Mit seiner taktischen Variabilität hat Daniel Thioune dem HSV einen erfolgre... - Bildquelle: imago images/Philipp SzyzaMit seiner taktischen Variabilität hat Daniel Thioune dem HSV einen erfolgreichen Saisonstart beschert. © imago images/Philipp Szyza

Hamburg – Es ist kein Spiel wie jedes andere, wenn der FC St. Pauli im Volksparkstadion (Freitag um 18:30 Uhr im Liveticker auf ran.de) zu Gast ist.

Dies spürt auch HSV-Trainer Daniel Thioune: "Freitagabend, Flutlicht und ein ganz besonderes Spiel. In den letzten Tagen hat sich in der Kabine das Derbyfieber merklich aufgebaut. Auch bei mir, denn es ist mein erstes Stadt-Derby, das packt mich."

Für den 46-Jährigen dürfte das Spiel noch aus einem anderen Grund ein besonderes sein. Thioune hätte nämlich auch auf der Trainerbank des FC St. Pauli Platz nehmen können. Bevor er sich für den Hamburger SV entschied, befand er sich mit den Verantwortlichen der "Kiezkicker" in Gesprächen.

Gegenüber der "Hamburger Morgenpost" sagt er: "Wenn man ambitioniert ist, muss man sich so breit aufstellen, dass man sich alles anhören darf und anhören sollte. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, was einen überzeugt.“

Und das war offenbar der HSV.

Der Fußballspruch des Jahres

Lange bevor abzusehen war, dass Thioune beim einstigen "Bundesliga-Dino" landen könnte, hatten die HSV-Fans ihn bereits ins Herz geschlossen.

Als der 1. FC Nürnberg, der VfL Bochum und der Karlsruher SC aufgrund der Verwirrung um die Identität von Bakery Jatta Protest gegen ihre Niederlagen in der Hinrunde 2019/2020 einlegten, schlug sich Thioune, damals noch Trainer des VfL Osnabrück, auf die Seite der Hanseaten.

"Wer es nicht schafft, gegen des HSV zu punkten, sollte nicht auf dem Rücken eines Flüchtlings, der niemandem etwas getan hat, versuchen, einen Vorteil herauszuholen, sondern besser auf die eigenen sportlichen Fehler schauen", sagte er.

Diese Aussage wurde kürzlich als Fußballspruch des Jahres ausgezeichnet.

Thioune hat die Schwachstellen des HSV aufgedeckt und behoben

Allerdings bereitete Thioune dem HSV in der vergangenen Saison auch Kummer.

Es war der 32. Spieltag, als die "Rothosen" als Tabellen-Zweiter den VfL Osnabrück empfingen, ein ganz schwaches Spiel ablieferten und aufgrund des 1:1 den direkten Aufstiegsplatz abgaben. Dies gab ein Bruch: der HSV verlor auch die folgenden beiden Spiele und verpatzte erneut den Aufstieg.

Thioune hatte in den beiden Aufeinandertreffen mit dem HSV – der VfL Osnabrück gewann in der Hinrunde mit 2:1 – die Schwachstellen der Norddeutschen aufgedeckt.

Unter Ex-Trainer Dieter Hecking spielte der HSV nahezu immer im gleichen 4-3-3 System und war mit seiner dominanten Spielweise leicht ausrechenbar. Heißt also: Je länger die Saison ging, desto besser hatten sich die Gegner darauf eingestellt. Dies erklärte den Absturz in der Rückrunde.

Taktische Variabilität

Dies soll unter Thioune nicht passieren. Sein Erfolgsgeheimnis in den ersten fünf Spielen: taktische Variabilität. Mal läuft der HSV mit einer Vierkette auf, dann wieder mit einer Dreierkette. In der Offensive tauschen die Spieler ständig ihre Positionen, sorgen dadurch beim Gegner für Unruhe.

Sicher ist eigentlich nur, dass Sven Ulreich im Tor steht und Top-Torjäger Simon Terodde vorne auf seine Chancen lauert. Dazwischen ist praktisch alles möglich.

Der Trainer verändert gerne die Strategie. "Ich betone immer wieder, dass der HSV sich an die Liga anpassen muss", sagt er. "Dazu gehört auch, dass man sich an den Gegner anpassen muss. Diese Mannschaft hat eine Offenheit und setzt den Matchplan gut um." 

Welche Taktik er gegen den FC St. Pauli vorgibt, lässt sich somit schwer voraussehen. St. Pauli Trainer Timo Schultz weiß allerdings um die Qualitäten von Thioune.

"Seine Arbeit spricht für sich, er hat in Osnabrück eine Drittliga-Mannschaft übernommen, die unter ferner liefen war. Dann hat er den Aufstieg geschafft und die Mannschaft in der Zweiten Liga etabliert", sagt Schultz. "Seine Teams spielen immer mutig, sind laufstark und wollen nach vorne spielen. Es zeichnet einen Trainer aus, wenn man so etwas erkennt. Das ist bei ihm der Fall."

Wintzheimer & Co.: Junge Spieler blühen auf

Ein weiteres Merkmal von Thioune: Er schenkt jungen Spielern das Vertrauen.

Der 21-jährige Stürmer Manuel Wintzheimer steht bereits bei zwei Toren und vier Vorlagen. "Er arbeitet intensiv, ist sehr fleißig, schießt Tore und bereitet Tore vor. Die Ausleihe nach Bochum in der vergangenen Saison hat ihm gut getan", lobt Thioune.

Auch der 21-jährige Innenverteidiger Stephan Ambrosius, der aus dem eigenen Nachwuchs stammt, hat sich als Stammspieler etabliert. "Stephan ist ein Mentalitätsspieler, ist sehr fleißig und sehr konsequent", sagt Thioune.

 

Weitere Beispiele sind der 19-jährige Mittelfeldspieler Amadou Onana und der gleichaltrige Rechtsverteidiger Josha Vagnoman.

Nicht nur reagieren, sondern auch agieren

Der Trainer scheint auch auf psychischer Ebene einen guten Einfluss auf die Mannschaft zu haben, die möglicherweise besser mit Rückschlägen umgeht als in den vergangenen Jahren.

"Wir haben in den bisherigen Spielen gezeigt, dass wir reagieren können", stellt er fest. "Das war nach dem Dresden-Spiel der Fall mit der Reaktion gegen Fortuna Düsseldorf, auch im Spiel in Paderborn mit der vergebenen Führung und dem Rückstand. Und auch in Fürth nach dem Platzverweis sowie gegen Würzburg nach dem 0:1. Jedes Mal haben wir eine Reaktion gezeigt."

Das genügt ihm allerdings nicht: "Ich erwarte jetzt von meiner Mannschaft, dass wir noch mehr agieren. Wir wollen proaktiv sein." Das heißt auch, sich immer an den Matchplan zu halten

Im Hinblick auf das Derby sagt er: "Wir müssen bei aller Motivation einen kühlen Kopf bewahren, denn am Ende geht es um elf gegen elf und darum, die richtigen Lösungen zu finden."

Zumindest in der Theorie dürfte Thioune diese bereits gefunden haben.

Oliver Jensen

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