Andre Lotterer freut sich auf seine dritte Formel E-Saison für Porsche. - Bildquelle: imago images/NurPhotoAndre Lotterer freut sich auf seine dritte Formel E-Saison für Porsche. © imago images/NurPhoto

München - Die achte Saison der Formel E steht vor der Tür. Vom 27. bis 29. Januar steigt der WM-Auftakt in Saudi-Arabien (live auf ProSieben, P7 MAXX und ran.de).

Vor dem ersten Rennwochenende hat sich ran mit Porsche-Pilot Andre Lotterer unterhalten.

ran: Herr Lotterer, nicht mehr lange bis zum Saisonauftakt in Saudi-Arabien. Wie groß ist die Vorfreude?

Andre Lotterer: Als Sportler leben wir für den Sport. Wenn so eine lange Pause ist, fehlt uns unsere Lieblingsaufgabe. Von dem her ist meine Vorfreude groß - vor allem, weil es so eine tolle Strecke ist, die sehr viel Spaß macht. Ich freue mich auch, wieder im Team zu sein, wieder in Action zu sein.

ran: Sie sprechen Ihr Team an. Es ist mittlerweile Ihre dritte Formel-E-Saison bei TAG Heuer Porsche. Wie hat sich Ihre Beziehung über die Jahre entwickelt?

Lotterer: Wir haben in den ersten beiden Jahren sehr viel gelernt, sehr hart gearbeitet, gut weiterentwickelt. Bei Porsche bin ich ja schon seit 2017, angefangen hat es mit dem LMP-Programm. Nach einer kurzen Pause haben wir dann für die Formel E wieder zueinandergefunden. Es ist sehr motivierend für mich, für Porsche zu fahren und Geschichte zu schreiben.

Mit dem Team ist alles supercool. Als deutscher Fahrer kann ich mit allen sehr gut kommunizieren. Meine Mechaniker-Crew ist mega, wir haben wirklich eine gute Zeit, professionell, aber auch freundschaftlich. Das ist wichtig. In keiner anderen Meisterschaft arbeitet man so eng mit seinen Ingenieuren zusammen wie in der Formel E, da man sehr oft im Simulator ist.

Lotterer: "Die Stimmung ist gut"

ran: Und das Verhältnis zu Ihrem Teamkollegen Pascal Wehrlein?

Lotterer: Pascal ist vor der letzten Saison neu dazugekommen, geht jetzt in seine zweite Saison. Natürlich hatte ich eine lange Beziehung zu Neel (Jani, Lotterers vorheriger Teamkollege beim TAG Heuer Porsche Formel-E-Team, Anm. d. Red.) durch die Langstrecke. Aber Pascal bringt viel frischen Wind, neuen Input. Er ist ein wichtiger Bestandteil des Teams, hat sehr viel Talent und Speed. Wir reisen ab und zu zusammen, sehen uns viel im Simulator. Die Stimmung ist gut.

ran: Stichwort Simulator. Sie saßen bei den Testfahrten in Valencia im vergangenen November das letzte Mal im Auto. Wie lief die Vorbereitung seitdem?

Lotterer: Wir durften vom Reglement her in der Zwischenzeit leider nicht mehr testen. Ich war seitdem sehr oft in Weissach (Standort des Porsche-Entwicklungszentrums, Anm. d. Red.), um Ideen weiterzuentwickeln. Wir haben sehr viele Dinge gefunden, die wir besser machen können. Hoffentlich sehen wir das dann in Riad.

ran: 2021 musste der Saisonstart wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. In diesem Jahr gab es zwar auch wieder Änderungen am Rennkalender, doch zumindest der Auftakt blieb verschont. War die Vorbereitung dadurch generell etwas einfacher?

Lotterer: Wir passen uns den Gegebenheiten an, sind sehr flexibel, wenn Sachen verschoben werden. Aus jeder Situation muss man das Beste herausholen. Letztes Jahr konnten wir uns dadurch länger vorbereiten, mehr entwickeln. Für die Meisterschaft ist es aber, denke ich, schon gut, dass der Saisonauftakt diesmal geplant stattfindet. Generell ist die Situation mit Corona nicht ideal, aber heutzutage kann man vieles auch im Homeoffice schaffen. Das war interessant zu sehen.

Lotterer: Neues Qualifying wird "interessant, vor allem für die Fans"

ran: 2022 gibt es ein neues Qualifying-Format im Turnier-Modus. Konnten Sie sich dazu schon eine Meinung bilden?

Lotterer: Ja, das neue Format ist schon voll drin. Letztens war mein Ingenieur den ganzen Tag bei mir zu Hause, um das neue Format zu visualisieren, alle Szenarien durchzusprechen. Wie so eine Session ablaufen könnte, wird auch im Simulator durchgespielt. Es wird ein Unterschied sein, ob es ein Single- oder Double-Header ist, weil wir da mehr Reifen zur Verfügung haben – das kann dann auch beim Qualifying eine Rolle spielen. Aber ich denke, das ist auf jeden Fall ein interessantes Format, vor allem für die Fans.

ran: Neben dem neuen Qualifying bietet die kommende Saison auch wieder einen spektakulären Rennkalender. Auf welches Rennen freuen Sie sich am meisten?

Lotterer: Ich freue mich auf jedes Rennen. Das ist jedes Mal eine Chance, Punkte zu holen. In der Formel E sind wir schon verwöhnt, was die Locations angeht, es ist eigentlich immer cool. Natürlich ist unser Heimrennen in Berlin sehr wichtig. Ansonsten werden die neuen Kurse - Jakarta, Vancouver und Seoul - sicherlich Highlights sein.

ran: Kann man als Fahrer überhaupt die Städte genießen oder bleibt dafür keine Zeit?

Lotterer: Dadurch, dass wir oft im Stadtzentrum untergebracht sind, kann man das schon genießen. Wir reisen meist etwas früher an, dann haben wir etwa anderthalb Tage, um die Städte zu erkunden. Auch durch unsere PR-Aktionen entdecken wir oft coole Plätze. Wenn es der Terminkalender zulässt und jetzt nicht unmittelbar nach den Rennen etwas ist, versuche ich auch mal, zwei, drei Tage länger zu bleiben. Dann nehme ich meine Kamera mit, fotografiere ganz viel und entdecke unsere schöne Welt.

ran: Wie kann man sich generell die Saison eines Formel-E-Fahrers vorstellen? Wann geht es los, wie verbringt man die Zeit zwischen zwei Rennen?

Lotterer: Für einen Rennfahrer hört die Saison nie auf. Selbst im Urlaub ist da immer eine Verbindung zum Sport. Man wacht jeden Tag auf und denkt: Wie kann ich besser werden? Der Fokus ist immer bei den Rennen. Bei längeren Pausen versucht man schon, für ein paar Tage nach Hause zu kommen, abzuschalten, auch mal woanders. Aber dann geht es wieder in den Simulator. Wenn nicht viel Zeit zwischen zwei Rennen ist, muss man mit seiner Energie gut haushalten.

Lotterer: "Ich peile Siege an"

ran: 2021 war der WM-Kampf bis zum Finale in Berlin komplett offen. Erwarten Sie 2022 wieder Spannung bis zum Schluss?

Lotterer: Ich denke, Spannung wird auf jeden Fall da sein, auch wenn das neue Qualifying-Format vielleicht für etwas mehr Konstanz sorgt. Die Rennen bleiben sicherlich aufregend. Das Rennformat ist ja auch ein bisschen anders, die Rennen können (im Falle von Safety-Car- oder Full-Course-Yellow-Phasen, Anm. d. Red.) etwas länger werden, gutes Energiemanagement ist also noch wichtiger. Durch die Stadtkurse und die engen Überholmanöver bietet die Formel E aber eh immer Action.

ran: Was sind Ihre persönlichen Ziele für die neue Saison?

Lotterer: Ich peile Siege an und möchte konstant punkten. Dadurch, dass wir in den ersten beiden Saisons viel und schnell gelernt haben, bin ich zuversichtlich, dass wir eine gute Saison haben und in der Meisterschaft ein Wörtchen mitreden können.

ran: Mit Audi und BMW haben zwei deutsche Teams die Formel E werksseitig verlassen, Mercedes hört nach der kommenden Saison ebenfalls auf. Es sind auch nur noch drei deutsche Fahrer dabei. Müssen sich die deutschen Fans Sorgen machen?

Lotterer: Ich denke nicht. Porsche in der Meisterschaft zu haben, ist ziemlich premium, würde ich sagen. Wir sind zwar weniger, aber die Qualität ist gut, wenn ich das so sagen darf (lacht). Natürlich ist es schade, wenn deutsche Teams gehen. Aber dass Teams andere Pläne haben und aufhören, kann passieren. Das hat man in vielen Meisterschaften gesehen.

Doch dafür kommen auch andere. Deutsche Fans müssen ja auch nicht nur deutsche Fahrer und deutsche Teams anfeuern. Die Meisterschaft an sich bietet viel Spannung - und das wird auch weiterhin so sein.

ran: Sie haben eine bunte Motorsport-Vergangenheit, sind Le Mans-Sieger, Langstrecken-Weltmeister, waren auch schon in der Formel 1. Verfolgen Sie nach wie vor auch anderen Motorsport?

Lotterer: Ja, sehr gerne sogar. Natürlich Formel 1 - das war eine tolle Saison. Aber auch andere Serien wie die Rallye Dakar verfolge ich.

ran: Wie bewerten Sie die Entwicklung im Motorsport, der ja auch abseits der Formel E immer elektrischer wird?

Lotterer: Die Entwicklung ist sehr interessant. Ich konnte das auf der Langstrecke schon mitverfolgen, vom normalen Verbrennungs- zum Hybrid- und dann ziemlich schnell zum elektrischen Motor. Im Moment tut sich einiges. Und das ist nur der Anfang. Die E-Technik wird besser werden. Der Motorsport ist dabei Vorreiter. Und immer mehr elektrische Serien werden auch relevant. Porsche macht zum Beispiel auch im Bereich E-Fuels sehr viel. Nachhaltiger Motorsport, aber trotzdem mit Action - das ist die Zukunft.

Das Interview führte Kevin Obermaier

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