federico Fazio (Tottenham) nicht gleichwertig ersetzt werden. Die Elf von Trainer Unai Emery verstärkte sich sich vor der Saison in der Breite, es gab keinen absoluten Toptransfer. Immerhin konnte man die beiden Talente Denis Suarez und Gerard Deulofeu vom FC Barcelona ausleihen. Die Borussia musste zwar auch den Verlust von Marc-Andre ter Stegen verkraften, doch mit Jan Sommer holte man sich einen gleichwertigen Ersatz ins Tor. Mit Andre Hahn, Thorgan Hazard und Fabian Johnson hat Favre zudem wesentlich mehr Alternativen auf den Außenpositionen.

4. Verletzungspech bei Sevilla

Cheftrainer Unai Emery muss gegen die Fohlen auf drei Stammspieler verzichten. Torwart Beto, der rechte Verteidiger Coke und Mittelfeldmann Stephane Mbia, die normalerweise gesetzt sind, fallen verletzungsbedingt aus. Im Sturmzentrum fehlt zudem Iago Aspas, der hinter Carlos Bacca der Edeljoker ist. Auf Gladbacher Seite kann Lucien Favre dagegen aus dem Vollen schöpfen: Andre Hahn, der sich zuletzt mit Achillessehnenproblemen herumplagte, ist ebenso wieder an Bord wie Abwehrchef Martin Stranzl (Schädelprellung).

5. Rückspiel im Borussia Park

Weil die Andalusier in fremden Stadien öfter schwächeln, müssen sie im Hinspiel fast schon zwingend vorlegen. Für Gladbach eine komfortable Situation, denn auch eine knappe Niederlage könnte der Favre-Elf im Endeffekt genügen. Im ausverkauften Borussia Park dürfte die Borussia stark genug sein, um den Spieß umzudrehen - notfalls auch über eine Verlängerung.

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