Finnlands Nationalspieler können heute Abend Sportgeschichte schreiben - Bildquelle: imago images / LaPresseFinnlands Nationalspieler können heute Abend Sportgeschichte schreiben © imago images / LaPresse

München - Heute Abend kann die finnische Fußball-Nationalmannschaft Geschichte schreiben. Ein Sieg trennt die Nordeuropäer von ihrer ersten Teilnahme an einer Europameisterschaft.

Die Euphorie in Finnland ist ungebrochen, obwohl der Fußball bisher stets im Schatten der Nationalsportart Eishockey stand. Das Team vom Cheftrainer Markku Kanerva, ein ausgebildeter Grundschullehrer, hat es selbst in der Hand, die Sensation zu schaffen.

Die Vorzeichen stehen bestens: Mit einem Sieg über Fußball-Zwerg Liechtenstein wäre das Ticket für die EM 2020 schon gelöst. Mit fünf Punkten auf Armenien und Bosnien-Herzegowina ist der Vorsprung üppig.

Selbst wenn Liechtenstein in Helsinki gewinnt, haben die zweitplatzierten Finnen eine weitere Chance. Am letzten Spieltag geht es nach Griechenland. Gruppenprimus Italien konnte das EM-Ticket bereits lösen.

Wird Pukkis großer Traum wahr?

"Ich vertraue darauf, dass unsere Jungs bereit sind und wir es schaffen werden", sagt Finnlands Lebensversicherung Teemu Pukki, "Wir werden gewinnen!". Der Stürmer von Norwich City hat bereits sieben Tore in der EM-Qualifikation erzielt - so viele wie Cristiano Ronaldo.

Der ehemalige Schalker ist mittlerweile Führungsspieler. "Ich bin froh, dass Teemu das Sieg-Versprechen gegeben hat. Es ist großartig, dass er das Selbstvertrauen hat. Wir brauchen diesen Glauben", sagt Abwehrspieler Paulus Arajuuri, der sonst in der ersten zypriotischen Liga kickt. Zuletzt jedoch schwächelte Pukki bei Norwich City. Nach einem starken Saison-Beginn traf er in den letzten sieben Liga-Spielen nicht mehr und steht mit den Team am Tabellenende der Premiere League.

Die ganz großen Namen sucht man im Aufgebot der Finnen vergeblich. Keiner der aktuellen Spieler kommt an den Status der Nationalhelden Jari Litmanen und Sami Hyypiä ran. Litmanen, einst eine halbe Saison für Hansa Rostock in der Bundesliga aktiv, ist noch immer Rekordtorschütze und -spieler seines Heimatlandes.

Hyypiä gewann 2005 mit dem FC Liverpool die Champions League. Der ehemalige Trainer von Bayer 04 Leverkusen war knapp 18 Jahre lang Nationalspieler Finnlands. Sein Weggefährte Litmanen trug drei Jahre länger das Suomi-Trikot.

Größter Fußball-Erfolg vor mehr als 100 Jahren

Den beiden war es aber nicht vergönnt, mit Finnland bei einem großen Turnier mitzuspielen. Denn auch für eine Weltmeisterschaft konnten sich die Nordeuropäer noch nie qualifizieren. Einer der bisher größten Erfolge in der Geschichte der finnischen Nationalmannschaft war der vierte Platz bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm.

Dass die Finnen hinter Italien auf dem zweiten Tabellenplatz liegen, ist sicherlich eine Überraschung. Doch nicht ohne Vorankündigung. Schon bei der Nations League trumpften die Finnen auf. Mit vier Siegen aus sechs Spielen und einem kuriosen Torverhältnis von 5:3-Toren setzten sie sich gegen Ungarn, Griechenland und Estland durch und schafften so den Aufstieg in Liga B.

Die Stärke der finnischen Mannschaft: ihr Auftreten als geschlossenes Kollektiv und eine stabil stehende Defensive. Das defensiv ausgerichtete 4-2-2-2-System hat sich für die Finnen bewährt. Nur acht Gegentore ließen sie in der EM-Qualifikation bisher zu, fünfmal spielten sie gar zu null.

Einziges Manko: die Torausbeute. Lediglich zwölf Treffer gelangen ihnen, wovon Pukki bekanntlich sieben erzielte. Das aber spricht für ihre Effektivität.

Stadion seit Wochen ausverkauft

Ein weiterer Garant für Finnlands Erfolg ist Lukas Hradecky, der sonst in der Bundesliga für Bayer 04 Leverkusen zwischen den Pfosten steht. Während Hradecky gegen Liechtenstein am Freitag das Tor hütet, fehlt dessen Leverkusener Mitspieler Joel Pohjanpalo. Der Angreifer und Pechvogel blieb am Dienstag im Training mit dem Fuß im Rasen hängen und fällt wieder länger aus. Bereits zuvor hatten ihn Verletzungsprobleme zu einer längeren Pause gezwungen.

Der Bundesliga-Profi will aber auf jeden Fall mit dabei sein und wird auf der Tribüne die Daumen drücken. "Ich will unser fantastisches Team vor Ort unterstützen. Ich glaube an jeden einzelnen Spieler, und dass die Mannschaft am Freitag unsere Träume wahr werden lässt."

An Unterstützung wird es der Mannschaft nicht mangeln. Die mit knapp 11.000 Zuschauer fassende Arena Telia 5G im Helsinki-Stadtteil Töölö ist seit Wochen ausverkauft. 

Und falls doch noch etwas schiefgehen sollte, gibt es noch eine Hintertür für die Finnen. Als ein Gruppensieger der Nations League Liga C haben sie ihren Platz für die Play-offs sicher.

Aber diesen Umweg wollen sie tunlichst vermeiden.

Benjamin Reibert

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