Hat sich mit der deutschen U21-Nationalmannschaft für die U21-EM-2021 in Slo... - Bildquelle: 2020 Getty ImagesHat sich mit der deutschen U21-Nationalmannschaft für die U21-EM-2021 in Slowenien und Ungarn qualifiziert: U21-Bundestrainer Stefan Kuntz © 2020 Getty Images

München - Es war das große Ziel, es ist geschafft. Stefan Kuntz und die U21 hat sich für die EM 2021 in Slowenien und Ungarn qualifiziert Trotz Rückschlägen wie den zwei Niederlagen gegen Belgien.

Im Interview mit ran.de spricht der U21-Bundestrainer über die erfolgreiche Qualifikation, was ihn die Corona-Situation gelehrt hat und blickt auf das kommende Jahr mit EM und Olympia voraus. 

ran.de: Herr Kuntz, wenn Sie für sich persönlich das Jahr 2020 aus sportlicher Sicht mit einem Wort zusammenfassen müssten, welches wäre das?

Stefan Kuntz: Erfolgreich.

ran.de: Können Sie das näher erläutern?

Kuntz: Ich finde, dass wir mit all den Widrigkeiten, die Corona mit sich gebracht hat, sehr gut umgegangen sind. Durch die COVID-19-Infektion unseres Spielers Stephan Ambrosius hatten wir auch einen direkten Bezug, was für den weiteren Umgang mit dem Virus für uns alle sicherlich sehr lehrreich war. Wenn ich an das "In-and-Out"-Spiel in Moldau einen Tag nach dem Bekanntwerden dieses Corona-Falls in unserem Team denke, war das im Nachhinein definitiv auch eine tolle Erfahrung, weil die Jungs sie sensationell gemeistert haben. Von daher bin ich wirklich sehr zufrieden mit dem Jahr. Vor allem natürlich auch dank der gemeisterten Qualifikation für die U21-EM 2021 in Slowenien und Ungarn.

ran.de: Inwiefern hat dieses Corona-Jahr Sie als Mensch, aber auch als Fußballtrainer verändert? Gibt es etwas, dass Sie aus den vergangenen Monaten für sich selbst mitnehmen?

Kuntz: Dieses Jahr war für mich die Bestätigung, dass die Basis von allem der Teamgeist ist. Wenn der stimmt, ist man auch flexibel. Genau diese Art von Flexibilität ist in meinen Augen ein neues Qualitätsmerkmal. Generell hat die Corona-Zeit mir aber auch gezeigt, wie die Menschen hinter der Maske wirklich aussehen. Das war manchmal sehr schön zu sehen, häufig allerdings auch erschreckend, wenn oftmals einfach nur purer Egoismus dabei herauskommt.

ran.de: Wie herausfordernd war die Corona-Zeit aus Ihrer Sicht für Ihre Spieler? 

Kuntz: Ehrlicherweise war ich am Anfang skeptisch, als es auf einmal nur noch Zweier-Tische bei uns gab. Da war dann schon die Frage, ob die jungen Spieler jetzt noch weniger miteinander kommunizieren. Letztlich hat sich aber das Gegenteil gezeigt. Die größte Herausforderung war und ist nach wie vor, wie man die Spieler außerhalb des Rasens beschäftigt und so eine gewisse Frische herstellt. Die geht durch die hohen Belastungen gerade verloren, so dass es dementsprechend schwierig für die Jungs ist, permanent ihre Top-Leistungen abzurufen. Sie können nicht abschalten, indem sie einfach mal mit ihren Kumpels ins Cafe oder ins Restaurant gehen. Dieser Kontrast im Alltag, auch mal aus der Anspannung herauszukommen, fehlt ihnen. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir mentale Entspannung hinbekommen.

ran.de: Wie nehmen Sie den Fußball im Augenblick wahr? In welcher Hinsicht hat er sich Ihrer Meinung nach in den vergangenen Monaten verändert? 

Kuntz: Natürlich sind wir zurecht stolz auf unser Hygienekonzept und die wenigen positiven Coronafälle in den letzten Monaten - vor allem, wenn man das mit der Welt außerhalb des Fußballs vergleicht. Das ist schon klasse. Allerdings sind die Veränderungen vor allem bei grundlegenden Dingen wie den fehlenden Zuschauern spürbar. Damit fehlen nicht nur Einnahmen bei den Vereinen, sondern auch etwas, was den Fußball extrem ausmacht. Ein vorübergehender Verzicht kann vielleicht dazu führen, dass man dieses Stadionerlebnis noch mehr zu schätzen weiß und sich richtig darauf freut, wenn man wieder auf den Rängen stehen oder sitzen darf. Doch der Verzicht ist schon sehr lange. Wir müssen jetzt darauf hoffen, dass in Sachen Fans bald wieder eine Umkehr zu "unserem" Fußball stattfinden kann.

ran.de: Haben Sie das Gefühl, dass im Fußball alles mal wieder so werden wird wie vor der Corona-Pandemie? 

Kuntz: Es liegt an allen Beteiligten, den Fußball wieder als Hobby Nummer eins in Deutschland zu etablieren - mit allen Facetten, die dieser Sport den Menschen bieten kann.

ran.de: Wie nehmen Sie den offensichtlichen Verdruss und die Kritik der deutschen Fußballfans am DFB und vor allem der deutschen Nationalmannschaft und Bundestrainer Joachim Löw wahr? Inwieweit spielt hier vielleicht auch Corona und der generelle Frust der Menschen eine Rolle? 

Kuntz: Das kann natürlich sein, aber man sollte auch nicht zu viele Dinge vermischen. Die Nationalmannschaft wird schon immer sehr emotional und dadurch weniger rational gesehen. Auf der einen Seite kann ich das verstehen, aber man sollte die getroffenen Entscheidungen jetzt akzeptieren und respektieren und voller Optimismus in Richtung Europameisterschaft schauen. Oliver Bierhoff hat sie ja ausführlich in seiner Pressekonferenz erklärt.

ran.de: Sie haben sich mit der deutschen U21-Nationalmannschaft aller Widrigkeiten zum Trotz im November letztlich souverän für die U21-Europameisterchaft 2021 in Slowenien und Ungarn qualifiziert, obwohl Sie im September 2019 noch gewarnt haben, dass die EM-Teilnahme mit dieser personell neu zusammengestellten Mannschaft kein Selbstläufer, sondern eher eine große Herausforderung wird. Welchen Stellenwert hat diese Qualifikation für Sie persönlich?

Kuntz: Ich fühle mich in meiner Einschätzung vom September 2019 bestätigt. Wir haben damals auch gesagt, dass wir die Belgier als sehr stark einschätzen, genau das hat sich bewahrheitet. Denn wir haben beide Partien gegen sie verloren. Und wir haben in dieser Zeit sehr viel über die sogenannten "Soft Skills" gesprochen, die unsere deutschen Spieler letztlich auszeichnen. Bei Belgien fallen einem zum Beispiel auf Anhieb fünf Top-Talente ein, bei uns hingegen vielleicht nur eins oder zwei. Aber letztendlich haben wir es wieder geschafft, mit einem guten Teamgeist, der richtigen Umsetzung des Matchplans, mit Disziplin und taktischer Cleverness, also genau diesen besagten "Soft Skills", keine Punkte gegen die Gegner liegen zu lassen, gegen die wir auch Favorit waren. Das ist für mich auch ein Zeichen von Qualität. Wenn auch auf einer anderen Ebene.

ran.de: Was hat Sie im Rückblick bei dieser Mannschaft positiv überrascht und wo gibt es Ihrer Meinung nach noch Nachholbedarf? 

Kuntz: Generell bieten wir unseren Gegnern noch zu viele Torchancen durch eigene Fehler. Da haben wir auf jeden Fall Verbesserungspotenzial. Positiv bleibt bei mir hängen, wie die Mannschaft mit der Corona-Situation umgegangen ist und dass sie so manche schwierige Drucksituation noch enger zusammengeschweißt hat. Das hat mich wirklich tief beeindruckt. Genauso aber auch, dass die Jungs außerhalb des Rasens immer wieder gezeigt haben, dass sie sich sozial engagieren möchten und somit unser Motto #herzzeigen wirklich leben.

ran.de: Bei der U21-Europameisterschaft 2021 treffen Sie mit ihrem Team in Gruppe A auf Co-Gastgeber Ungarn, Rumänien und die Niederlande. Wie ordnen Sie diese Gegner ein? 

Kuntz: Die Niederlande sind für mich der klare Favorit in dieser Gruppe. Nicht nur aufgrund der Namen, die dort im Kader zu finden sind - mit Joshua Zirkee und Justin Kluivert sind ja auch zwei Bundesliga-Stürmer im Team. Sie verfügen generell über eine extrem gute Offensive und haben in der EM-Quali fast fünf Tore pro Partie geschossen. Das ist ein Jahrgang, der definitiv um den Titel mitspielen kann. Bei Ungarn kommt es ein bisschen darauf an, ob im März wieder Zuschauer in den Stadien erlaubt sein werden. Für einen Co-Gastgeber ist das natürlich enorm wichtig. Wobei man letztlich nicht weiß, ob diese Bürde des Gastgebers für sie eher Druck oder Motivation ist. Mit Rumänien hatten wir es ja bereits im Halbfinale der U21-EM 2019 zu tun. Sie verfügen auch in diesem Jahrgang nicht nur über eine hohe Qualität, sondern auch über eine enorm hohe Emotionalität, weshalb sie uns letztes Jahr alles abverlangt haben.

ran.de: Was ist bei diesem Turnier für Deutschland möglich? Nach der Finalteilnahme 2019 und dem Titelgewinn 2017 liegt die Messlatte natürlich sehr hoch ...

Kuntz: Ja, das stimmt. Allerdings kann man die jeweiligen Turniere und Spieler nicht miteinander vergleichen, da es sich um komplett andere Mannschaften handelt. In der U21 kannst du die Entwicklungsschritte nicht so planen, wie in einer A-Nationalmannschaft. Bei der U 21-EM 2019 war es schon unser klares Ziel, Erster oder Zweiter in der Gruppenphase zu werden. Das wurde auch von uns erwartet. Jetzt würde ich die Erwartungshaltung deutlich niedriger einstufen. Es wird sehr viel darauf ankommen, wie viel Spielpraxis meine Jungs auf welchem Niveau bis zur EM noch bekommen. Das Turnier findet dann zu einem Zeitpunkt statt, zu dem bereits drei Viertel einer kräftezehrenden Saison gespielt sind. Da müssen wir bei der Personalauswahl genau hinschauen, welche Jungs uns in welcher Zusammensetzung die beste Grundlage für eine erfolgreiche EM geben können.

ran.de: Sie haben es angesprochen: die Gruppenphase steigt bereits Ende März 2021 - also noch mitten im Ligabetrieb. Die mögliche K.o.-Runde würde dann Anfang Juni 2021 folgen. Was bedeutet das für Ihre Planungen? 

Kuntz: Im Moment schließe ich noch bis Ende Dezember 2020 die sogenannte "Long-List" für Olympia ab, erst dann gilt die volle Konzentration der U21-EM. Das heißt, dass wir all unsere Kandidaten intensiv beobachten werden: wie ist ihre Entwicklung, auf welcher Position spielen sie, und wie hoch ist ihre Belastung? Parallel dazu werden wir natürlich auch an verschiedenen Matchplänen für unsere Gruppengegner arbeiten, um zu analysieren, mit welchem Personal wir all das bestmöglich umsetzen können und dann Anfang März mit der Unterstützung der Vereine die Spieler theoretisch schon in die Ideen einweihen und auf die Spiele vorbereiten.

ran.de: Neben der U21-EM stehen für die DFB-Junioren im kommenden Jahr wie von Ihnen auch schon erwähnt noch die Olympischen Spiele auf dem Programm. Welche Rolle spielt dieses Turnier bereits in Ihren Überlegungen und wie weit sind in diesem Zusammenhang Ihre Planungen mit älteren, erfahrenen Spielern wie beispielsweise Thomas Müller oder Mats Hummels, die in der Vergangenheit ja immer mal wieder genannt wurden und die Sie als Verstärkung für das Olympia-Turnier für die deutsche U21 nominieren dürften? 

Kuntz: Das spielt im Moment natürlich schon eine große Rolle, weil die bereits angesprochene Liste mit möglichen Spielern für Olympia 2021 bis Anfang Januar 2021 abgegeben werden muss. Da werde ich definitiv all unsere Spieler der 1997er- und 1998er-Jahrgänge mit drauf packen. Bei den drei älteren Spielern kommt es darauf an, sich viele Möglichkeiten offen zu halten. Ich möchte aktuell keine Namen kommentieren, da ich momentan mit etlichen Kandidaten im Austausch stehe. Dafür ist es im Augenblick also noch einen Tick zu früh.

ran.de: Was erwarten Sie persönlich von Ihrer Mannschaft bei der U21-EM 2021?

Kuntz: Die Jungs sind sich schon bewusst, dass die U21 mittlerweile eine tolle Bühne ist. Wenn man sieht, wie viele Spieler aus der Startformation des U21-EM-Endspiels 2019 seitdem schon in der A-Nationalmannschaft debütiert haben und welchen Transfer auch der Gewinn der Torjägerkanone bei der U21-EM 2019 für Luca Waldschmidt ermöglicht hat, dann spricht das schon für sich. Vielleicht ist das alles gerade ein bisschen vergleichbar damit, dass wir Abitur machen. Im März geht es für uns darum, die Abi-Feier für den Juni vorzubereiten. Wir können das Abi dann mit 3,5 oder 4 machen und sind raus, oder aber - um es passend zur Gruppenplatzierung zu sagen - mit 1 oder 2. Dann hätten wir im Juni noch eine schöne Abi-Feier vor uns (lacht).

ran.de: Und zum Schluss Hand aufs Herz: Wie wird die deutsche U21 am Ende bei der EM in Slowenien und Ungarn, aber auch die A-Nationalmannschaft bei der "großen" Europameisterschaft abschneiden?

Kuntz: Ich glaube, dass die A-Nationalmannschaft generell bei der Europameisterschaft vor uns, also der deutschen U21, platziert sein wird (lacht). Und ich hoffe und wünsche mir, dass wir uns die K.o.-Phase der U21-EM erarbeiten können.

Das Interview führte: Dominik Hechler

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