DFB-Direktor Oliver Bierhoff im exklusiven Interview mit ran.de. - Bildquelle: gettyDFB-Direktor Oliver Bierhoff im exklusiven Interview mit ran.de. © getty

ran.de: Oliver Bierhoff, die ersten Länderspiele nach der Corona-bedingten Zwangspause liegen noch nicht allzu lange hinter uns. Die deutsche A-Nationalmannschaft spielte in der UEFA Nations League sowohl gegen Spanien als auch gegen die Schweiz 1:1 und die U21, immerhin aktueller Vize-Europameister, besiegte in der U21-EM-Qualifikation Moldau zwar mit 4:1, musste in Belgien aber eine klare 1:4-Pleite hinnehmen. Wie fällt Ihr Fazit dieser Länderspielpause aus?

Oliver Bierhoff: "Man sieht daran gut, dass sich der deutsche Fußball schon strecken und anstrengen muss, um wieder an die Weltspitze zurückzukommen. Das ist unser Anspruch. Mit der A-Nationalmannschaft, aber auch unserem Nachwuchs. Wir haben bei der A-Nationalmannschaft vor rund eineinhalb Jahren den Umbruch gestartet und das Team nimmt auch eine gute Entwicklung. Gegen Spanien und die Schweiz haben sechs Spieler gefehlt, die zum Teil Leistungsträger bei uns sind. Und auch wenn es sicherlich ärgerlich ist, dass wir gegen Spanien in der letzten Minute den Ausgleich kassiert haben, so ist es trotzdem eine ordentliche Leistung gewesen gegen eine Mannschaft, die in der Weltrangliste vor uns steht und über weit mehr internationale Erfahrung verfügt als unsere Spieler. Aber wir wollen natürlich mehr. Wir werden im Oktober und November zeigen, dass wir in der Nations League dominant sein und gute Ergebnisse erzielen wollen. Bei der U21 zeigt sich hingegen ein Trend, auf den wir auch schon in den jüngeren Jahrgängen hingewiesen haben: Stefan Kuntz leistet als U21-Trainer hervorragende Arbeit, kann derzeit aber nicht auf das Spielerrepertoire zurückgreifen, das er vielleicht noch vor vier oder acht Jahren zur Verfügung gehabt hätte. Auch deshalb möchten wir gemeinsam mit der DFL und den Vereinen das 'Projekt Zukunft' umsetzen, um wieder vermehrt deutsche Spitzentalente auszubilden."

ran.de: Wie sehen Sie die Entwicklung der deutschen A-Nationalmannschaft seit dem bitteren Aus bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland?

Bierhoff: "Das war damals natürlich ein harter Schlag und wir mussten wieder bei null anfangen. Wenn nicht sogar im Minus – die Stimmung war extrem gedrückt, die Mannschaft hatte eine große Last zu tragen und in der Nations League mit Frankreich und den Niederlanden gleich wieder zwei starke Gegner vor der Brust. Ich würde sogar das erste halbe Jahr nach dem WM-Aus noch ein wenig ausklammern, weil unser Bundestrainer Joachim Löw erst danach die Entscheidung getroffen hat, den kompletten Umbruch anzugehen. Er gab den jungen Spielern viele Räume und schenkte ihnen Vertrauen, um den Neuaufbau einzuleiten. Wenn wir auf andere Nationen blicken, dann dauert es zum Teil fünf, sechs Jahre, um wieder auf das alte Niveau zu kommen. Wir haben von den vergangenen zwölf Spielen lediglich eins verloren, sehr viele junge und interessante Spieler aufgebaut, dabei aber natürlich auch Schwächen gezeigt. Diese wollen wir in Zukunft noch ausmerzen. Ich glaube, dass unsere jungen Spieler auch davon profitieren werden, dass sie mit ihren Vereinsmannschaften internationale Erfahrung auf hohem Niveau sammeln – wie es etwa zuletzt den Jungs beim FC Bayern, bei Paris und bei RB Leipzig gelang, oder Timo Werner und Kai Havertz dies in Zukunft mit Chelsea schaffen können. Das wird auch der Nationalmannschaft guttun. Allerdings haben wir noch einen längeren Weg vor uns. Was mich jedoch positiv stimmt, ist die Begeisterung und die Geschlossenheit, mit der die Jungs da ran gehen."

ran.de: Können Sie verstehen, dass in der Öffentlichkeit immer wieder Rufe nach aussortierten Spielern wie Thomas Müller laut werden? Oder nervt Sie dieses Thema mittlerweile sogar?

Bierhoff: "Das ist verständlich. Es war in der Nationalmannschaft schon immer so, dass Spieler, die in ihren Vereinen gut und erfolgreich spielen, ein Thema sind. Und es steht doch auch außer Frage, dass Thomas Müller leistungstechnisch immer noch in der deutschen Nationalmannschaft aktiv sein könnte. Es ist aber viel mehr eine Entscheidung gewesen, mit einer jungen Mannschaft den Umbruch anzugehen und etwas Neues aufzubauen – etwa auch mit Blick auf die Heim-EM 2024. Bei der WM 2018 kam beispielsweise auch immer wieder die Diskussion auf, ob man nicht eher den jüngeren Spielern, die beim Confed-Cup ein Jahr zuvor so überzeugt haben, eine Chance hätte geben sollen. Und bei aller Wertschätzung, nicht nur für Thomas Müller, sondern auch für Jerome Boateng oder Mats Hummels, ist es aus meiner Sicht der richtige Weg, den jungen Spielern jetzt auch deutlich zu machen, dass wir ihnen vertrauen und dass sie Räume zur Weiterentwicklung bekommen. Zumal wir ja auch gerade im Offensivbereich unter anderem mit Serge Gnabry, Leroy Sane, Kai Havertz oder Timo Werner sehr interessante Spieler mit unglaublich viel Potenzial haben."

ran.de: Es heißt ja auch immer wieder, der deutschen Nationalmannschaft würde es an richtigen Typen fehlen. Wie empfinden Sie dann einen Debütanten wie Robin Gosens, der sich nach dem bitteren 1:1 gegen Spanien ans Mikrofon stellt und fast schon erfrischend deutlich sagt, dass es ihm dieses Endergebnis "auf den Zünder geht"?

Bierhoff: "Zunächst einmal freut es mich, dass die Spieler sich wahnsinnig über das Gegentor geärgert haben. Das zeigt, dass sie wirklich mit dem Herzen dabei sind. Robin ist natürlich ein interessanter und außergewöhnlicher Typ, der auch einen ganz anderen Weg in seiner Karriere gegangen ist. Es ist wirklich spannend, wenn man sich mit ihm unterhält. Er tut der Mannschaft auch mit seiner Art gut. Wir haben diese Diskussion zu den angeblich fehlenden Typen ja immer wieder – ich finde aber, dass wir bereits einige solcher jungen Typen bzw. Persönlichkeiten haben – wie einen Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Julian Brandt, Leroy Sane oder Serge Gnabry. Sie bringen das anders rüber, als das noch vor zehn, 20 Jahren der Fall war. Es herrscht eine andere Leadership- und Führungskultur. Dafür steht diese neue, junge Generation. Wenn ich daran denke, wie sich auch viele unserer Nationalspieler in der Coronakrise sozial engagiert haben, finde ich das sehr bemerkenswert."

ran.de: Es macht sich auch generell das Gefühl breit, dass die DFB-Elf seit einiger Zeit immer wieder mächtig in der Kritik steht und auch ein Stück weit an ihrem sonst so positiven Image eingebüßt hat. Wie nehmen Sie das persönlich wahr?

Bierhoff: "Ich versuche diesbezüglich, in alle Ebenen reinzuhören und ein realistisches Gespür für die Stimmung zu bekommen. Wenn ich es mit einem Geschäft vergleichen würde, würde ich sagen: einen Kunden zu gewinnen, ist sehr schwierig – ihn zu verlieren, geht dagegen sehr schnell. Wir haben unsere Fans bei der WM 2018 stark enttäuscht, nun möchten wir sie wieder zurückgewinnen. Viele Auftritte unserer jungen Mannschaft hatten schon erste Funken von diesem begeisternden Fußball, den wir uns alle wünschen. Daran möchten wir anknüpfen, damit wieder diese große Euphorie rund um Länderspiele herrscht. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb: Wir hatten in der Zeit vor der Coronakrise bereits mehrere Trainingseinheiten für Fans geöffnet und mehr Nähe gelebt, darüber hinaus engagieren wir uns sozial. Doch das braucht alles seine Zeit und vor allem - wir sind ja im Fußball - braucht es emotionale, gute Ergebnisse. Da helfen dann solche Siege wie gegen die Niederlande in letzter Sekunde. So etwas bringt den Fans natürlich Freude. Misserfolge, wie der späte Ausgleich gegen Spanien, dämpfen das dann wieder ein wenig."

ran.de: Sind in diesem Zusammenhang vielleicht auch außerhalb des Rasens Fehler gemacht worden?

Bierhoff: "Das kommt sicherlich noch hinzu und aus jedem Fehler lernen wir dazu. Wir wissen aber auch, dass gerade bei der Nationalmannschaft die Messlatte extrem hoch gelegt wird. Das ist gerade den jungen Spielern gegenüber aus meiner Sicht hier und da ein bisschen ungerecht. Aber wir müssen damit leben und versuchen, den Anforderungen gerecht zu werden. Denn – und das steht über allem – wir haben eine Vorbildfunktion."

ran.de: Inwiefern haben Sie auch das Gefühl, dass alle Geschehnisse rund um die deutsche Nationalmannschaft auf die Goldwaage gelegt werden? So wie beispielsweise der Flug nach Basel zum Länderspiel gegen die Schweiz …

Bierhoff: "Es zeigt letztlich die Bedeutung dieser Mannschaft, wie intensiv unsere Handlungen bewertet und diskutiert werden. Wir tun gut daran, nicht nur die schönen Seiten mitzunehmen, sondern auch aus unglücklichen Momenten zu lernen. Über zwölf, 14 Jahre war vieles sehr positiv, die vergangenen zwei Jahren waren etwas holpriger. Das muss ein Ansporn für uns sein, wieder in dieses absolut positive Bild zu kommen. Und wir müssen auch akzeptieren, dass die Maßstäbe bei uns nochmals andere sind als bei einer Vereinsmannschaft. Umso mehr heißt es für uns, aufzupassen und Entscheidungen genau abzuwägen."

ran.de: Im kommenden Jahr 2021 sollen unter anderem eine U21-Europameisterschaft in Slowenien und Ungarn, vor allem aber auch die große Europameisterschaft in elf europäischen Städten stattfinden. Inwiefern halten Sie die Durchführung dieser Turniere im Hinblick auf die nach wie vor weltweit grassierende Corona-Pandemie für möglich?

Bierhoff: "Jede Prognose ist schwer. Wir sind uns bewusst, dass uns das Coronavirus noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Wir sollten erstmal den Herbst und anschließend den Winter 2021 abwarten. Der Fußball hat in der Coronakrise gut reagiert und mit seinen Hygienekonzepten auch Vorarbeit für andere Branchen geleistet. Ich glaube, dass die Betreuung einer Mannschaft, wenn sie die ganze Zeit abgeschirmt in einer Art Blase ist, sehr gut möglich ist. Viel schwieriger und kritischer wird es leider bei der Zuschauerfrage: Da ist für mich die große Frage, ob diese EM ein Fanfest oder eben nur eine Fußball-Europameisterschaft mit Spielen wird. Insofern ist es wichtig, dass wir jetzt Erfahrungen sammeln rund um die schrittweise Rückkehr von Fans in die Stadien. Allerdings: Über allem muss stets die Gesundheit der Menschen stehen."

ran.de: Ist es Ihrer Meinung nach vielleicht sogar vorstellbar, diese Turniere komplett ohne Zuschauer stattfinden zu lassen?

Bierhoff: "Hinter jedem Turnier stehen administrative, organisatorische, rechtliche und auch wirtschaftliche Themen gegenüber Partnern und Rechteinhabern, dafür muss man erst einmal Lösungen finden. Das andere ist, dass jeder Spieler eine Europameisterschaft bestreiten möchte. Genauso wie Olympische Spiele. Bei den Olympioniken sehe ich das fast noch dramatischer, sie haben sich unter Umständen vier Jahre lang darauf vorbereitet, ihr Privat- und Berufsleben komplett danach ausgerichtet und dann fällt so ein Großereignis einfach weg. Deswegen sollte man diese Veranstaltungen nicht so leichtfertig aufgeben. Wir haben bei der Champions League gesehen, dass es funktionieren kann. Auch, wenn sie am Ende natürlich nicht annähernd so war, wie wir sie kennen. Selbst eingefleischte Bayern-Fans haben mir gesagt, dass sie sich über den Titel zwar gefreut haben, aber ihnen trotzdem etwas gefehlt hat. Das wird auch so bleiben, solange die Fans nicht ins Stadion dürfen. Aber einen Spielbetrieb würde man – aus heutiger Sicht – wohl im nächsten Sommer hinbekommen."

ran.de: Der Rahmenterminkalender ist bis zur EM im kommenden Jahr sehr eng, Bundestrainer Löw hat seinen Unmut darüber bereits geäußert und auch die Vereine sind darüber sehr verärgert und wollen ihre Spieler aus Angst vor Verletzungen am liebsten gar nicht für Länderspiele abstellen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Bierhoff: "Jogi hat sich als leidenschaftlicher Trainer geäußert, der natürlich auch sieht, was da in den kommenden Wochen alles auf die Spieler zukommt. Dennoch werden wir als Nationalmannschaft alles dafür tun, unsere Spiele mit allem Engagement und vollem Enthusiasmus zu gestalten. Aber selbstverständlich stellt der enge Rahmenterminkalender uns alle vor große Herausforderungen. Mit unserer DFB-Akademie haben wir gemeinsam mit den Vereinen einen Belastungsleitfaden entwickelt, wir müssen eng im Austausch sein – nicht nur auf der Führungsebene, sondern auch zwischen den Athletiktrainern, den Medizinern, den Ernährungswissenschaftlern etc.. Ich verstehe auch die Vereine, die Belastung ist hoch und teilweise kommt dann noch hinzu, dass man in Risikogebiete fliegt – sei es für die internationalen Klubwettbewerbe oder bei der Nations League. Wir vom DFB versuchen aber zu jeder Zeit, für die Sicherheit und Gesundheit unserer Spieler zu sorgen. In der September-Länderspiel-Phase hat unser Hygienekonzept sehr gut gegriffen, das schafft Vertrauen. Ich spüre auch die Unterstützung der Vereine. Sie sind ebenfalls daran interessiert, dass Deutschland eine erfolgreiche Nationalmannschaft hat und dass die Spieler dann auch dementsprechend abgestellt werden."

Das Interview führte: Dominik Hechler

Teil 1: Bierhoff über Nationalmannschaft, Müller und Zuschauerfrage

Teil 2: Bierhoff über den DFB-Nachwuchs, Zukunftsstrategien und Ausnahmetalente

Teil 3: Bierhoff über den Bundesligastart, Hansi Flick und die Transfers von Kai Havertz und Timo Werner

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