Harry Kane spielt seit der Jugend für die Tottenham Hotspurs - Bildquelle: Getty ImagesHarry Kane spielt seit der Jugend für die Tottenham Hotspurs © Getty Images

ran.de: Owen Hargreaves, zum Abschluss der Nations-League-Gruppenphase trifft England im Londoner Wembley-Stadion auf Deutschland. Der "Klassiker" wird zum Duell der Verlierer - England verlor zuletzt mit 0:1 in Italien, die DFB-Elf unterlag Ungarn mit dem gleichen Ergebnis. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Begegnung? 

Owen Hargreaves: "Ich denke, beide Mannschaften befinden sich aktuell in einer schwierigen Phase und sowohl England als auch Deutschland haben so ihre Probleme. Natürlich liegt der Fokus bei beiden Teams voll und ganz auf der Weltmeisterschaft in Katar, dennoch ist das nächste Spiel immer das wichtigste und sie wollen dementsprechend immer versuchen, ihre Partien zu gewinnen. England hat vor allem in der Offensive sehr viele junge und talentierte Spieler im Kader, aber in den letzten fünf Partien trotzdem nur ein Tor erzielt. Das finde ich schon sehr überraschend.

Kein Wunder also, wenn es aktuell in den Medien und auch generell in der Öffentlichkeit immer mehr kritische Stimmen gibt – sowohl in England als auch in Deutschland. Das ist aber auch logisch, da die WM nur noch zwei Monate entfernt ist und wenn man dann solche Negativergebnisse erzielt, wird das Umfeld ein bisschen nervös. Dementsprechend ist das Spiel in Wembley für beide Mannschaften die große Chance, mit einem Sieg für neuen Schwung zu sorgen." 

 

ran.de: England konnte in der Nations League kein einziges Spiel gewinnen, unterlag zwischenzeitlich sogar Ungarn zu Hause mit 0:4. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Probleme der "Three Lions"? 

Hargreaves: "Ich finde zunächst einmal, dass Gareth Southgate in seiner bisherigen Amtszeit als englischer Nationaltrainer einen super Job gemacht hat. Aber natürlich zählen im Fußball nur die Ergebnisse – und die sind im Augenblick nicht da. Ich habe die Problematik mit den zu wenig erzielten Toren ja bereits angesprochen. In der Defensive waren sie vor allem bei den Turnieren eigentlich immer solide und stabil. Und auch bei den Standards war England immer gefährlich. All das ist momentan nicht mehr da. Harry Kane ist der einzige Spieler, der konstant seine Tore macht.

Raheem Sterling oder Phil Foden sind eigentlich auch sehr torgefährlich, aber sie treffen aktuell einfach nicht mehr. Marcus Rashford war beispielsweise noch ein Stürmer, der immer viele Treffer erzielen konnte. Aber dann hat er bei Manchester United nicht mehr regelmäßig gespielt, wurde dementsprechend auch in der Nationalmannschaft nicht mehr so oft eingesetzt und dann war er lange verletzt. So ein Torjäger fehlt der englischen Mannschaft einfach. Und da sehe ich beispielsweise für Jack Grealish, Mason Mount oder eben Sterling die Möglichkeit, diese Rolle zu übernehmen, um Kane auf dem Rasen zu unterstützen. Das Talent ist auf jeden Fall da. Genauso wie in Deutschland. Aber es muss sich auf jeden Fall etwas ändern, damit beide Teams wieder erfolgreich sein werden." 

ran.de: Der englische Nationaltrainer Gareth Southgate steht im Zentrum der Kritik. Wie bewerten Sie seine Rolle? 

Hargreaves: "Wenn man zurückschaut, auf die Nationaltrainer, die mit ihren Mannschaften in der Vergangenheit große Erfolge feiern konnten, dann waren das immer Coaches, die Zeit bekommen haben. Ich denke da beispielsweise an Vicente Del Bosqe mit Spanien, Joachim Löw mit Deutschland oder Didier Deschamps mit Frankreich. Es ist einfach so: man braucht wirklich Zeit, um etwas entwickeln zu können und erfolgreich zu sein. Aber natürlich ist irgendwann auch mal der Moment gekommen, an dem man eine Trophäe gewinnen muss. England war mit Halbfinal- und Finalteilnahmen bei den letzten Turnieren schon sehr nah dran und ich glaube fest daran, dass die Möglichkeit groß ist, auch noch den letzten Schritt zu gehen. Denn das Team ist noch sehr jung. Southgate hat also definitiv noch die Möglichkeit, den Umschwung zu schaffen. Er hat ein super Team mit überragenden Spielern. Und in meinen Augen sind die Besten immer dann die Besten, wenn sie unter Druck stehen. Das können sowohl England als auch Deutschland im direkten Duell nun beweisen." 

ran.de: Inwiefern müsste auch Kapitän Harry Kane mehr voran gehen? 

Hargreaves: "Die Rolle eines Kapitäns wie vor 15, 20 Jahren gibt es so nicht mehr. Der Fußball und generell das gesamte Leben haben sich verändert. Die Beziehung zu einem Chef oder einem Kapitän im Fußball ist heute ganz anders. Ich hatte in meiner aktiven Zeit mit Stefan Effenberg und Oliver Kahn super Mannschaftsführer beim FC Bayern. Aber man sieht heute ganz deutlich, dass man ein Team nicht mehr mit so viel Lärm und Stress anführen muss. Ich denke an Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Toni Kroos oder Ilkay Gündogan – sie alle zeigen, dass es auch anders geht. Mit viel Kommunikation, viel Sympathie. Es ist nicht mehr so, dass einer klar sagt wo es lang geht. Die jungen Spieler hinterfragen heutzutage alles. Und das ist auch gut so. In meiner Zeit hätte sich keiner getraut zu seinem Trainer zu sagen: 'Warum soll ich das machen?'.

In der heutigen Zeit ist es ein großes Miteinander, es wird erklärt, warum gewisse Dinge gemacht werden sollen und manche eben nicht. Und dafür ist Kane in meinen Augen perfekt. Er ist ein ruhiger Typ. Aber mir ist es lieber, wenn jemand weniger spricht, dafür aber Leistung bringt. Das macht Kane. Aber er braucht auch Unterstützung. Zum Beispiel von Jude Bellingham. Das ist ein überragender Spieler, mit viel Talent, aber auch einer extrem stabilen Emotionalität. Das ist etwas ganz Besonderes. Aber auch Sterling, Declan Rice, Kyle Walker, John Stones – diese Jungs müssen Kane zwingend unterstützen. Und ich glaube, das werden sie in Zukunft auch tun." 

ran.de: Es gibt immer wieder Gerüchte, dass Kane in der kommenden Saison zum FC Bayern wechseln könnte. Ist so ein Wechsel für Sie vorstellbar und würde er überhaupt an die Säbener Straße passen? 

Hargreaves: "Ich bin kein großer Fan von Gerüchten. Aber sicherlich würde jede Mannschaft in Europa gerne einen Harry Kane im Team haben. Ich glaube allerdings, dass er bei Tottenham Hotspur schon jetzt bei einem Top-Klub unter Vertrag steht und mit Antonio Conte auch noch einen richtig guten Trainer hat. Zudem denke ich, dass er alle Rekorde in der Premier League brechen möchte – und er hat alle Möglichkeiten dafür. Dennoch ist es selbstverständlich die Aufgabe eines Top-Klubs wie dem FC Bayern mal bezüglich Kane nachzufragen. Aber er gehört Tottenham und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er nächstes Jahr nicht mehr in London spielt." 

ran.de: Mit welchen Gefühlen blicken Sie nach den Auftritten der Engländer in der Nations League nun in Richtung WM in Katar? 

Hargreaves: "Man wird abwarten müssen. Es gibt aktuell viel Kritik und negative Energie. Aber jedes Spiel ist eine neue Möglichkeit, eine neue Chance. Wenn du als kleines Kind anfängst, Fußball zu spielen und mit der Familie zu Hause die Weltmeisterschaft zu schauen, dann ist es dein größter Traum, da mitspielen zu dürfen. Für und vor all deinen Landsleuten. Natürlich erzeugt das auch Druck und Stress, aber letztendlich ist es eine enorme Chance und Möglichkeit. Und ich denke, die Engländer werden die Mannschaft unterstützen. Weil wir Fußball lieben. Ich bin selbst sehr gespannt. Denn bei dieser Mannschaft geht entweder alles oder nur sehr wenig. Aber sie haben die große Möglichkeit, viele Menschen glücklich zu machen. Und ich denke, sie werden definitiv dafür bereit sein. Und dann müssen sie den nächsten Schritt gehen – so wie es in der Vergangenheit auch schon Spanien, Frankreich oder Deutschland geschafft haben. Ich hoffe sehr, dass sie dazu in der Lage sein werden." 

 

ran.de: Und wie bewerten Sie die Situation bei der deutschen Nationalmannschaft? 

Hargreaves: "Ungarn hat es gegen Deutschland wirklich sehr gut gemacht. Wenn man eine offensiv so stark besetzte Mannschaft wie Deutschland sieht, glaubt man natürlich, dass bei Spielern wie Kai Havertz, Leroy Sane, Jamal Musiala oder Thomas Müller viele Tore fallen müssen. Aber wenn man viel Ballbesitz hat und sehr hoch steht, dann ist man immer sehr anfällig für Konter. Bei England ist das genauso. Wenn man in der Vorwärtsbewegung den Ball verliert, muss man schnell umschalten – und das hat bei Deutschland gegen Ungarn nicht wirklich funktioniert.

Aber das ist auch ein schmaler Grat. Es sind kurze, schnelle Momente, die auf diesem Niveau letztendlich entscheidend sein können. Und genau auf die kommt es an. Dennoch finde ich, dass Deutschland unter Hansi Flick einen richtig schönen, offensiven Fußball spielen lässt. Und genau wie bei England finde ich, dass beim DFB-Team viel Talent und ein sehr guter Trainer vorhanden sind. Die Voraussetzungen stimmen also. Jetzt müssen sie das nur noch auf den Platz bringen. Ich traue allerdings sowohl England als auch Deutschland bei der WM so einiges zu." 

Das Interview führte: Dominik Hechler

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DFB FAQ 1


Gegen wen spielt Deutschland bei der WM 2022 in der Gruppenphase?

Deutschland spielt bei der WM in Gruppe E gegen Spanien, Japan und Costa Rica:

  • Gruppenspiel Deutschland – Spanien am 27.11. um 20 Uhr live im ZDF 
  • Gruppenspiel Deutschland – Japan am 23.11. um 14 Uhr live in der ARD
  • Gruppenspiel Deutschland – Costa Rica am 1.12. um 20 Uhr live in der ARD

DFB-Team: Wer zeigt die deutschen Spiele bei der WM live?

Alle WM-Spiele des DFB-Teams in der Vorrunde und der möglichen K.o.-Phase werden von ARD und ZDF gezeigt. Auch die Halbfinals und das Endspiel werden im Free-TV übertragen. Das ZDF zeigt am 27.11. Deutschland gegen Spanien, die ARD überträgt am 23.11. das Gruppenspiel gegen Japan, sowie am 1.12. das Duell mit Costa-Rica.


WM 2022: Wie sieht der deutsche Kader bei der WM aus?

26 Spieler konnte Bundestrainer Hansi Flick für die WM 2022 in Katar nominieren:

Tor: Manuel Neuer (FC Bayern München), Marc-André ter Stegen (FC Barcelona), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt)

Abwehr: Antonio Rüdiger (Real Madrid), Niklas Süle (Borussia Dortmund), Nico Schlotterbeck (Borussia Dortmund), Thilo Kehrer (West Ham United), David Raum (RB Leipzig), Christian Günter (SC Freiburg), Lukas Klostermann (RB Leipzig), Armel Bella Kotchap (FC Southampton), Matthias Ginter (SC Freiburg)

Mittelfeld und Angriff: Leon Goretzka (FC Bayern München) Joshua Kimmich (FC Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Jonas Hofmann (Borussia Mönchengladbach), Serge Gnabry (FC Bayern München), Jamal Musiala (FC Bayern München), Thomas Müller (FC Bayern München), Leroy Sané (FC Bayern München), Kai Havertz (FC Chelsea), Karim Adeyemi (Borussia Dortmund), Youssoufa Moukoko (Borussia Dortmund), Julian Brandt (Borussia Dortmund), Niclas Füllkrug (Werder Bremen), Mario Götze (Eintracht Frankfurt)


WM 2022 in Katar

3. Spieltag Gruppenphase

29.11.2022

30.11.2022

01.12.2022 

Spielplan WM 2022 Katar - DFB Nationalmannschaft Gruppe E