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München – "Der Jiangsu Football Club wird mit sofortiger Wirkung den Betrieb einstellen."

Jene deutlichen Worte waren vor wenigen Tagen in einer Pressemeldung der Suning Commerce Group zu lesen. Überraschend verkündete der Elektronikhändler mit Sitz in Nanjing das (zumindest vorübergehende) Aus des eigenen Fußballklubs. Man wolle sich, auch wegen der Einnahmeverluste im Zuge der Coronakrise, wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren. Und nicht mehr auf den Fußballverein, der einst sogar den Namen der Firma trug.

Es ist eine Meldung, die vor allem deswegen aufhorchen lässt, weil es sich beim Jiangsu Football Club nicht um einen beliebigen Provinzverein handelt. Sondern um den vor drei Monaten erstmals zum Meister gekrönten Sieger der Chinese Super League. Deren Frauen-Team im Jahr zuvor die Trophäe holte. Chinas erfolgreichster Klub also, der nun auf einen Schlag vor dem Aus steht.

Der Fußball-Boom in China - kurz, aber heftig

Dabei ist der Fall Jiangsu nur der vorläufige Höhepunkt einer traurigen Entwicklung im chinesischen Fußball, der unter der eigenen Last kollabiert ist. Carlos Tevez, Yaya Toure oder Hulk, auf der Trainerbank Rafa Benitez oder Fabio Capello: Die Liste der (Alt-)Stars, die in den vergangenen Jahren dem Ruf unwirklicher Ablösesummen und Gehälter in das asiatische Land folgten, um den Lieblingssport von Staatschef Xi Jinping dort populärer zu machen, ist lange wie prominent.

Der Fußball-Boom in China - er war kurz, aber heftig. Große Firmen wie eben Suning sprangen auf den Zug auf und öffneten die Geldbörsen. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, das Jiangsu stets so etwas wie das Epizentrum des unvernünftigen Fußball-Treibens war. 2016, ein Jahr nachdem der Elektronikriese den Klub aufgekauft hatte, schnappte der Verein dem FC Liverpool Alex Teixeira für 50 Millionen Euro vor der Nase weg. Und drei Jahre später wollte man Gareth Bale aus Madrid nach China locken. Mit einem Superstar-Status, der wohl seines gleichen gesucht hätte. Und natürlich mit einer Million Pfund Gehalt. Pro Woche.

Doch Traum von der Fußballgroßmacht China scheint ausgeträumt, die niemals zu enden scheinenden Geldströme sind versiegt. Und Jiangsu steht bei Weitem nicht als einzige Fußballruine da. Die Zahl der chinesischen Profiklubs, die im vergangenen Jahr wegen Finanzproblemen disqualifiziert wurden oder gleich freiwillig zurückgezogen hatten, liegt im zweistelligen Bereich. Mit Shandong Lueng darf zudem der chinesische Pokalsieger wegen "überfälliger Zahlungen" nicht an der kommenden Saison der asiatischen Champions League teilnehmen.

Was passiert mit Inter?

Selbiges droht auch Jiangsu. Wenn dort überhaupt noch einmal gespielt wird. Sowohl die reguläre Saison als auch die Königsklasse beginnen im April. Seit Monaten versucht Suning schon, den Klub zu verkaufen, bei Verbindlichkeiten von ungefähr 90 Millionen Euro, die vom neuen Besitzer übernommen werden müssten, gestaltet sich das aber als schwierig.

Und ohne neuen Investor wird es wiederum keinen Jiangsu FC mehr geben.

Die Zukunft des chinesischen Meister steht also in den Sternen. Und auch in Europa könnte der Kurswechsel von Suning, weg von Investments im Sport, noch relevant werden. Denn: Der chinesische Konzern hält auch zwei Drittel der Anteile an Inter Mailand. In Italien kursieren bereits Gerüchte, dass der Elektronikhändler auch den Serie-A-Klub in absehbarer Zeit weiterverkaufen möchte.

Immerhin: Dass der Traditionsverein aus Italien mit nur einer einzigen Pressemitteilung zum erliegen gebracht wird, müssen die Mailänder wohl nicht fürchten.

David Kreisl

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