Bei den DTM-Tests in Hockenheim wurden die Stopps intensiv geübt - Bildquelle: DTMBei den DTM-Tests in Hockenheim wurden die Stopps intensiv geübt © DTM

In der GT3-Premierensaison der DTM haben sich die Boxenstopps als entscheidendes Element herausgestellt. Das hat nicht nur für Reglement-Debatten gesorgt, sondern könnte nun dazu führen, dass es wie in der US-amerikanischen NASCAR-Serie zu einem Wettbieten um die besten Boxenstopp-Mechaniker kommt.

"Letztes Jahr haben wir noch geschaut, wie alles läuft", sagt Walkenhorst-Teamchef Niclas Königbauer im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Man muss schauen, dass es jetzt nicht in Richtung NASCAR geht, wo Leute nur für den Boxenstopp eingestellt werden, die viel Geld verdienen und dafür extra eingeflogen werden. Das hoffe ich nicht, aber die Gefahr sehe ich schon, dass sich das alles Stück für Stück dort hin entwickelt."

Das Phänomen der sogenannten "NASCAR-Schrauber" ist bekannt: Sie verdienen pro Jahr an die 80.000 US-Dollar, also umgerechnet 74.000 Euro, und sind ausschließlich dafür zuständig, die Räder so schnell wie möglich zu wechseln.

Was sind die "NASCAR-Schrauber"?

"Das ist dort ein eigenes Berufsbild, und sie sind weit besser bezahlt als jeder normale Mechaniker", weiß Teamchef Gottfried Grasser, der mit seinem Grasser-Team jahrelang in der IMSA-SportsCar-Championship präsent war und daher Einblick in die US-Szene hat. "Der kommt wirklich mit der 'Gun' in seiner Tasche zum Rennplatz und tut am Rennwochenende nichts anderes als Radmuttern anziehen."

Aber wieso könnte diese Entwicklung, dass enorme Summen für Boxenstopp-Mechaniker ausgegeben werden, auch in der DTM drohen? Das hat damit zu tun, dass das Überholen mit den GT3-Autos ohne Überholhilfen schwieriger ist als in Class-1-Zeiten und der Stopp dadurch an Bedeutung gewonnen hat.

Zudem wurde die Anzahl der Boxencrew-Mitglieder im Vergleich zu 2020 von neun auf sechs reduziert, wobei dieses Jahr je eine Person Luftlanze bedient und Lollipop hält, während nur noch vier Leute die Räder anpacken dürfen.

Warum flinke Reifenwechsler wichtiger denn je sind

Das bedeutet, dass pro Seite zwei Mechaniker - also ein Schrauber und ein Stecker - zuständig sind, während früher für jedes Rad ein eigener Schlagschrauber zur Verfügung stand. Dadurch haben Einzelpersonen jetzt mehr Einfluss.

Dazu kommt, dass die Teams nicht mehr die Budgets aus der DTM-Herstellerära zur Verfügung haben und auf kleinere Mannschaften setzen. Dadurch ist es schwieriger geworden, in den eigenen Reihen genügend fähige Leute für schnelle Stopps zu finden.

Und man hat deutlich weniger Festangestellte, wodurch Mitglieder leichter abgeworben werden können. "Früher war die DTM ein sehr abgeschlossenes System, weil sie sehr herstellerlastig war", weiß Königbauer. "Du hast nicht an einem Wochenende beim einen und am nächsten Wochenende bei einem anderen Team gearbeitet. Bei GT3-Teams gibt es hingegen offene Grenzen."

Perfekt eingespieltes Duo als HRT-Boxenstopp-Trumpf

Die Gehälter für Freelance-Mechaniker sind zuletzt stark gestiegen - und es gibt besonders begehrte Spezialisten: Dem HRT-Team von Hubert Haupt, mit dem Maximilian Götz Meister wurde, ist es im Vorjahr nicht nur durch die baulichen Vorzüge des Mercedes-AMG GT3 und den daraus entstandenen Choreographie-Vorteil regelmäßig gelungen, die besten Stopps zu absolvieren.

Es lag vor allem auch daran, dass man mit Cedric Darimont und Pierre Emmanuel Cary ein perfekt eingespieltes Duo aus Schrauber und Stecker hatte. Denn die Aufgabe ist nicht zu unterschätzen: Ein Rad wiegt 28 Kilogramm. Wird es nicht ganz gerade aufgesteckt, kostet das wertvolle Zeit - und Nerven, wodurch Folgefehler passieren können.

Dass die beiden Meister ihres Faches sind, haben sie bereits in der Vergangenheit beim WRT-Team von Vincent Vosse gezeigt: 2017 und 2018 heimste man in der Sprintserie der GT-World-Challenge Europe die Trophäe für die schnellsten Stopps ein, ehe man 2019 für die belgische Truppe in der DTM aktiv war. Und als Privatteam ohne Vorerfahrung überraschend schnelle Reifenwechsel absolvierte.

Für ein Team, das unbedingt um den Titel fahren will, ist es reizvoll, ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen, wenn man dadurch pro Stopp ein paar Zehntel herauszuholen kann - und eine der wenigen Möglichkeiten nutzt, sich einen Vorteil verschaffen.

Ein Wettbieten um die Mitarbeiter mit den flinksten Händen könnte die Folge sein. Das könnte eine Gefahr für die Serie darstellen, denn für die Teams ist es aktuell nur dank Herstellerunterstützung möglich, die Budgets von rund einer Million Euro pro Auto zu stemmen.