Javi Martinez erzielte in seinem zweiten UEFA Supercup sein zweites Tor. - Bildquelle: imagoJavi Martinez erzielte in seinem zweiten UEFA Supercup sein zweites Tor. © imago

München/Budapest - Leon Goretzka gibt Alphonso Davies einen kurzen Klaps, für Javi Martinez nimmt er sich mehr Zeit.

Eine kurze Umarmung, ein kurzes Flüstern ins Ohr, dann trabt Martinez auf das Spielfeld. Es ist die 99. Minute im UEFA Supercup zwischen dem FC Bayern München und FC Sevilla.

Fünf Minuten später kommt jeder zu Martinez gestürmt. Thomas Müller lässt ihn erst gar nicht davontraben. David Alaba nimmt ihn sogleich in die Arme, Niklas Süle, Benjamin Pavard bilden eine Traube um ihn, Davies springt auf den Spielerknäuel, von Robert Lewandowski gibt es noch eine kleine Watschn.

"Für ihn freut es mich besonders", sagt auch Hansi Flick zum 2:1-Siegtreffer des Spaniers in der Verlängerung.

21 Titel mit dem FC Bayern

Dieses Kopfballtor, es könnte der krönende Abschluss für Martinez im Trikot des FC Bayern sein. Ein letztes Tor, ein letzter Titel. Sein 21. für die Münchner. Als Bundesliga-Rekordtransfer 2012 einst gekommen, als zweimaliger Champions-League-Sieger gehend.

In seiner ersten Saison für die Bayern holte der Defensivmann mit der Nummer 8 den Titel in der Königsklasse, anschließend traf er im UEFA Supercup gegen Chelsea. In seiner vermutlich letzten ebenfalls.

Wieder Sieg in der Champions League, wieder Tor im Supercup. Damals gegen Chelsea in der Nachspielzeit der Verlängerung, der Bayern ins Elfmeterschießen und dann den Titel brachte, am Donnerstagabend der Siegtreffer.

Beim Sponsorentermin nicht mehr dabei

Ausgerechnet Martinez. Derjenige, der vor dem Abschied steht. Der beim Sponsorentermin einer Brauerei schon nicht mehr mit auf dem Foto war. Das sind Geschichten, die nur der Fußball schreibt, heißt es dann immer.

"Das ist ein Traum", sagt Martinez bei "Sky". "Ich versuche immer 100 Prozent zu geben, wenn ich in diesem Trikot spiele, auch wenn es nur 10 oder 15 Minuten sind."

Aber Javi Martinez schreibt seine Geschichte selbst. Zumindest hat er es selbst in der Hand, sagt Trainer Hansi Flick. "Was seine Zukunft betrifft, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt", sagt der Coach auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, "das muss auch er alleine entscheiden."

Mit Martinez kommt die Stabilität zurück

Was er an ihm hat, weiß Flick auf jeden Fall. "Man kann sich immer auf ihn verlassen", lobt ihn der Coach - und als wäre es abgesprochen sagt er: "Wenn er gebracht wird, ist er zu 100 Prozent da. Mit seiner Erfahrung, mit seiner Mentalität."

Gerade auf diese Eigenschaften Martinez' setzt Flick auch, als er den Trainerposten von Niko Kovac übernimmt. Da macht Flick den Spanier zum Stabilisator in der unter Kovac noch löchrigen Bayern-Defensive.

Die Folge: ein 4:0 gegen Borussia Dortmund, Stammspieler bis zur Winterpause. Dann stoppt ihn eine Verletzung.

Martinez/Schweinsteiger - die beste Doppelsechs

Wie so oft in seiner Karriere. Nachdem Jupp Heynckes Martinez aus Bilbao nach München gelotst hatte, entwickelt er sich mit Bastian Schweinsteiger zur besten Doppelsechs der Welt.

Die Bayern überrennen in jener Saison auf dem Weg zum Champions League Triumph Gegner wie Juventus Turin mit Andrea Pirlo, wie den FC Barcelona mit Andres Iniesta und Xavi. 4:0, 3:0 in Hin- und Rückspiel. Eine Demütigung wie jetzt im Viertelfinale in Lissabon gegen Barcelona.

Danach übernimmt Pep Guardiola, Javi soll statt von der Doppelsechs als Spieleröffner aus der Innenverteidigung agieren. Stattdessen Kreuzbandriss in Peps erstem Pflichtspiel, dem Supercup gegen Borussia Dortmund. Javis erste Saison unter Guardiola ist beendet, bevor sie beginnt.

Müller: "Super Kollege und verrückter Vogel"

Den Status, den er unter Heynckes hat, erhält er nie zurück. Nicht unter Guardiola, nicht unter Carlo Ancelotti, nicht unter Kovac.

Martinez ist einer der letzten Verbliebenen aus der Heynckes-Ära. Er steht für die Generation Schweinsteiger und Lahm - für den mittlerweile alten FC Bayern. Jetzt ist es aber der neue - und für ihn geht es daher voraussichtlich wieder zurück nach Bilbao.

"Ich weiß nicht, was in den nächsten Tagen passiert", sagt Martinez, "aber wenn ich mich so verabschiede, ist das natürlich ein Traum, etwas Unglaubliches."

Für Müller, der mit Martinez seit dessen Ankunft im August 2012 zusammenspielt, ist das Tor und der Titel "die Kirsche auf der Sahne". Wenn auch etwas schmerzhaft, denn sollte Javi gehen, verliere die Mannschaft "einen super Kollegen und verrückten Vogel".

Ein letztes Mal Bundesliga?

Aber wer weiß, vielleicht erhält der verrückte Vogel noch ein weiteres Abschiedsspiel in der Bundesliga. Am Sonntag geht es für die Münchner zur TSG 1899 Hoffenheim. Ob er dann noch einmal mit der Nummer 8 für die Münchner aufläuft, kann er selbst nicht beantworten.

Nur eines weiß er. "Wenn ich dabei bin, werde ich alles geben." Zu 100 Prozent.

Rainer Nachtwey

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