München - Im bislang größten Moment seiner Karriere schien ihm der Trubel beinahe etwas zu viel geworden zu sein. Während die Teamkollegen nach der Pokalübergabe in Ljubljana direkt eine Jubeltraube bildeten, schlich sich Lukas Nmecha unter all dem Konfettiregen fast heimlich, still und leise davon.

Auch bei der Humba vor den deutschen Fans überließ der Stürmer seinen Mitspielern die Bühne. Seinen eigenen großen Moment hatte der 22-Jährige da bereits lange hinter sich. Auf Pass von Ridle Baku legte Nmecha die Kugel mit einer überragenden Bewegung direkt mit der Annahme an Portugals Keeper Diogo Costa vorbei und erzielte in der 49. Minute den 1:0-Siegtreffer im furiosen Finale gegen Portugal.

"Musste nur noch einschieben"

"Ich war einfach gut positioniert, Baku hat den Ball super reingepackt, dann war ich mit dem ersten Ballkontakt vorbei und musste nur noch einschieben", fasste der Finalheld am ran-Mikro strahlend zusammen. Klingt doch eigentlich ganz einfach.

Es war sein vierter Treffer im Turnier, womit der Profi vom RSC Anderlecht quasi nebenbei auch noch Torschützenkönig wurde. Dabei war Nmecha in vier verschiedenen Partien erfolgreich. Und jedes seiner Tore war wichtig.

Erstes Turniertor für Deutschland und zweimal das 1:1

Sein 1:0 zum Auftakt gegen Ungarn war der Brustlöser beim 3:0, mit seinem späten 1:1 im Gruppenspiel gegen die Niederlande rettete er die gute Ausgangsposition. Gegen Rumänien scheiterte Nmecha zwar per Elfmeter, doch das 0:0 genügte zum Weiterkommen.

Auf dem Weg zum Elfmeterkrimi gegen Dänemark im Viertelfinale verhinderte sein 1:1 nach 88 Minuten das Aus im ersten K.o.-Spiel. Und dann das Goldene Tor an diesem 6. Juni. Es war die Krönung einer für ihn formidabel verlaufenen Saison. Für den RSC Anderlecht schoss er in 41 Pflichtspielen 21 Tore.

Kein Platz im Team von Manchester City

Der Knoten scheint geplatzt. In der Saison davor blieb Nmecha noch komplett ohne Treffer. Sowohl für den VfL Wolfsburg als auch für den FC Middlesbrough. Auch bei Preston North End verdingte sich der gebürtige Hamburger bereits.

Denn er teilt das Schicksal vieler Talente, die bei einem Topklub ausgebildet werden. Im Falle von Nmecha ist es Manchester City. Doch da Pep Guardiola im Angriff zwischen diversen Weltstars auswählen kann, führt sein Weg ins Profi-Business über Leihgeschäfte.

Wird Nmecha endlich heimisch?

Zumindest bislang. Denn in den vergangenen Tagen hat sich der Torjäger europaweit einen Namen gemacht. Sein Vertrag bei Manchester City läuft im kommenden Jahr aus. Es wäre also die Chance, endlich heimisch zu werden bei einem Klub und sich nicht alle paar Monate an ein neues Umfeld sowie eine andere Liga gewöhnen zu müssen.

Seine Visitenkarte hat Nmecha, der sich erst 2019 für eine DFB-Karriere entschieden und dem englischen Pendant FA damals den Rücken gekehrt hat, in diesem Jahr also hinterlassen. Insgesamt kommt er in der U21 in 19 Einsätzen auf elf Tore - auch das eine Quote, die aufhorchen lässt.

Vom Joker zum Stammspieler

Bei der U21-EM 2019, die mit der Final-Niederlage gegen Spanien endete, blieb ihm nicht mehr als die Jokerrolle. Doch seit Ende 2019 berief Stefan Kuntz den schlaksigen Stürmer in jedem Pflichtspiel in die Startelf - nur dreimal blieb Nmecha dabei ohne Tor.

Er hat sich also zu einer der prägenden Figuren der Mannschaft emporgearbeitet. Ja, vielleicht wäre dieser gerade errungene Titel nicht möglich gewesen, hätte Kuntz Nmecha nicht einst zum Verbandswechsel überredet. Wobei Deutschlands Nummer zehn das so nie unterschreiben würde. Im ran-Interview verwies er schlicht auf den Teamgeist und die harte Arbeit als Schlüssel für diesen im März noch kaum für möglich gehaltenen Erfolg.

Erfolgt jetzt der Sprung ins A-Team?

Nun ist Nmecha also rausgewachsen aus dem Kreis der Talente, die für die U21 spielberechtigt sind. Die A-Nationalmannschaft wäre der nächste logische Schritt. Deren künftiger Trainer Hansi Flick dürfte sich den Namen des offensiven Allrounders bereits dick unterstrichen haben.

Denn an klassischen Mittelstürmern mangelt es in Deutschland spätestens seit dem Rücktritt von Miroslav Klose nach dem WM-Titel 2014. Vielleicht ist das die nächste Lücke, in die Nmecha hineinstoßen wird. Die Vorlage dazu hat er sich quasi schon selbst gegeben.

Wie man solche Chancen nutzt, weiß im Grunde kaum jemand besser.

Marcus Giebel

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