Andre Lotterer. - Bildquelle: imago images/Motorsport ImagesAndre Lotterer. © imago images/Motorsport Images

München - Zweimaliger Super-GT-Champion. Meister in der Formel Nippon. Dreimaliger Le-Mans-Gewinner, dazu WEC-Champion.

Keine Frage: Andre Lotterer hatte eine Menge Erfolge in seiner Vita stehen, als er Ende 2017 sein Debüt in der Formel E (live in SAT.1 und auf ran.de) feierte.

Zu dem Zeitpunkt war der Deutsche 36 Jahre alt. Also nicht nur erfolgreich, ein Allrounder, sondern dazu auch noch erfahren.

Motorengeräusche gewohnt

Klar: Man stellt sich das Debüt dann anders vor. Ganz anders.

Doch Lotterer kassierte in seinem ersten Rennen in der Elektrorennserie gleich vier Strafen, mit der Disqualifikation als negativem Höhepunkt. Er hatte den Boliden seines Techeetah-Teams im Parc ferme abgestellt, ihn aber im "Ready to move"-Modus gelassen. 

Sein damaliger trockener Kommentar beim Motorsport-Magazin: "Ich bin es ja eigentlich gewohnt, den Motor zu hören."

Was sich witzig anhört, ist aber tatsächlich ernst und auch etwas, das Lotterer heute noch sagt: Die Formel E ist mit Abstand die am schwierigsten zu fahrende Rennserie. Das hat sich auch nach drei Saisons und 36 Rennen nicht geändert.

Kurioses Formel-1-Debüt

Dabei hat Lotterer, inzwischen 39 Jahre alt, tatsächlich eine Menge erlebt. Sogar ein Formel-1-Rennen fuhr er, sein Debüt war ähnlich kurios wie das in der Formel E. 

Denn Lotterer sprang 2014 beim Belgien-Rennen für ein Rennwochenende ein - und konnte sich damit einen großen Traum erfüllen. 

Natürlich stand die Königsklasse auch bei ihm ganz oben auf der Liste, als er als 19-Jähriger nach Titelgewinnen in der Formel BMW (1998 und 1999) 2000 und 2001 für das damalige Jaguar-Team einige Formel-1-Tests absolvierte, danach als Testfahrer übernommen wurde.

Doch Lotterer hing seinem großen Ziel damals nicht lange nach, als er es nicht erreichte, sondern reagierte auf eine ungewöhnliche Art und Weise: Er zog 2003 aus nach Japan, um dort durchzustarten.

Mehrere Meisterschaften

Und das tat er, holte Meisterschaften in der Super GT (2006 und 2009) und in der Formel Nippon (2011).

Seine größten Erfolge feierte er aber im Langstreckensport, in der World Endurance Championship (WEC), in der er als Audi-Werksfahrer dreimal die legendären 24 Stunden von Le Mans (2011, 2012 und 2014) gewann, 2012 den Gesamtsieg holte und von 2013 bis 2015 Vize-Champion wurde.

Er hatte sich abseits der Formel 1 längst einen Namen gemacht, als die Königsklasse doch noch anklopfte, für einen "Quickie", wenn man das so nennen kann. Keine Spaßaktion, wie er damals betonte, doch Spaß gemacht hat es trotzdem.

Wichtige zwei Runden

Er war schon damals, mit 32, ein Exot in einer Rennserie, die vermehrt auf junge Fahrer setzte. Nahezu zeitgleich mit dem Lotterer-Coup hatte Toro Rosso den damals 16-jährigen Max Verstappen als Neuzugang für die Saison 2015 verkündet.

Der einzige Haken bei Lotterers Mini-Debüt war leider sportlicher Natur: Er fuhr für das Hinterbänkler-Team Caterham. Und kam im Rennen dann nicht einmal ins Schwitzen, er musste seinen Boliden nach gerade einmal zwei Runden mit technischen Problemen abstellen. 

Trotzdem machten ihn die vier Tage Formel 1 in Spa berühmter als die ganzen Jahre im Sportwagen. "Ich war schon überrascht, wie mich dieser Einsatz bekannt gemacht hat. Ich habe meinen Namen sogar in den Nachrichten gehört", sagte Lotterer. 

Seine Karriere als Werksfahrer setzte er nicht aufs Spiel, er musste aber umplanen. Nach dem Audi-Ausstieg aus der WEC 2016 ging er zu Porsche, die eine Saison später allerdings auch ihr Engagement beendeten.

Bedeutete für Lotterer den Sprung in die Formel E. Nach zwei Saisons für Techeetah, in denen er jeweils Gesamtrang acht belegte, gemeinsam mit seinem Teamkollegen Jean-Eric Vergne 2018/19 den Teamtitel holte.

2019/20 kehrte er zu Porsche zurück. In der zweiten Saison will er mit seinem Teamkollegen Pascal Wehrlein weiter vorne mitmischen als in der vergangenen Saison, als es für ihn im engen Schlussspurt wieder nur für Rang acht reichte.

Fest steht: Die Schonzeit ist vorbei.

Das Gesicht des Wandels

Lotterer hat sich klare Ziele gesetzt: "Wir haben uns in unserer ersten Saison mit den Podestplätzen gut geschlagen. Das war die Aufgabe. Jetzt ist es definitiv unser Ziel, Rennen zu gewinnen. Wenn man erst einmal in der Lage ist, Rennen zu gewinnen, hat man auch die Möglichkeit, regelmäßig auf dem Podium zu stehen und viele Punkte zu sammeln." Er liebäugelt mit den Top 3.

Denn da die Serie inzwischen WM-Status hat, ist das Ganze noch einmal aufgewertet worden. "Wenn man sieht, wie viele Premiumhersteller vertreten sind, zeigt das, wie relevant und wichtig die Formel E ist. Der Wettbewerb ist extrem hoch. Daher denke ich, dass der Status einer Weltmeisterschaft auf jeden Fall angemessen ist", sagte Lotterer: "Es ist wirklich beeindruckend zu sehen, wie sich die Serie entwickelt. Daran hätten am Anfang wohl die wenigsten geglaubt."

Funfact: Er auch nicht.

Lotterer ist so etwas wie das Gesicht des Wandels vom klassischen Verbrenner-Motorsport hin zur Elektro-Zukunft. Denn er war jahrelang mit einem 1000-PS-Prototypen unterwegs - für einen alten Hasen ist so ein Umstieg auf einen surrenden, maximal 340 PS starken E-Flitzer eine Komplett-Umstellung.

Hinzu kam, dass der Deutsche zu den Kritikern gehörte, die Formel E müde belächelte - bis er schließlich selbst mitfuhr. 

Und bei seinem Debüt vier Strafen kassierte.

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