Wie heil ist die Welt bei Audi wirklich?Wie heil ist die Welt bei Audi wirklich? ©

Liebe Motorsport-Freunde, liebe DTM-Fans,

es geht am kommenden Wochenende in Brands Hatch (die Rennen Samstag und Sonntag ab 14 Uhr live in SAT.1) in die zweite Saisonhälfte, der Titelkampf spitzt sich mehr und mehr zu. Und ich kann verraten: Es brodelt in der DTM! 

Vor allem bei Audi ist ordentlich Feuer unter dem Dach, dort gibt es sehr, sehr große Spannungen unter den Fahrern. Denn zum einen sind Dinge zuletzt anders gelaufen, als sie vorher intern abgesprochen wurden. 

Und: Zwischen Tabellenführer René Rast und dem Gesamtzweiten Nico Müller hat es nicht nur auf der Strecke geknallt. Da können die beiden in die Kamera grinsen, wie sie wollen. Man erkennt und spürt schnell, dass nicht die Wahrheit gesagt wurde, als es um das angeblich so heile Verhältnis zueinander ging. Denn die haben sich hinter den Kulissen mehr als einmal die Meinung gegeigt und sind sich nicht so grün, wie immer behauptet wird. Das ist seit der Kollision am Norisring nicht mehr zu übersehen.

Die Show gehört dazu

Klar: Die Show gehört zum Spiel dazu. Die Fahrer sind durch die Hersteller komplett auf Political Correctness getrimmt, denn die wollen nichts anderes als die heile Welt. Ich würde mir wünschen, dass nicht immer nur Kuschelkurs verkauft wird, sondern dass es auch mal knallt, wenn es schon brodelt. Es ist doch viel menschlicher, wenn man sich auch mal über den Konkurrenten auslässt, auch wenn er ein Teamkollege ist. Emotionen wollen die Leute sehen und hören. Klar: Wir haben eine Vorbildfunktion, weshalb Fäkalsprache nicht auf der Tagesordnung stehen sollte. Aber um Typen zu kreieren, sollte man Fünfe auch mal nach außen hin gerade sein lassen.

Denn so schön und freundlich wie Fahrer und Hersteller nach außen hin immer tun, ist es definitiv nicht. Am Ende ist der Fahrer der "nackte Affe", der im Rampenlicht steht, in guten, aber auch in schlechten Zeiten. Heißt: Alle Ergebnisse und Geschehnisse haben einen Einfluss auf die weitere Zukunft. Deshalb muss jeder Fahrer eine gesunde Portion Egoismus haben. Und muss den auch durchsetzen. Und deshalb kann gar nicht alles immer nur Friede, Freude, Eierkuchen sein, wie gerne vorgegaukelt wird. 

Automatische Diskussionen

Wir befinden uns jetzt vor dem sechsten von neun Rennwochenenden in der Phase, wo sich Audi und auch BMW auf die Fahrer festlegen, die im Titelkampf unterstützt werden. Das führt intern automatisch zu Diskussionen. 

Denn jeder Fahrer will sich auch jetzt noch so gut es geht ins Gespräch bringen. Und deshalb ist es auch so, dass einige Audi-Fahrer mit der jetzt einsetzenden Priorisierung der Piloten nicht einverstanden sind. Die Priorisierung ergibt sich aus den Punkteständen, verbunden mit den Positionen im Qualifying, aus denen dann unter dem Strich die einzelnen Rennstrategien festgelegt werden. Mit Vorteilen und Unterstützung für die Titelkandidaten natürlich. Dass einige automatisch zurückstecken müssen, schmeckt einem Fahrer von Natur aus schon nicht.

Denn in der DTM hat man in einer Saison nur wenige Chancen, sich zu zeigen und zu positionieren, die Ellenbogen auszufahren, um die Unterstützung des Herstellers und der Teamkollegen zu bekommen. Ist man dann nicht egoistisch, ist man der ewige Zweite. Wenn man der Beste sein will, muss man alle Joker und Register ziehen. Den Zweiten kennt morgen keiner mehr. 

Ich habe es selbst erlebt: Ich habe jahrelang alles für Audi gegeben und am Ende hat man mir ohne Ankündigung in den Hintern getreten. Deshalb der Rat an die Jungs: Seid vorsichtig, schaut vor allem auf euren eigenen Hintern. Denn am Ende zählt nur der Sieg, nur der Titel. Wir erinnern uns an Superstars wie Ayrton Senna, Alain Prost oder Michael Schumacher, die Dinge getan haben, wo man dachte: 'Was für ein arroganter Arsch'. Doch der Erfolg gab ihnen Recht.

Auch BMW hat mit Marco Wittmann und Philipp Eng noch zwei heiße Eisen im Feuer, wenn auch mit ein bisschen Rückstand auf das Audi-Duo. Charakterlich sind sie so unterschiedlich wie die Audi-Jungs, dabei ist die Situation aber bei weitem nicht so brisant. Philipp performt toll, ist aber vor allem glücklich, dass er in seinem zweiten Jahr vorne mitmischt. Marco ist der erfahrene Mann, zweimaliger Meister. Er weiß, wie Titelkampf in der DTM geht und wird intern seine Position zu verteidigen wissen.

Wann platzt der Kragen?

Als Rennfahrer weiß ich, wie sensibel und schwierig das ganze Thema Titelkampf und interne Stallorder ist. Als Experte freue ich mich darauf, dass einem vielleicht bald einmal der Kragen platzt und das sagt, was ihm auf der Zunge liegt. Ich hoffe, dass die Würze nicht nur bleibt, sondern in den kommenden Wochen noch ein bisschen mehr wird. Denn das könnte die DTM gut gebrauchen.

In diesem Sinne: Viel Spaß in Brands Hatch oder bei ran racing in SAT.1.

Euer Timo Scheider

Timo Scheider fuhr von 2000 bis 2016 für Opel und Audi 181 Rennen in der DTM, von denen er sieben gewann, dazu holte er 24 Podestplätze. 2008 und 2009 gewann er den Titel. Seit 2018 ist er ranDTM-Experte.

Die DTM gibt es live und exklusiv in SAT.1 und auf ran.de

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Motorsport 2018 / 2019