Stein des Anstoßes: Das Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton - Bildquelle: Motorsport ImagesStein des Anstoßes: Das Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton © Motorsport Images

Was ist erlaubt und was nicht? Um diese Frage drehte sich in den vergangenen Tagen nach dem Manöver von Max Verstappen gegen Lewis Hamilton in Brasilien eine Menge. Entgegen vieler Erwartungen wurde der Niederländer für sein Abdrängen nicht bestraft, was bei vielen Fahrern für Verwirrung gesorgt hat. Sie wissen nicht, was sie auf der Strecke tun dürfen und was nicht.

Am Freitagabend hatte es in Katar ein längeres Meeting mit FIA-Rennleiter Michael Masi gegeben, bei dem verschiedene Szenen diskutiert und einige Ansichten ausgetauscht wurden. Doch sonderlich schlau sind die Piloten daraus trotzdem nicht geworden, wie sie am Samstag zugaben.

Vor allem Lewis Hamilton wurde ziemlich deutlich. Auf die Frage, ob für die Fahrer jetzt alles klar ist, wie sie sich verhalten dürfen, antwortet er eindeutig: "Nein, es ist nicht klar. Jeder Fahrer außer Max hat um Klarheit gebeten, aber es war nicht sonderlich klar. Es ist immer noch nicht klar, wo die Grenzen der Strecke sind. Aber die weiße Linie ist es beim Überholen eindeutig nicht mehr ..."

Der Brite möchte vor allem eines: Konstanz. Sollte das Manöver in Brasilien als Maßstab für die finalen drei Saisonrennen gelten, dann wäre das für ihn in Ordnung. "Es sollte in diesen Szenarien für alle gleich sein, dann passt das", sagt er.

Max Verstappen verteidigt die Linie in Brasilien und betont, wie schwierig es ist, die Meinung aller Piloten unter einen Hut zu bekommen. "Jeder hat seine eigene Art zu fahren, zu verteidigen und zu überholen. Für die FIA ist es natürlich schwierig, alle auf einen Nenner zu bringen", sagt der Niederländer.

"Natürlich entscheiden sie am Ende, aber jeder Fahrer hat eine andere Meinung. Und gestern (Freitagabend; Anm. d. Red.) ging es darum, seine Meinung zu teilen. Und dann hat die FIA den Gedankenprozess dahinter erklärt", so Verstappen. "Es war ein sehr langes Briefing, aber am Ende war es ziemlich klar", sieht er es anders als Hamilton.

George Russell: "Todsichere Strafe"

Ein Argument von Michael Masi war immer, dass jeder Vorfall anders ist und eigenständig betrachtet bewertet werden muss. Das entspricht einer gewissen Logik, sorgt aber dennoch bei vielen Fahrern für Verwirrung, weil nach außen ähnlich scheinende Situationen völlig unterschiedlich bewertet werden.

Für George Russell, Chef der Fahrervereinigung GPDA, war der Fall Verstappen in Brasilien eigentlich eindeutig: "Es war nicht einmal eng, das war deutlich über der Grenze, was da vorgefallen ist. Wenn das die letzte Runde gewesen wäre, wäre das eine todsichere Strafe für Max gewesen", sagt er. "Du kannst nicht 25 Meter später bremsen und das machen."

Auf der anderen Seite hätte er dafür Yuki Tsunoda für seine Kollision mit Lance Stroll keine Strafe gegeben: "Er hatte absolut das Recht, das Manöver zu versuchen, er hat die Kontrolle nicht verloren, er hat sich nicht verbremst, und er hat den Scheitelpunkt locker bekommen", sagt er. "Die Ausgänge in der letzten Woche waren für uns Fahrer ein wenig unglücklich."

Der Williams-Pilot glaubt aber, dass Verstappen nur nicht bestraft wurde, weil Hamilton das Rennen am Ende trotzdem gewonnen hat. Das hält er allerdings für einen falschen Ansatz: "Die Konsequenzen sollten bei der Bestrafung kein Faktor sein", sagt er. "Man sollte es Fall für Fall betrachten."

"Und genau das haben sie uns immer gesagt: dass nicht die Konsequenzen zählen, sondern der Vorfall selbst", legt Russell nach. "Am Ende des Tages wollen wir alle hart racen, aber das war hart und unfair. Wir wollen hartes, faires Racing."

Sainz: "Muss wissen, ob ich ein Auto rausdrücken darf"

Auch Carlos Sainz würde der Meinung von Russell zustimmen und sagt, dass er nach dem Meeting am Freitag keinen Deut schlauer ist. "Es sieht so aus, als würde es im Winter einige tiefergehende Diskussionen darüber geben, wie wir als Sport racen gehen - ob das Auto auf der Innenbahn dem Auto außen in jedem Fall Platz lassen muss oder nicht", sagt der Spanier.

Der Ferrari-Pilot findet, dass die Formel 1 ihren gesamten Ansatz überdenken muss, denn wie es 2021 war, sollte es nicht sein. "Wir Fahrer verstehen nicht ganz, was passieren wird, wenn du etwas tust", sagt Sainz und hofft, dass in den drei verbleibenden Rennen keine ähnlichen Vorfälle mehr auftreten.

"Ich muss wissen, ob ich das Auto auf der Außenbahn rausdrücken darf. Und was passiert, wenn ich es mache? Bekomme ich eine Verwarnung, wenn ich es einmal mache? Kann ich es mehrmals machen, bevor ich eine Verwarnung bekomme? Oder gibt es wie in Österreich gleich eine Strafe?", fragt sich Sainz.

Er sagt: "Wir müssen es als Sport versuchen, so schwarz und weiß wie möglich zu machen." Sainz ist zudem schon lange Zeit ein Verfechter von Kiesbetten neben der Strecke. Allerdings würde das noch einmal eine neue Dimension reinbringen, wenn man einen anderen Fahrer rausdrückt. Laut Sainz dürfe es aber keinen Unterschied machen, was auf der anderen Seite des Randsteins ist.

Alonso: Die Kommissare sind immer im Recht ...

Fernando Alonso hatte zuletzt in Austin eine ähnlich strittige Szene mit Kimi Räikkönen. Der Alpine-Pilot wurde von diesem neben der Strecke überholt, hatte diesen aber auch in Kurve 1 rausgedrückt. Laut Rennleiter Masi waren beide Fahrer im Unrecht - somit durfte der Spanier aber seinen Kontrahenten auch nicht rausdrücken.

Alonso hatte sich in diesem Jahr schon mehrfach über vermeintlich willkürliche Entscheidungen der Kommissare beschwert und fordert erneut Konstanz und Regeln, die entweder schwarz oder weiß sind. "Denn wenn sie grau sind, dann profitierst du manchmal, und manchmal bist du der Böse oder der Idiot auf der Strecke", sagt er.

Wenn die Kommissare ihre Entscheidungen dann begründen, dann kann Alonso das auch nachvollziehen, allerdings hat er dabei ein Problem: "Wir sagen dann alle: Warum habt ihr beim letzten Mal dann das Gegenteil gedacht? Aber sie sind immer im Recht, und das ist das Problem."

"Das ist aber nicht nur ein Problem der FIA. Die Fahrer, die Teams und die FIA müssen zusammenarbeiten, um bessere Regeln zu haben", so Alonso.

Was ist mit "let them race"?

In den vergangenen Jahren schien die Rennleitung nach dem Credo "let them race" zu handeln. Das kam bei den Fahrern gut an und wurde auch bei dem Zwischenfall in Kurve 4 so angewendet. Allerdings scheint dieser Ansatz nicht konstant zu gelten - und das ärgert die Fahrer.

"Man hätte eine Strafe aussprechen sollen, allerdings wollten wir vor ein paar Jahren mehr Freiheiten haben", sagt Daniel Ricciardo. "Wenn jemand etwas mit dir macht, okay, dann hast du beim nächsten Mal das Recht, das Gleiche auch mit ihm zu machen."

"Aber ich denke, dass die krassen Fälle immer eine Strafe bekommen werden", so der Australier weiter. "Und die, die ein bisschen mehr als 50/50 sind, dann kann es sein, dass einige damit durchkommen."

Die Rennkommissare werden in den verbleibenden drei Rennen aber unter besonderer Beobachtung stehen. Vor allem das Duell zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen könnte noch einmal zusätzliche Würze bekommen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich beide noch einmal zu nahe kommen und es eventuell zu einer Kollision kommt.

Wolff: Brasilien-Urteil "sehr gefährlich"

Jede Strafe könnte den Ausgang der WM dabei entscheidend beeinflussen - und beide Lager von Mercedes und Red Bull sind ziemlich schnell dabei, für ihre jeweilige Seite zu argumentieren.

Dass die Kommissare in Brasilien keine Strafe gegen Verstappen ausgesprochen haben und auch die Neubewertung abgelehnt wurde, hält Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff für "sehr gefährlich", wie er sagt. "Man hat den Ball ins hohe Gras geschossen und gehofft, dass er einfach weg ist", meint der Österreicher.

Er glaubt: Kommt es in Katar, Saudi-Arabien oder Abu Dhabi zu einer ähnlich kontroversen Situation, wird sich das Thema erneut aufheizen - einfach, weil derzeit so viel Verwirrung herrscht und für die Fahrer nicht klar ist, wo die Grenze liegt.

Wolff hätte sich gewünscht, dass die Kommissare in Brasilien gesagt hätten, dass das Manöver nicht in Ordnung war - selbst wenn es auf der anderen Seite Hamilton gemacht hätte und der Ausgang damit negativ für Mercedes gewesen wäre. "Denn ich denke, das wäre für die nächsten Rennen für alle einfacher gewesen."