ran.de: Herr Berger, Sie waren am vergangenen Wochenende in Spielberg und haben sich den Formel-1-Auftakt beim "Großen Preis von Österreich" vor Ort live angeschaut. Am ersten August-Wochenende startet auch die DTM im belgischen Spa/Francorchamps ähnlich wie die Formel 1 mit strengen Hygieneregeln endlich in die neue Saison. Was konnten Sie vom ersten Formel-1-Wochenende für den DTM-Auftakt in rund drei Wochen (live und exklusiv in SAT.1 und im kostenlosen Livestream auf ran.de) für Ihre Rennserie mitnehmen?

Gerhard Berger: Man schaut sich vor allem das ganze Sicherheitskonzept genauer an: Wer macht was, wie sind die Kontrollen, wer stellt die Desinfektionsmittel, wo sind die Container, wo werden die Temperaturen gemessen und eben alles Weitere, was damit zusammenhängt. Da bin ich jetzt auch in Kontakt mit unserem Team, damit wir all die in Spielberg gewonnen Erkenntnisse auch für den DTM-Auftakt in Spa mitnehmen. Aber was ich bislang alles so gesehen habe, haben alle sehr ähnliche Vorkehrungen getroffen und somit glaube ich, dass wir super aufgestellt sind. Ich habe jedenfalls bei der Formel 1 nichts gesehen, was wir nicht auch hätten.

"Auch DTM-Events finden unter hohen Standards statt"

ran.de: Wie war Ihr Eindruck, was die Umsetzung des Sicherheits- und Hygienekonzepts in Spielberg anbetrifft?

Berger: Naja, es ist schon so, dass alles, wo Red Bull dahinter steht, top organisiert ist. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Sie haben natürlich aber auch extreme Ressourcen, womit sie maximale Dienste leisten können. Red Bull hat bei solchen Events immer eine Art Vorbildfunktion, weil sie eben auch wissen, mit Extremsituationen wie der Corona-Pandemie und den damit verbundenen und geforderten Standards umzugehen. Somit nimmt man das eine oder andere mit, weiß aber auch, dass manche Dinge so vielleicht nicht zwingend umzusetzen sind. Dennoch finden unsere Events bei der DTM auch immer unter sehr hohen Standards statt. Jetzt müssen wir eben zusätzlich noch die Corona-Thematik beachten.

ran.de: Sie fühlen sich für den DTM-Auftakt also gut aufgestellt?

Berger: Absolut. Aber die wichtigste Erkenntnis des Formel-1-Wochenendes ist, dass es keine negativen Vorkommnisse gab. Die Frage ist bei einem Auftakt ja immer, ob es irgendwo eine Schräglage gibt. Aber von dem, was ich bislang gehört habe, war das nicht der Fall. Alles war im grünen Bereich.

DTM-Start? "Es muss jetzt einfach losgehen"

ran.de: Nachdem Sie nun beim Formel-1-Auftakt waren – wie viel größer ist bei Ihnen nun die Vorfreude auf den DTM-Auftakt in Belgien? Und was dürfen die Fans an den Fernsehern zu Hause erwarten? 

Berger: Es muss jetzt einfach losgehen. Denn sonst sind irgendwann die zeitlichen Abstände zum vergangenen Jahr so groß, dass die Themen alle ein bisschen einschlafen. Ich glaube, wir müssen jetzt alle erst einmal aus dem Winter- beziehungsweise Corona-Schlaf herausholen. Auf der anderen Seite müssen wir dieses Corona-Thema schon nach wie vor in den Mittelpunkt stellen. Es gibt zwar Fortschritte, immer wieder aber auch Rückschläge. Wir wollen natürlich wieder in die Normalität zurück, den Zuschauern Livesport-Events liefern, aber wir wollen gleichzeitig auch nicht die Gesundheit und Sicherheit der Fahrer, Teams und Zuschauer gefährden. Das ist ein schwieriger Tanz momentan, aber jetzt ist glaube ich schon der Zeitpunkt gekommen, dass man kleine Schritte nach vorne macht. Und auch wenn die Fans leider nicht vor Ort sein können, glaube ich schon, dass sie auch vor dem Fernseher aufgrund der TV-Darstellung unserer Rennserie voll auf ihre Kosten kommen. Außerdem haben wir ja auch die eine oder andere Anpassung beim Reglement vorgenommen, so dass ich glaube, dass Spannung und tolle Rennaction garantiert sind. Zudem sind BMW und Audi nach meinem Gefühl sehr auf Augenhöhe, was ebenfalls für interessante Rennen sprechen sollte. Ich bin für den DTM-Auftakt in Spa also sehr zuversichtlich.

ran.de: Wie haben Sie den Formel-1-Auftakt in Spielberg sportlich erlebt?  

"Formel-1-Auftakt sah schon sehr nach Mercedes-Dominanz aus"

Berger: Das Rennen selbst ist aufgrund der Ausfälle und der Safety-Car-Phasen schon sehr spannend gewesen und am Ende haben ja drei unterschiedliche Teams auf dem Podium gestanden. Das war sehr erfrischend. Aber Fakt ist auch, dass der Mercedes über das gesamte Wochenende eine halbe Sekunde schneller unterwegs war als der Red Bull, der beim Rennen auf Platz zwei fuhr. Das ist schon eine erste Positionierung und dennoch hoffen wir Fans ja immer, dass es spannende Rennen gibt, auch mal andere Fahrer gewinnen können und vor allem die Weltmeisterschaft bis zum letzten Rennen offen bleibt. Jetzt warten wir mal ab, wie es beim kommenden Wochenende in Spielberg aussehen wird, aber der Auftakt hat schon sehr nach einer Mercedes-Dominanz ausgesehen.

ran.de: Sebastian Vettel wurde in Österreich nur Zehnter, haderte mit seinem Auto und überhaupt scheint bei Ferrari intern aktuell mächtig Ärger zu herrschen. Wie schätzen Sie die Lage von Vettel ein? 

Berger: Das ist insgesamt schon eine extrem schwierige Lage. Aber was viele Fans, Experten und Medien dabei oftmals vergessen: Sebastian ist viermaliger Weltmeister und somit einer der besten und erfolgreichsten Formel-1-Fahrer der Geschichte. Ja, er hat es nicht geschafft, Ferrari zum Weltmeister-Titel zu führen. Aber ich kann ein Lied davon singen. Ich war auch sechs Jahre bei Ferrari und habe es nicht hingebracht. Und so erging es vielen anderen Formel-1-Piloten auch. Es haben überhaupt nur zwei Fahrer hinbekommen, das Ferrari-Team so zu steuern und so aufzufüllen, mit Fachleuten von außen, dass es dann auch eine dominante Position eingenommen hat. Das war Niki Lauda in den siebziger Jahren und Michael Schumacher in den neunziger Jahren. Die beiden haben neben ihrer hohen rennfahrerischen Qualität auch sehr gute Management-Qualitäten bewiesen. Natürlich hatte Ferrari auch noch zwei, drei weitere Weltmeister vorzuweisen, aber das waren dann eher Einzelerfolge. Nur Lauda und Schumacher haben Ferrari zum Seriensieger gemacht. Ich habe eigentlich auch geglaubt, dass Sebastian - speziell mit dieser deutschen Gründlichkeit, seinem Ehrgeiz und seiner Genauigkeit - das ähnlich hinbringen könnte. Aber es ist ihm leider verwehrt geblieben. Und ich kann es nur noch einmal sagen: ich kann ein Lied davon singen (lacht).

Vettel und Ferrari? "Es wird Zeit, sich zu trennen"

ran.de: Sie sprechen es an: Sie sind selbst für Ferrari gefahren, kennen die Strukturen dieses Teams und dieser traditionsreichen Marke. Verzweifelt Vettel aktuell eher an Ferrari oder Ferrari an Vettel? 

Berger: Ich weiß gar nicht, ob verzweifeln das richtige Wort ist. Die beiden haben sich auseinander gelebt. Der Sebastian braucht ein Team, bei dem er der absolute Kern des Teams ist, alles um ihn herum passiert und nur für ihn gemacht wird. Und wenn er von morgens bis nachts genau diese Pflege hat, kann er absolute Top-Leistungen abrufen. Wenn Sebastian aber in diesen direkten Konkurrenzkampf eintreten muss, wie jetzt bei Ferrari mit Charles Leclerc, dann ist er immer ein bisschen gefährdet, die Nerven zu verlieren. Und genau das ist passiert. Jetzt hat Ferrari entsprechend - wenn auch sicherlich nicht ganz fair - darauf reagiert. Sie haben sich offensichtlich auseinandergelebt und es wird Zeit, sich zu trennen.

ran.de: Welche Fehler hat Vettel aus Ihrer Sicht gemacht? Und welche Ferrari? 

Berger: Ferrari hat es in der Zeit, in der Sebastian jetzt dort ist, nie geschafft, ihm ein überzeugendes und dominantes Fahrzeug zu bauen. Man ist immer hinter Mercedes hinterher gefahren und konnte nie einen ernsthaften Angriff auf die Weltmeisterschaft starten. Die andere Sache ist, dass Sebastian natürlich auch im Kampf mit Leclerc um die Spitze im Team Schwächen gezeigt hat. Leclerc war einfach der stärkere Mann. Wenngleich man auch sagen muss, dass in der ersten halben Formel-1-Saison des vergangenen Jahres das Auto für Sebastian überhaupt nicht gepasst hat. Es wurde dann umgebaut, dann hat es auch besser gepasst. Und wenn man dann etwas mehr in die Tiefe schaut, war Sebastian wieder etwas weiter vorne. Aber vom Gesamteindruck her hat ganz klar Leclerc die Nase vorne.

"Ferrari hat Sebastian nie ein dominantes Auto bauen können"

ran.de: Können Sie sich eine vorzeitige Trennung zwischen Vettel und Ferrari mitten in der Saison vorstellen? 

Berger: Ich glaube, man reißt sich zusammen und bringt die Saison gemeinsam zu Ende.

ran.de: Wie wird es für Vettel aus Ihrer Sicht im kommenden Jahr weitergehen? Bleibt er in der Formel 1, legt er eine Pause ein oder hört er vielleicht sogar ganz auf?

Berger: Ich glaube, Sebastian wird jetzt einmal schauen müssen, ob sich bei Mercedes eventuell etwas ergibt – der Vertrag von Lewis Hamilton läuft ja aus. Das wäre für ihn natürlich der Platz schlechthin. Auf der anderen Seite glaube ich aber schon, dass Hamilton fix mit Mercedes verheiratet ist und er dort einen Anschlussvertrag unterschreiben wird. Ich hoffe für Sebastian einfach, dass er nochmal ein Auto bekommt, mit dem er den Angriff auf seinen fünften Weltmeister-Titel starten kann. Alternativ wünsche ich ihm, dass er stark genug ist, für sich zu entscheiden, mit vier WM-Titeln, vielen Siegen, keinen größeren Verletzungen, somit guter Gesundheit und vielen positiven Erinnerungen im Gepäck nach Hause zu gehen. Denn er sollte nicht den Fehler machen, auf Teufel komm’ raus weiterfahren zu wollen und dann irgendwo im Mittelfeld zu landen. Das würde ich mir für Sebastian nicht wünschen.

"Mercedes wäre für Sebastian der Platz schlechthin"

ran.de: Sollte Vettel im kommenden Jahr bei keinem Formel-1-Rennstall unterkommen, würde die Rennserie nach vielen Jahren zum ersten Mal ohne deutschen Fahrer an den Start gehen. Wer könnte Ihrer Meinung nach mittelfristig in Vettels Fußstapfen treten? Wie ist es um den Rennnachwuchs in Deutschland bestellt? Stichwort Mick Schumacher ...

Berger: Mick fährt aktuell in der Formel 2 und hat dort, genauso wie in den Rennserien vorher, schon sehr gute Rennen und Ergebnisse abgeliefert. Aber bis man in die Formel 1 kommt und innerhalb der Formel 1 zum Spitzenfahrer wird, da geht schon einige Zeit ins Land. Es kann also schon sein, dass Deutschland hier jetzt in ein Vakuum fällt.

ran.de: Ist Mick Schumacher in Ihren Augen aktuell der eheste Kandidat für das eventuelle Vettel-Erbe?

Berger: Momentan ja.

"Mick Schumacher muss man keine Ratschläge geben"

ran.de: Welchen Ratschlag würden Sie Mick Schumacher oder auch allen anderen Nachwuchsfahrern mit auf den Weg geben?

Berger: Mick muss man keinen Ratschlag geben. Er hat schon ein Leben lang in seiner Familie Rennsport-Luft geschnuppert, kennt alle Themen in und auswendig. Zudem hat er einen sehr guten Beraterstab um sich. Ich glaube, er weiß wie es geht. Er muss jetzt nur schauen, dass er in der Formel 2 weiterhin gute Resultate abliefert und dann wird er den Sprung in die Formel 1 schaffen. Dort wird er dann seinen eigenen Weg gehen müssen, so wie sein Vater damals.

ran.de: Mit dem Sieg von Valtteri Bottas und vor allem dem dritten Rang für Lando Norris kam es in Spielberg direkt zum Auftakt der Formel 1 zu einigen Überraschungen. Wird die Saison also doch spannender als von vielen Experten erwartet? 

Berger: Also wenn man das Auftakt-Wochenende in Spielberg mit ein bisschen mehr Tiefgang betrachtet hat, wird es sicherlich keine interessantere Saison, da Mercedes das Rennen eigentlich hätte komplett im Griff haben müssen. Jetzt sollten wir aber alle erst einmal das kommende, zweite Wochenende in Spielberg und dann auch noch Budapest abwarten, ob sich das Bild bestätigt. Denn vor allem in Ungarn hat die Strecke schon ein ganz anderes Layout. Trotz allem: Momentan zeigen die Zeiger sehr deutlich in Richtung Mercedes.

ran.de: Wie sehen nun Ihre kommenden Wochen vor dem anstehenden DTM-Auftakt aus? Worauf liegt Ihr Hauptaugenmerk?

DTM-Auftakt in Spa? "Alle fiebern dem Start der Rennserie entgegen"

Berger: Wir sind mitten in der Vorbereitung, werden in Spa auch nochmal einen Test mit zwei Autos haben. Es geht vor allem darum, das Event ohne Zuschauer und unter der Berücksichtigung des Sicherheits- und Hygienekonzepts bestmöglich über die Bühne zu bringen. Alle fiebern dem Start enorm entgegen. Wir haben ein starkes Starterfeld mit ein paar neuen Namen, vor allem unserem Ex-Formel-1-Fahrer Robert Kubica, der bei den Tests schon einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat und natürlich ganz vorne mitfahren will – das traue ich ihm auch ohne Weiteres zu. Außerdem haben die Tests gezeigt, dass BMW und Audi in etwa auf dem gleichen Niveau sind und Spannung somit garantiert ist.

ran.de: Wen sehen Sie neben Kubica in der kommenden DTM-Saison noch vorne?

Berger: Bei den Tests hat Ferdinand von Habsburg überrascht und richtig gute Zeiten hingelegt. Lucas Auer ist wieder da, der auch immer um Siege mitfahren kann. Hinzu kommen unsere Ex-Champions Rene Rast und Marco Wittmann, sowie ein Timo Glock. Sie alle werden versuchen, sich ganz vorne zu platzieren und um die Meisterschaft zu kämpfen.

Das Interview führte: Dominik Hechler

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