von Oliver Jensen

Pascal Wehrlein startet in seine fünfte Formel E-Saison, die dritte mit Porsche. Vor dem Saisonauftakt spricht er über seine Ziele, gute Erinnerungen an Mexiko und die Formel 1.

ran: Herr Wehrlein, in der Formel E hat sich viel verändert. Es gibt Neueinsteiger wie McLaren und Maserati und Rückkehrer Abt Sportsline, viele Wechsel auf dem Fahrermarkt und neue Fahrzeuge. Ist die bevorstehende Saison dadurch eine Wundertüte?

Pascal Wehrlein: Es ist auf jeden Fall ein großer Neustart für alle, weil es wirklich viele Veränderungen gibt. Wir stehen nun mit den Gen-3-Autos erst ganz am Anfang. Ich erwarte, dass die Teams während der Saison große Fortschritte machen. Es wird eine Überraschung, wer zum Saisonstart oder zum Saisonende hin stark sein wird und wer die ganze Saison über konstant punkten kann.

ran: Die Gen-3-Autos haben eine Leistung von maximal 350 kWh. Dies entspricht 476 PS. Die Vorgänger-Fahrzeuge hatten 250 kWh bzw. 339 PS. Wie fühlen sich die neuen Fahrzeuge an?

Wehrlein: Die Leistung ist deutlich größer. Das spürt man speziell auf den Geraden. Neben der Leistung haben sich auch die Maße der Autos verändert. Sie sind kleiner und leichter. Wir haben einen neuen Reifenhersteller, wodurch sich die Reifen nun härter anfühlen. Es ist nicht so einfach, damit einen guten Grip zu finden. Eine weitere Veränderung ist, dass wir hinten keine Bremsscheiben mehr haben und quasi nur noch mit dem Motor bremsen. Es wird eine spannende Herausforderung, bei all den Veränderungen das richtige Setup zu finden. 

 

ran: Wie zufrieden sind Sie mit der Saisonvorbereitung?

Wehrlein: Bei so vielen Veränderungen hätte man gerne noch mehr Testzeit und würde gerne noch mehr aus dem Paket herausholen. Aber das geht allen Teams und Fahrern so. Insgesamt verliefen unsere Tests gut. Ich freue mich einfach, dass es nun wieder losgeht und wir uns mit den anderen messen können. Hoffentlich können wir Siege einfahren und eine gute Saison hinlegen. Dass die Saison nun in Mexiko beginnt, finde ich sehr gut.

ran: Sie haben natürlich gute Erinnerungen an Mexiko, weil Sie dort in der vergangenen Saison Ihren ersten Sieg in der Formel E errungen haben. In der Gesamtwertung sind Sie auf Platz 10 gelandet. Wie blicken Sie auf die vergangene Saison zurück?

Wehrlein: Wir sind sehr gut in die Saison gestartet. Der erste Sieg war für mich und das Team natürlich etwas Besonderes. Wir hatten noch einige weitere Rennen, in denen wir Punkte sammeln konnten. In Monaco sind wir leider mit einem technischen Defekt ausgeschieden, als wir in Führung lagen. Insgesamt waren wir in der zweiten Saisonhälfte nicht so stark wie in der ersten Saisonhälfte und haben viele Punkte liegen gelassen. Es gab Höhen und Tiefen. Am Ende standen wir in der Tabelle nicht dort, wo wir stehen wollten.  

ran: Was sind die Ziele für die bevorstehende Saison?

Wehrlein: Wir wollen mehrere Podestplätze und Siege einfahren und bis zum letzten Wochenende um die Meisterschaft kämpfen. Die Formel E ist eng umkämpft. Es ist nicht möglich, jedes Rennen zu gewinnen und die Meisterschaft zu dominieren. Daher ist es wichtig, konstant zu punkten. 

ran: Grundsätzlich ist es in der Formel E wichtig, mit der Energie sparsam umzugehen. Können Sie einem Laien beschreiben, wie genau eine sparsame und dennoch schnelle Fahrweise funktioniert?

Wehrlein: Das Effizienteste ist, wenn man so schnell wie möglich durch die Kurven fährt und möglichst viel Speed mit auf die Geraden nimmt. So muss man weniger Gas und Energie investieren. Auf den Geraden gibt man natürlich Vollgas. Aber man kann am Ende der Gerade früher vom Gas gehen als dass man auf die Bremse geht. Das heißt, man lässt das Auto am Ende der Geraden ein paar Meter rollen. So lässt sich ein bisschen Energie sparen. Hinzu kommen weitere Sparpotenziale, die sich zum Beispiel über die Software vornehmen lassen. Genau das ist auch das Spannende in der Formel E. Es geht nicht nur darum, wer der Schnellste ist, sondern auch darum, wer der Effizienteste ist. 

ran: Sie haben in Antonio Felix da Costa einen neuen Teamkollegen, der 2020 die Formel E-Meisterschaft gewinnen konnte. Wie schwer wird es, den Teamkollegen hinter sich zu lassen?

Wehrlein: Zunächst einmal ist es gut, dass er zu uns gekommen ist. Ich kenne ihn schon sehr lange. Wir sind bereits vor zehn Jahren zusammen in der Formel 3 gefahren, dann auch in der DTM. Unsere Wege haben sich oftmals gekreuzt. Auch privat haben wir ein gutes Verhältnis. Ich glaube, dass wir als Team von seiner Erfahrung profitieren werden. Es steht nicht im Vordergrund, den Teamkollegen zu besiegen. Wir wollen die anderen Teams schlagen und dann in die Situation kommen, dass wir die Meisterschaft unter uns ausmachen. Aber dort müssen wir erst einmal hinkommen.

ran: Wie war über alle Ihre Stationen, auch in der DTM oder der Formel 1, Ihr Verhältnis zu Ihrem Teamkollegen?

Wehrlein: Manchmal kommt man mit dem Teamkollegen gut aus, manchmal nicht. Bei Antonio bin ich zuversichtlich, dass wir ein gutes Verhältnis haben werden. Genauso war es auch bei Andre Lotterer. Es gibt aber auch Teamkollegen, die sich das oberste Ziel gesetzt haben, vor dem Teamkollegen zu sein. Darunter leidet irgendwann das persönliche Verhältnis. Daher sind einige Teamkollegen im Umgang miteinander nicht so einfach.

ran: Sie sind mit der Startnummer 94, also Ihrem Geburtsjahr, unterwegs - genauso wie früher auch in der DTM oder in der Formel 1. Welche Rolle spielt bei Ihnen der Aberglaube?

Wehrlein: In manchen Dingen bin ich abergläubisch, aber nicht so extrem. Ich habe in gewissen Dingen einfach eine Routine. Direkt vor einem Rennen ist es mir zum Beispiel auch wichtig, dass ich noch einmal Ruhe habe und in mich gehen kann. Aber es beeinflusst mich nicht allzu sehr, wenn etwas anders läuft. In meiner ersten Formel-E-Saison bin ich zum Beispiel mit der Nummer 99 gefahren. 

ran: Sie sind ein Beispiel für ehemalige Formel 1-Fahrer, die nun in der Formel E unterwegs sind. Nyck de Vries hat bewiesen, dass es auch andersherum geht. Er gewann 2021 die Formel E-Meisterschaft und hat sich ein Stammcockpit bei Alpha Tauri in der Formel 1 verdient. Ist das eine Anerkennung für das hohe Niveau in der Formel E und vielleicht auch ein Mutmacher für viele andere Fahrer, von der Formel E in die Formel 1 zu kommen?

Wehrlein: Ja, definitiv. Dass die Qualität in der Formel E sehr hoch ist und viele Formel-E-Fahrer eine Chance in der Formel 1 verdient hätten, ist kein Geheimnis. Es überrascht mich nicht, dass nicht nur Fahrer von der Formel 1 in die Formel E wechseln, sondern auch andersherum. Ich glaube, es ist überall bekannt, dass die Qualität in der Formel E sehr hoch ist.

ran: Wäre es auch für Sie ein Ziel, noch einmal in die Formel 1 zurückzukehren?

Wehrlein: Mir macht die Formel E sehr viel Spaß. Ich freue mich darüber, dass ich hier bin und genieße es, im Porsche um Siege fahren zu können. Deswegen habe ich momentan keinen Gedanken daran.