Tiefschlag mit schwerwiegenden Folgen? Heidenheims Konstantin Kerschbaumer (... - Bildquelle: Getty ImagesTiefschlag mit schwerwiegenden Folgen? Heidenheims Konstantin Kerschbaumer (l.) überrascht die HSV-Profis und erzielt den Siegtreffer für die Schwaben © Getty Images

München - Diese Szene kann dem Hamburger SV noch lange nachhängen. Und schlimmstenfalls sogar zum Trauma werden.

Tief in der Nachspielzeit verlieren die Profis des ehemaligen Bundesliga-Dinos Heidenheims Konstantin Kerschbaumer komplett aus den Augen. Der Österreicher lässt sich nicht zweimal bitten und besorgt den 2:1-Siegtreffer für den Underdog, der damit plötzlich die Relegation vor Augen hat.

HSV hat Bundesliga-Rückkehr nicht mehr in eigener Hand

Und der ruhmreiche HSV? Hat die Rückkehr ins Oberhaus damit nicht mehr in den eigenen Händen.

Wieder einmal. Bereits vor einem Jahr, am Ende der ersten Zweitliga-Saison der Klubgeschichte, kassierten die Hanseaten am 33. Spieltag eine niederschmetternde Niederlage gegen einen direkten Konkurrenten. Damals bedeutete das 1:4 in Paderborn das Ende aller Hoffnungen auf den Aufstieg.

Schützenhilfe von Zweitligameister Bielefeld nötig

Diesmal ist der Sprung auf Rang drei nach wie vor möglich. Dafür müssen die Rothosen gegen den SV Sandhausen allerdings mehr Punkte holen als der 1. FC Heidenheim gegen die bereits als Zweitligameister feststehende Bielefelder Arminia.

Auf deren Position hätten sich die Hamburger eigentlich zum Saisonausklang gewähnt. Als Krösus der 2. Liga. Dieses Selbstverständnis demonstrieren die Verantwortlichen und Spieler ganz unverblümt - zumindest abseits des Platzes.

Hecking will "was zu feiern haben"

Trainer Dieter Hecking, nach dem Fiasko mit Hannes Wolf vor einem Jahr ebenso neu installiert wie Sport-Vorstand Jonas Boldt als Nachfolger von Ralf Becker, legte vor Saisonbeginn die Messlatte entsprechend hoch: "Wir wollen am Ende des Tages was zu feiern haben."

Im Vorfeld der Partie in Schwaben setzte er noch ein Ausrufezeichen hinter den Satz: "Ich werde auch diese Aussage nicht revidieren." Womöglich hat sie einigen seiner Spieler jedoch abermals die Beine schwer werden lassen.

Druck steigt durch Umfeld ins Unermessliche

Einmal mehr scheint der vermeintliche Aufstiegsfavorit am eigenen Unvermögen zu scheitern. Was wohl auch mit dem durchweg unruhigen Umfeld in Verbindung stehen dürfte. Denn dieses lässt den Druck schier ins Unermessliche steigen.

Jeder Punktverlust setzt neue höchstemotional geführte Diskussionen in Gang. Davon kann sich keine der handelnden Personen freimachen. Und so ist offenbar auch egal, wer auf der Trainerbank sitzt und wer den Kader zusammenstellt: Letztlich überschattet die Versagensangst anscheinend doch den Glauben an die eigenen Stärken.

Nach dem Restart schnitten zehn Klubs besser ab als der HSV

Und so schmiert der HSV nach passabler erster Saisonhälfte wieder ab. Was diese Zahlen beweisen: In der Rückrundentabelle steht der einstige Gewinner des Europapokals der Landesmeister nur auf Rang sieben, seit dem Restart nach der Corona-Zwangspause schnitten sogar zehn Vereine besser ab. Heißt: Der Trend ist absolut kein HSV-Friend.

Aus den Spielen vor leeren Rängen holten die Hamburger nur zwei Siege - gegen die Abstiegskandidaten SV Wehen Wiesbaden und Dynamo Dresden. Dabei war deutlich mehr drin. In den acht Partien wurden zwölf Punkte nach Führungen hergegeben, über die gesamte Saison hinweg verpasste der HSV damit schon 20 Zähler trotz Torvorsprungs. Alarmierend!

Späte Gegentreffer lassen Kopfproblem vermuten

Auch das sind Zahlen, die ein totales Versagen andeuten. Und in der Fülle wirft das dann auch die Frage nach der Qualität auf. Wobei bei einem Blick auf die entscheidenden Gegentreffer der vergangenen Tage und Wochen wohl eher ein Kopfproblem zu vermuten ist.

In Fürth fiel das 2:2 nach 94 Minuten, Stuttgart erzielte das 3:2 nach 0:2 in der 92. Minute, beim 3:3 gegen Kiel glichen die "Störche" in der 94. Minute aus und nun in Heidenheim rauschte der Ball eine Zeigerumdrehung später ins Netz. Ganz klar: So stellt sich keine Spitzenmannschaft an.

Hausgemachte Probleme - Hecking zweifelt am Fußballgott

Folglich wäre der Aufstieg schlicht nicht verdient. Zumal die Probleme eben hausgemacht sind.

Unmittelbar nach dem jüngsten Nackenschlag war Hecking am "Sky"-Mikrofon wohl darauf bedacht, nicht noch auf seine geknickte Truppe einzudreschen. So sah er höhere Mächte am Werk: "Es scheint so, als ob der Fußballgott da nicht auf unserer Seite ist. Wir hatten nach Corona jetzt vier Spiele, in denen wir Punkte in der Nachspielzeit liegen lassen. Wir hätten schon längst durch sein müssen."

Die nächsten Tagen dürften ungemütlich werden

Sind sie aber eben nicht. Und so muss sich das Team sehr wahrscheinlich einmal mehr schlimme Vorwürfe anhören in den kommenden Tagen. Aber das sind sie beim HSV ja seit einigen Jahren zum Saisonausklang gewohnt. Zumindest die handelnden Personen, die trotz der langanhaltenden Misere noch nicht aufs Personalkarussell gescheucht wurden.

Besserung ist aber auch in diesem Jahr nicht in Sicht. Trotz eines erneut herausragenden Etats von geschätzten 25 Millionen Euro. Wovon der 1. FC Heidenheim oder Arminia Bielefeld eben nur träumen können.

Zum Glück für HSV ist Bundesliga-Zug noch nicht abgefahren

Da muss es ein Verein erst einmal fertig bringen, auf Schützenhilfe eines Konkurrenten angewiesen zu sein, um überhaupt das minimalste aller Saisonziele erreichen zu können. Mit Ruhm bekleckert hat sich der HSV in den vergangenen Monaten wahrlich nicht und kann von Glück sagen, dass der Zug in Richtung Bundesliga nicht längst abgefahren ist.

Am Ende könnten 55 Punkte für Rang drei genügen. Und so will Hecking richtigerweise auch nicht unnötig lamentieren. Mit dem Showdown am kommenden Sonntag vor Augen konstatiert der Trainer bei "Sky": "Wenn es nicht so sein sollte, sind wir selbst schuld. Dann müssen wir die Schuld nicht bei anderen suchen."

Obwohl die Gedanken in diesem Worst Case wohl noch häufig in Richtung 95. Minute in Heidenheim schwenken dürften. Als Kerschbaumers Schuss den Weg ins Tor fand. Und die HSV-Welt einmal mehr mächtig ins Wanken geriet.

Marcus Giebel

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