Stefan Kuntz. - Bildquelle: imago images/Beautiful SportsStefan Kuntz. © imago images/Beautiful Sports

München - Die Zeit des Wartens ist für den deutschen U21-Bundestrainer Stefan Kuntz endlich vorbei.

Zehn Monate nach dem letzten EM-Qualifikations- und somit auch Länderspiel in Freiburg gegen Belgien (2:3) und einer monatelangen Corona-Zwangspause darf Kuntz seine Jungs nun wieder für die EM-Quali-Spiele gegen Moldau und Belgien (beide live auf ProSieben MAXX und ran.de) um sich herum versammeln.

Im Interview mit ran.de spricht der U21-Bundestrainer unter anderem über seine Arbeit in den vergangenen Wochen und Monaten, die bevorstehenden Länderspiele, warum er Spieler wie Markus Schubert, Johannes Eggestein, Janni Serra oder Niklas Dorsch zu Hause gelassen hat und wie er mit Top-Talent Florian Wirtz plant.

ran.de: Herr Kuntz, das letzte Länderspiel mit der deutschen U21 ist vor allem Corona bedingt schon zehn Monate her. Wie muss man sich Ihre Arbeit als U21-Bundestrainer in den vergangenen Wochen und Monaten vorstellen?

Stefan Kuntz: Aufgrund der aktuellen Situation konnte ich mir in den vergangenen Wochen keine Livespiele anschauen, sowohl von der alten als auch der neuen Saison. Normalerweise wurden bis Anfang September ja mindestens schon ein DFB-Pokalspiel und ein Bundesliga-Spieltag absolviert. Durch die Corona-Pause und die verlängerten Spielzeiten war dies bislang nicht möglich. Stattdessen bin ich vor allem zu unseren aktuellen U21-Debütanten in die Vereine gereist. Wir haben uns intensiv ausgetauscht. Ich habe ihnen erklärt, was sie in der deutschen U21-Nationalmannschaft erwartet. Dazu haben wir gemeinsam Spielszenen von ihnen analysiert - positive wie negative - um den Spielern, aber auch ihren Vereinstrainern zu zeigen, was wir bei der U21 von ihnen spielerisch und taktisch sehen wollen.

ran.de: Wie haben Sie in dieser Zeit Kontakt zu Ihren Spielern gehalten und ab welchem Zeitpunkt waren Sie auch mal wieder vor Ort, haben sich Trainingseinheiten oder sogar Geisterspiele angeschaut?

Kuntz: Neben den bereits angesprochenen persönlichen Gesprächen mit den Spielern und den einzelnen Videoanalysen ihrer Stärken und Schwächen habe ich mir natürlich auch Trainingseinheiten oder Testspiele der Vereine angeschaut. Ansonsten haben wir natürlich viel telefoniert und über unsere Microsoft Teams-Gruppe kommuniziert.

ran.de: Welchen Eindruck haben die Spieler vor allem auch psychisch in der Corona-Zeit auf Sie gemacht? Luca Kilian war ja sogar an dem Virus erkrankt.

Kuntz: Insgesamt einen guten Eindruck. Die Jungs haben nach der Corona-Pause bei ihren Vereinen schnell wieder Fuß gefasst, da ist überall richtig gute Arbeit geleistet worden. Hinzu kommt, dass sie auch mehr Spielanteile bekommen haben.

ran.de: Sie haben in einem ran.de-Interview zu Beginn der Krise im März 2020 gesagt, dass jetzt die Virologen den Matchplan machen und wir als Gesellschaft ein diszipliniertes Team sein müssen. Inwiefern hat das aus Ihrer Sicht funktioniert?

Kuntz: Entgegen aller Widerstände finde ich, dass der DFB und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) einen überragenden Job gemacht haben. Das Konzept wurde ja nicht umsonst im In- und Ausland übernommen. Da können wir schon sehr stolz drauf sein.

ran.de: Wie war die Reaktion bei Ihren Spielern und Ihnen selbst, als klar war, dass nun endlich wieder mit der deutschen U21 gespielt werden kann?

Kuntz: Zuerst hat meine Frau mal kräftig durchgeatmet (lacht). Aber im Ernst: Wir haben in den vergangenen Monaten nicht nur Däumchen gedreht, sondern sehr viele Projekte voran getrieben und uns weltweit Benchmarks im Fußball angeschaut, die wir nun auch für uns verwenden wollen. Allerdings sind wir natürlich alle Fußballer und wollen auf den grünen Rasen. Entsprechend freuen wir uns natürlich auf die kommenden, gemeinsamen Tage.

ran.de: Für Sie ist es das erste Geisterspiel als verantwortlicher Trainer. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die Partie?

Kuntz: Zunächst einmal werden uns allen die Fans fehlen, das ist klar. Für meine persönliche Arbeit muss ich wohl zweimal überlegen, was ich so alles rein rufe, denn das kann jetzt ja jeder hören ... (lacht)

ran.de: Inwiefern wirft Sie diese lange Pause auch in Ihrer Arbeit mit der erst im September 2019 neu zusammengestellten Mannschaft zurück?

Kuntz: Meine persönliche Zielsetzung bleibt gleich: ich will mich mit dieser Mannschaft für die U21-EM 2021 qualifizieren. Ansonsten hat sich in diesen zehn Monaten natürlich so einiges getan. Manche Spieler hatten einen kleinen Leistungsabfall, andere hingegen konnten sich in den Fokus spielen. Dementsprechend werden für die Spiele gegen Moldau und Belgien ja auch sechs Neulinge dabei sein.

ran.de: Im aktuellen Kader fehlen Spieler wie Niklas Dorsch, Janni Serra oder aber auch Johannes Eggestein, der zuletzt sogar Kapitän Ihrer Mannschaft war. Warum verzichten Sie dieses Mal auf diese bisherige Achse im deutschen Spiel?

Kuntz: Mit Niklas Dorsch habe ich in der Zeit vor seinem Wechsel nach Belgien sehr viel gesprochen. Er war total begeistert von der KAA Gent, vor allem, weil ihn der Trainer unbedingt haben wollte. Beim Saisonauftakt hat er nicht gespielt, am zweiten Spieltag schon, aber beide Partien gingen verloren, und der Coach wurde entlassen. Jetzt ist ein neuer Trainer da und es war sein persönlicher Wunsch, sich in der aktuellen Phase lieber dort zu präsentieren. Ich finde das total nachvollziehbar, zumal wir von der U21 ja auch davon profitieren, wenn er in seinem Klub mehr Spielzeit erhält und sich vielleicht sogar zum Stammspieler entwickelt.

ran.de: Und Eggestein?

Kuntz: Bei Johannes Eggestein war es so, dass er im Endspurt der vergangenen Saison oftmals gar nicht im Kader war und so eine kleine Delle in seiner Entwicklung hatte. Nach dem Klassenerhalt wurde mir von Werder-Sportdirektor Frank Baumann und  Coach Florian Kohfeldt bestätigt, dass Jojo nun wieder freier wirkt und auf einem guten Weg ist. Diesen möchten wir erstmal nicht durchbrechen, deswegen lassen wir auch ihn bei seinem Verein. Bei Janni Serra war es eine rein medizinische Entscheidung. Er ist nach einer Verletzung einfach noch nicht wieder zu einhundert Prozent fit. Es ist dieses Mal einfach auch eine Sondersituation, weil wir die Jungs vor ihrem ersten Pflichtspiel mit ihrem Verein in der neuen Spielzeit bei uns haben. Dafür hat aber die Kommunikation mit den Klubs herausragend funktioniert.

ran.de: Arne Maier ist dagegen wieder dabei. Wie froh sind Sie, dass der Herthaner wieder bei den DFB-Junioren mitmischen kann?

Kuntz: Arne ist ja einer der wenigen U21-Spieler, die schon bei der U21-EM 2019 in Italien und San Marino dabei waren. Er verfügt somit schon über eine gewisse Erfahrung, ist auf dem Rasen ein Leader. Er ist unheimlich wichtig für unser Spiel, die Umsetzung des Matchplans und generell als Führungsspieler auf dem Spielfeld.

ran.de: In welcher Rolle sehen Sie Maier? Vielleicht sogar als Kapitän dieses Teams?

Kuntz: Grundsätzlich schon, ja. Aber: Dieses Kapitänsamt ist bei uns ehrlich gesagt nicht so wichtig. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es weiterhin regelmäßig wechseln wird.

ran.de: Unter den Neulingen, die Sie für die Spiele gegen Moldau und Belgien berufen haben, hat sich zuerst auch das 17-jährige Top-Talent Florian Wirtz befunden. Nun ist er aber doch nicht mit dabei. Warum?

Kuntz: Wir haben in der Phase, als sich Bayer Leverkusen gerade auf die Europa-League-Endrunde vorbereitet hat, darüber diskutiert, wo Florian Wirtz sich beim DFB am besten weiterentwickeln könnte. Und da sind wir alle der Meinung gewesen, dass das die U21 ist. Wir wollten ihn nicht nur hochziehen, um einen 17-jährigen im Kader zu haben, sondern weil er die  Chance hätte, in der Startelf zu stehen. Seit dem Aus in der Europa League hat er rund zwei Wochen nicht trainiert , denn Bayer steigt in diesen Tagen erst wieder ins Training ein. Also haben wir uns darauf verständigt, dass er beim Verein bleibt und sich dort gewissenhaft auf die neue Saison vorbereitet. Wir haben in Sachen Belastung ja auch eine gewisse Verantwortung den Jungs und den Vereinen gegenüber. Und wir werden, wie auch bei Niklas Dorsch, davon profitieren, wenn Florian sich bei Bayer bestenfalls noch mehr durchsetzt und immer mehr Spielanteile bekommt.

ran.de: Sie haben in der Vergangenheit ja immer wieder angemahnt, dass aus den vielen U-Mannschaften des DFB kaum Spieler mehr nachkommen, denen der sportliche Durchbruch gelingt - inwiefern kann das bei Wirtz in Zukunft anders sein? Und warum? Was bringt er mit, was anderen vielleicht fehlt?

Kuntz: Ich möchte den Jungen ehrlich gesagt erst einmal bei uns richtig kennenlernen, bevor ich mir da ein fundiertes Urteil erlaube. Aber wenn es ein 17-Jähriger bei einem Top-5-Team der Bundesliga regelmäßig in die Startelf schafft, dann spricht das für sich. Zudem hat er ein gutes Gefühl für das Spiel und die Räume - sowas kann man trainieren oder man hat es einfach. Bei Florian ist es einfach gegeben.

ran.de: Bei den Torhütern verzichten Sie auch auf Markus Schubert vom FC Schalke 04. Der Keeper hat bei den Königsblauen extrem durchwachsene Monate hinter sich, hätte ihm da ein Tapetenwechsel bei der deutschen U21 für ein paar Tage nicht sogar ganz gut getan?

Kuntz: Ja, das haben wir genauso gesehen und auch so besprochen. Doch dann wurde er in der Vorbereitung leider zurückgeworfen. Deshalb konnte er bislang so gut wie gar nicht mit Ralf Fährmann in Konkurrenz um die Nummer eins auf Schalke treten. Dies wollen wir ihm mit dem Verzicht nun unbedingt ermöglichen. Bei allen Entscheidungen versuchen wir gemeinsam mit den Vereinen zu schauen, was perspektivisch das Beste für die Spieler ist.

ran.de: Gegen Moldau und in Belgien stehen zwei wichtige EM-Qualifikationsspiele auf dem Programm. Was erwarten Sie von Ihrer Mannschaft?

Kuntz: Wir gehen diese beiden Partien komplett getrennt voneinander an. Erst beschäftigen wir uns zu einhundert Prozent mit Moldau, dann kommt Belgien. Aber wir wissen natürlich, dass vor allem das Belgien-Spiel einen vorentscheidenden Charakter hat. Dennoch wollen wir immer unser Ding durchziehen: Viel Ballbesitz und mutigen Offensiv-Fußball.

ran.de: Und wie werden die kommenden Monate aussehen? Die Vorrunde der U21-EM im kommenden Jahr startet ja bereits im März 2021.

Kuntz: Das stimmt. Aber am Ende bleibt es dabei: Ich will zur U21-EM-Endrunde 2021 in Slowenien und Ungarn. Und dafür werden wir als Team alles tun.

Das Interview führte: Dominik Hechler

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