Oliver Bierhoff im exklusiven Interview mit ran.de. - Bildquelle: gettyOliver Bierhoff im exklusiven Interview mit ran.de. © getty

ran.de: Oliver Bierhoff, mit Florian Neuhaus, Robin Koch, Jonathan Tah, Suat Serdar und Luca Waldschmidt haben in den vergangenen zwei Jahren einige Spieler den großen Schritt von der deutschen U21 in die A-Nationalmannschaft geschafft. Was sagt das über die Arbeit von U21-Bundestrainer Stefan Kuntz aus?

Bierhoff: "Als er zu uns kam, waren wir vor allem froh, dass er so ein großer Kommunikator ist, der Menschen gut zusammenbringt. Er besitzt viel Fußballexpertise – auch aufgrund seiner eigenen Karriere hat er eine unglaubliche Authentizität und Glaubwürdigkeit gegenüber seinen Spielern. Er hat sich auch ein gutes Funktionsteam um sich herum aufgebaut, so dass die Arbeit bestens aufgeteilt ist. Und letztlich soll es ja auch so sein, dass möglichst viele Spieler den Sprung von der U21 zur A-Nationalmannschaft schaffen. Stefan hat es mit seiner Art geschafft, dass die Spieler immer gerne und mit viel Leidenschaft zur U21 kommen und sie eben auch als Chance und Sprungbrett zur A-Nationalelf sehen und wahrnehmen."

ran.de: Wie nehmen Sie ihn als Trainer, aber auch in der Zusammenarbeit mit Joachim Löw wahr?

Bierhoff: "Was mich dabei vor allem freut, ist, wie sportlich er mit Rückschlägen für sich und sein U21-Team umgeht. Wenn Stefan seine womöglich besten Spieler an die A-Mannschaft 'verliert', auf die er eigentlich gerade gebaut hat, dann sieht er das als absoluten Gewinn für den deutschen Fußball und freut sich mit den Jungs. Es ist einfach toll, wie er seine Rolle annimmt und wie er damit die A-Nationalmannschaft unterstützt. Unabhängig davon ist er nicht nur ein guter Trainer, sondern auch ein super Botschafter für den DFB. Stefan hat derzeit mit der U21 keine leichte Aufgabe. Da kann er sich jetzt also nochmal auszeichnen (lacht)."

ran.de: Kuntz hat in den vergangenen Monaten nach der U21-EM in Italien und San Marino 2019 immer wieder darauf hingewiesen, dass nun die etwas schwächeren Jahrgänge beim DFB kommen würden und man sich gegebenenfalls auch ein wenig auf eine sportliche Durststrecke einstellen müsste. Wie schätzen Sie die Situation im DFB-Nachwuchs ein?

Bierhoff: "Wir merken die klare Tendenz, dass wir eingreifen müssen. Das wollen wir mit dem neu auf den Weg gebrachten „Projekt Zukunft“ jetzt auch tun – gemeinsam mit der DFL und den Vereinen. Wir haben einen sehr konstruktiven Austausch miteinander und ziehen an einem Strang. Wir möchten die Ausbildung unserer Spieler und Trainer deutlich weiterentwickeln. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren in unseren Leistungszentren und -stützpunkten wirklich hervorragende Arbeit geleistet, aber wir müssen jetzt reagieren, die nächsten Schritte einleiten und dabei nicht zwingend eine Kehrtwende herbeiführen, uns aber deutlich in eine andere Richtung bewegen. Das bedarf Zeit und bedeutet, dass wir das für die älteren Jahrgänge wie die U21, U19, U18 oder U17 ein Stück weit kompensieren müssen. Aber schon da merken wir, dass die Auswahl an herausragenden Spielern pro Mannschaft schon extrem gegenüber früheren Jahrgängen abnimmt. Man sieht diesen Trend ja auch in der Bundesliga: Da werden mittlerweile sehr häufig unter anderem französische oder englische Talente über Transfers verpflichtet. Der deutsche Nachwuchs erhält zeitgleich zu wenig Spielpraxis. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich die deutschen Spieler am Ende qualitativ steigern müssen."

ran.de: Mit Florian Wirtz war nun zum ersten Mal ein 17-Jähriger für die deutsche U21 nominiert, von dem man sich beim DFB auch in Zukunft sehr viel erwartet. Was hat dieser Spieler, was die anderen in seinem Jahrgang vielleicht nicht haben? Zum Beispiel auch ein Youssoufa Moukoko von Borussia Dortmund, der im November erst 16 Jahre alt wird.

Bierhoff: "Das sind natürlich Ausnahmetalente, die für ihr Alter extrem weit sind. Entsprechend müssen sie von ihren Vereinen, aber auch uns, langsam und kontinuierlich gefördert und weiterentwickelt werden. Es gibt pro Jahrgang immer wieder solche Ausnahmespieler, die besondere Qualitäten mitbringen, die Naturtalente sind, und durch die Förderstrukturen im deutschen Fußball noch stärker werden. Aber wichtig ist auch, dass wir neben diesen Naturtalenten eine Breite an talentierten Spielern entwickeln. Dabei wollen wir auch die leisen, „flüsternden Talente“ mit ihrem Potenzial fördern."

ran.de: Kuntz hat uns im gemeinsamen Interview ebenfalls verraten, dass man sich in der Corona-Pause sehr viel auch im internationalen Fußball umgeschaut habe, um sich so auch Anregungen zu holen, die man dann auf den Juniorenbereich im DFB übertragen könnte. Was meint er konkret damit? Und wo sehen Sie in der DFB-Jugend noch Nachholbedarf?

Bierhoff: "Wir haben uns vor allem im Zusammenhang mit dem „Projekt Zukunft“ damit beschäftigt, insbesondere unser Sportlicher Leiter Joti Chatzialexiou, der federführend für das Projekt zuständig ist. Er ist zu Vereinen in Europa gereist, um die Frage zu klären, was andere Nationen in den vergangenen Jahren vielleicht besser gemacht haben als wir. Ich denke da zum Beispiel an Belgien, das zuletzt als kleine Fußballnation immer wieder richtig gute Spieler hervorgebracht hat. Als Ergebnis haben wir für uns daraus abgeleitet, dass fast der komplette Jugendbereich viel zu ergebnisorientiert ausgerichtet ist. Und genau diese Ergebnisorientiertheit der Trainer, Vereine und auch Spieler führt dazu, dass es derzeit nicht darum geht, die Spieler zu entwickeln, sondern einzig und allein darum, die Partien zu gewinnen. Wir wollen dem jetzt entgegenwirken, indem wir mehr Spaß, mehr Ballkontakte und mehr Flexibilität ins Spiel bringen – etwa durch kleine Spielformen wie Zwei-gegen-Zwei, Drei-gegen-Drei oder Vier-gegen-Vier. Im älteren Jugendbereich überlegen wir gerade, die konkrete Talentförderung durch die Trainer noch intensiver zu gestalten. Mit Mentoring, mit Begleitung und mit einer Art Talententwicklung. So, dass man auch bei den Jugendmannschaften den Ergebnisdruck wegnimmt und mehr auf flexible Spielformen setzt. Die Vereinstrainer sollen so die Möglichkeit erhalten, ihre Spieler wirklich weiterentwickeln zu können, auch mit dem Risiko, mal eine Partie zu verlieren."

Das Interview führte: Dominik Hechler

Teil 1: Bierhoff über Nationalmannschaft, Müller und Zuschauerfrage

Teil 2: Bierhoff über DFB-Nachwuchs, Zukunftsstrategien und Ausnahmetalente

Teil 3: Bierhoff über Bundesligastart, Hansi Flick und Transfers von Kai Havertz und Timo Werner

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