Mattias Ekström. - Bildquelle: Motorsport Images
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email: info@motorsportimages.comMattias Ekström. © Motorsport Images Tel: +44(0)20 8267 3000 email: info@motorsportimages.com

München - Mattias Ekström ist DTM-Legende, Teamchef, Allrounder und neuerdings auch Fan des elektrischen Motorsports.

Im Interview mit ran spricht der Schwede vor dem zweiten Rennwochenende der Extreme E an diesem Wochenende live auf ProSieben MAXX und ran.de über die neue Elektro-Rennserie, die Formel E, die DTM und die Zukunft des Motorsports.

ran: Herr Ekström, Sie sind der klassische Petrolhead. Wie kommt jemand wie Sie zum elektrischen Motorsport?

Mattias Ekström: Das stimmt. Aber viele wissen nicht, dass ich in meinen DTM-Jahren auch unzählige Entwicklungskilometer gefahren bin. Ich liebe technische Entwicklungen, was mich zum elektrischen Motorsport gebracht hat. Elektroantriebe sind inzwischen eine seriöse Alternative. Und als Fahrer ist Elektro cool: Du hast keine Schaltung, sehr viel Leistung und viele Vorteile. Das zu optimieren, macht mir persönlich Spaß.

ran: Ohne Krach ist es also auch in Ordnung?

Ekström: Wenn ich selbst im Auto sitze, bin ich überhaupt kein Fan von lauten Autos, egal ob Renn- oder Straßenauto, ich hatte deshalb im Rennauto immer Ohrenstöpsel. Von außen ist es cool, verschiedene Motoren wie Vierzylinder-Turbo oder V8 zu hören. Ich verstehe, dass viele Fans die Elektro-Geräusche nicht cool finden, aber das ist nur ein Element des Ganzen. Die Unterhaltung kommt ja nicht durch den Sound. Ich finde, dass jeder Antrieb eine Chance bekommen sollte.

ran: Wie stehen Sie denn generell dem Wandel im Motorsport gegenüber? 

Ekström: Die Autoindustrie hat vom Motorsport extrem profitiert, denn die Entwicklungen im Motorsport kamen auch der Serienproduktion zugute. Motorsport ist immer noch die beste Entwicklungsplattform für Mobilität, weil alle ans Limit getrieben werden. Beim Thema Nachhaltigkeit wäre mein Wunsch, dass die Verantwortlichen im Motorsport noch viel schneller auf Veränderungen in der Autoindustrie reagieren. Extreme E ist in dieser Hinsicht schon auf einem guten Weg. 

ran: Was ist das Reizvolle für Sie an der neuen Extreme E?

Ekström: Wenn man sieht, wie die Welt an manchen Orten vom Klimawandel bereits getroffen wurde, ist jeder Beitrag, der dazu führt, dass es besser oder weniger schlecht wird, wertvoll. Extreme E versucht, auf diese Situationen aufmerksam zu machen. Andere können davon lernen, denn es geht im Motorsport nicht mehr nur um schnelles Autofahren.  

ran: Glauben Sie, dass die Extreme E bei ihren Zielen tatsächlich etwas erreichen kann?

Ekström: Ich glaube schon, dass das Bewusstsein für Umweltprobleme und den Klimawandel größer wird. Die echten Petrolheads lachen vielleicht darüber, aber Hand aufs Herz: Es ist wichtig, etwas dazu beizutragen und die Welt ein wenig besser zu machen. Dass es Leute gibt, die darüber meckern, gehört dazu. 

 

ran: Ein Thema, das die Extreme E verbessern will, ist die Gleichstellung. Wie wichtig ist es da, dass sich Mann und Frau ein Cockpit teilen?

Ekström: Ich bin in meiner ganzen Karriere gegen Frauen gefahren, und die haben mich zum Teil auch geschlagen. Dass Frauen eine Plattform wie die Extreme E bekommen, ist ein Riesensprung. Trotzdem wird man Geduld brauchen. Es wird eine Weile dauern, bis sich der Nachwuchs entwickelt. Extreme E kann Frauen motivieren, eine Karriere im Motorsport anzugehen.

ran: Sie sind bereits in vielen Serien gefahren: Wo reihen Sie die Extreme E ein?

Ekström: Das Rallycross-Format in der Extreme E finde ich cool. Die Autos sind schnell genug, um spektakulär zu sein. Sie sind aber auch sehr schwer zu fahren. Ich würde mir daher technische Verbesserungen wünschen, damit sie einfacher zu fahren sind. Denn dann hätten auch die Frauen eine noch bessere Chance, dann wären die Unterschiede nicht so groß und es würde es einen ausgeglicheneren Kampf um die Spitzenplätze geben, die Rennen würden noch besser werden.

ran: Wie fällt Ihr erstes Fazit nach einem Wochenende aus? Ist das ein guter Anfang gewesen?

Ekström: Die Basis stimmt. Die Bilder waren mehr als cool, man kann sich nur wünschen, dass es eine Veranstaltung ohne Staub geben wird, denn dann wird es noch cooler. Die Leute finden das Format interessant, aber es gibt noch deutlich Luft nach oben. Aber Seriengründer Alejandro Agag ist bekannt dafür, dass es unter ihm schnell Veränderungen geben kann, um das Racing noch besser zu machen. 

ran: Kann die Extreme E mal so erfolgreich sein wie die Formel E?

Ekström: Historisch gesehen ist der Rallyesport nie so populär gewesen wie Rennen auf der Rundstrecke, also Formel 1 oder DTM zum Beispiel. Ich glaube, dass Extreme E wachsen und groß werden kann. Ich glaube aber im Moment nicht, dass sie größer oder erfolgreicher sein wird als die Formel E. 

ran: Warum hat es der Rallyesport schwerer als der Rundstreckensport?

Ekström: Bei den schmutzigen Formaten mit Schotter wie bei der Rallye-WM oder beim Rallycross sind die Fans einfach anders. Das Rundstrecken-Publikum, das anders ist, ordentlicher, das vielleicht mehr auf Champagner, Rotwein und gutes Essen steht, ist einfach größer. Diese Kultur hat sich über die Jahre entwickelt.

ran: Sie waren anfangs skeptisch, was die Formel E betrifft. Wie stehen Sie inzwischen dazu?

Ekström: Formelautos waren nie mein Ding. Die Formel E verfolge ich zwar von Anfang an, weil auch ABT vom Start weg dabei ist. Und es sind inzwischen auch mehr Autos am Start, es ist ausgeglichen, es gibt coole Kämpfe - aber irgendetwas fehlt mir trotzdem, damit ich mir meinen Wecker stelle, um mir die Rennen regelmäßig anzuschauen. Ich hätte lieber kürzere Rennen, dafür mehr Leistung, mit Allrad, ohne Energiemanagement und nur Vollgas. Für mich fühlt es nicht spektakulär genug an. Ich habe viel Respekt für das große Ganze, aber als Fahrer liege ich nicht im Bett und träume davon, dass mich jemand anruft und fragt, ob ich Formel E fahren möchte.

ran: In der Extreme E gehen Sie mit dem ABT-Team, für das Sie seit über 20 Jahren fahren, an den Start. Was zeichnet den Rennstall aus?

Ekström: Die Lust, zu gewinnen. Das macht sie stark. (Inhaber) Hans-Jürgen Abt hat mir immer das Gefühl gegeben, dass er den Motorsport liebt, dass er gewinnen will und eine gewisse Ordnung mag. Je mehr ich herumreise und kennenlerne, desto mehr schätze ich die Äbte, weil ich von ihnen extrem geprägt wurde. Es fühlt sich wie eine Familie an. Ich mag den Stil des Rennstalls: Ehrgeiz, Ordnung, Effizienz. Das ist das Rezept für mein Leben geworden, das ist meine persönliche Referenz. 

ran: Mehr als 20 Jahre sind eine lange Zeit. Was sind die Geheimnisse einer funktionierenden Ehe?

Ekström: Es kommt oft genug vor, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Aber trotzdem trennen wir zwischen dem Menschen und der Sachfrage und geben gemeinsam das Beste, um eine Lösung des Problems zu finden. Das ist wichtig. Wenn man so lange loyal war, weiß man, was man an dem anderen hat.  

 

ran: ABT geht weiter in der DTM an den Start. Warum fährt Mattias Ekström nicht in der DTM? 

Ekström: Ich habe die DTM 17 Jahre lang genossen und erlebt und möchte etwas anderes machen in meiner Karriere, bevor ich in Rente gehe. Jetzt entdecke ich die Rally-Raid-Welt und finde das spannend. Vermisse ich die DTM? Nein, aber ich schaue gerne zurück auf die wohl schönste Zeit meiner Motorsport-Laufbahn.

ran: Gab es denn ein konkretes Angebot? 

Ekström: Ein Angebot lag schon auf dem Tisch, das habe ich aber abgelehnt. Im Nachhinein habe ich mich schon mal gefragt, ob ich es nicht vielleicht doch hätte annehmen sollen. Doch macht mich das glücklicher? Nein, Projekte wie Extreme E reizen mich mehr.

ran: Ist ein DTM-Einstieg mit Ihrem eigenen Team eine Option? 

Ekström: Nein. Als Teamchef finde ich immer noch, dass die Kurzweiligkeit des Rallycross zeitgemäßer ist. Auch ein Format wie die Extreme E ist für mich interessanter als eine DTM. Ich habe im Moment kein Interesse an einem Rundstrecken-Team.

ran: Wie sehen Sie die Situation der DTM vor dem Start in eine neue Ära?

Ekström: Ich habe schon früher immer gehofft, dass die GT3-Autos kommen. Die Class-1-Autos waren cool, aber sie waren extrem teuer bei relativ wenig Gegenwert. Hätte man die GT-Autos früher an den Start gebracht, hätte man richtig etwas aufstellen können. Durch die Coronakrise sind die Mittel und die Möglichkeiten jetzt aber viel geringer geworden. Mit den Budgets aus den früheren DTM-Jahren hätte jeder Hersteller wahrscheinlich 20 GT3-Autos an den Start bringen können. Dann hätte man ein Starterfeld mit 60 Autos und damit eine ganz andere DTM gehabt. Ich glaube, dass es jetzt sehr schwer wird, die Serie für den Neustart so zu pushen, wie es früher der Fall war. Es kann cool werden, aber ob es reicht, die Fans zu begeistern und einzufangen - das wird spannend zu beobachten.

ran: Wie bewerten Sie das Starterfeld? 

Ekström: Fünf bis zehn Top-Fahrer gibt es. Dann gibt es aber auch Fahrer, von denen man weiß, dass die mit dem Sieg nichts zu tun haben werden. Früher hatte die DTM die besten Fahrer, die es auf dem Markt gab. Jetzt besteht ein Teil des Feldes aus Pay-Drivern. Das ist nicht verkehrt, die müssen ja auch lernen. Aber dafür gibt es theoretisch eine Plattform wie das ADAC GT Masters. 

ran: Die DTM und das GT Masters arbeiten aber nebeneinander und nicht miteinander. Ist das sinnvoll?

Ekström: Meine Hoffnung ist, dass die DTM und das ADAC GT Masters zusammenarbeiten. Das wäre die beste Lösung. Ich weiß aber, dass es nie so leicht ist, wenn sich zwei Könige einigen sollen. Aber dass Verantwortliche sich in einer Krise einigen und zusammenarbeiten, gehört zu den größten Herausforderungen der Zukunft, denn im Fall von DTM und GT Masters splittet man dadurch die Zuschauer. Man stelle sich ein gemeinsames Rennwochenende von DTM und GT Masters auf dem Norisring vor: Fahrer, Teams und Autos alle an einem Platz, die Tribünen pickepackevoll. So ein Mega-Event ist es, was die Fans wollen, das wäre ein Mehrwert für alle. Leider wird das oft durch persönlichen Stolz verhindert. Die großen Egos wollen den Machtkampf gewinnen, doch unter dem Strich verliert der Motorsport und andere Sportarten gewinnen. Das wäre mein Wunsch für den Motorsport: Weniger 'Ich, ich ich', dafür mehr miteinander.

ran: Was muss der Motorsport noch tun, um zu überleben?

Ekström: Keine Geheimnisse mehr. Hätte ich alles zeigen und erklären dürfen, was wir gemacht haben, hätten wir wahrscheinlich bei viel mehr Menschen das Interesse geweckt. Wenn ich eine Sache aus der Vergangenheit ändern könnte, dann das: Weniger Geheimnisse und mehr Informationen mit den Fans teilen, denn so kreiert man Verständnis, Interesse und man nimmt seine Fans mehr mit. Im Nachhinein wurde den Fans viel zu wenig gegeben, sie wurden zu wenig eingebunden. Außerdem glaube ich, dass nur alles, was in Zukunft vom Format her kurzweilig und unterhaltsam ist, eine Chance hat, zu überleben. Ich merke das als Familienvater selbst: Ich habe kein Problem damit, eine Stunde etwas zu schauen, das ist aber das Maximum. Mehr Zeit nimmt man sich nicht mehr, denn die Zeiten ändern sich.

Das Interview führte: Andreas Reiners

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