Unfall: Guanyu Zhou mit Überschlag beim Formel-1-Rennen 2022 in Silverstone - Bildquelle: Motorsport ImagesUnfall: Guanyu Zhou mit Überschlag beim Formel-1-Rennen 2022 in Silverstone © Motorsport Images

Diese Bilder gingen um die Welt: Der Alfa Romeo C42 von Guanyu Zhou, wie er nach dem Überschlag durch das Kiesbett rutscht, aufgeworfen wird und in den Fangzaun fliegt. Und dann die große Erleichterung, als klar wird: Zhou hat den schweren Unfall beim Formel-1-Rennen in Silverstone 2022 unverletzt überstanden.

"Das ist das Wichtigste", sagt dessen Manager Graeme Lowdon bei 'Channel 4'. Und: "Wir wussten das ziemlich schnell."

Weil die alsbald an der Unfallstelle eingetroffenen Sportwarte und Hilfskräfte sowie der dazugeeilte George Russell rasch festgestellt hatten, dass Zhou bei Bewusstsein und zumindest äußerlich unverletzt war. Aufnahmen, die das belegen, zeigte die Formel-1-Bildregie zunächst nicht. Erst später kam die Auflösung, als Zhou längst ans Streckenkrankenhaus überstellt worden war.

Zhou bedankt sich bei den Ersthelfern

Die dortige Untersuchung bestätigte die Erstdiagnose: keine Brüche, keine Verletzungen. "Es geht mir gut", versicherte dann auch Zhou selbst, erst in den sozialen Netzwerken, dann vor Ort an der Rennstrecke.

Er sei "froh" über den Ausgang des Unfalls, lobt ausdrücklich den Einsatz der Ersthelfer: "Die Sportwarte und das Ärzteteam waren fantastisch. Sie haben schnell reagiert."

"Ich möchte mich auch bei FIA und Formel 1 für all die Arbeit bedanken, die in eine verbesserte Sicherheit investiert wurde. Halo hat mich gerettet. Das zeigt: Jeder Schritt, den wir beim Optimieren der Fahrzeuge machen, bringt wertvolle Ergebnisse."

Verstappen: Da war auch Glück dabei!

So sieht es auch Formel-1-Weltmeister Max Verstappen. Er sagte bei 'Sky': "Ich glaube, ohne Halo wäre er nicht mehr dabei. Und ja, da hat er natürlich viel Glück gehabt."

Deshalb pocht Alfa-Romeo-Teamchef Frederic Vasseur auf weitere Verbesserungen zugunsten der Sicherheit. O-Ton: "Wir dürfen nicht damit aufhören, die Sicherheit zu optimieren. Dieser Tag erinnert uns daran, wie wichtig das ist. Denn das Guanyu gesund und körperlich dazu in der Lage ist, nächste Woche in Österreich zu fahren, das ist der wirklich große Erfolg."

Silverstone-Sieger Carlos Sainz pflichtet Vasseur in diesem Punkt bei und meint: "Wir üben ja manchmal Kritik an der FIA, aber in solchen Fällen muss man dem Weltverband Respekt dafür zollen, wie sehr er uns hilft. Wenn man auch den Unfall in der Formel 2 bedenkt, dann [hat Halo in Silverstone] zwei Leben gerettet."

"Ich schätze mich glücklich, in einer Ära in der Formel 1 zu fahren, in der man sich bei 300 km/h duellieren kann, in dem Wissen, dass man sich dabei in einem Sicherheitsfenster bewegt. Dafür möchte ich mich bedanken, denn es fühlt sich großartig an."

Warum der Unfall untersucht werden muss

Auch Sergio Perez, Zweitplatzierter in Silverstone, spricht der FIA ein "Kompliment" aus. Und er drängt ebenfalls darauf, den Unfall als Ansporn zu nehmen, die Sicherheit weiter zu forcieren. Es gäbe sicherlich "weitere Verbesserungen und gute Lektionen, die man daraus lernen kann", sagt Perez.

Der frühere Formel-1-Weltmeister Jenson Button zum Beispiel stellt sich konkret die Frage, ob sich das Unfallauto von Zhou nicht hätte wieder umdrehen sollen. Bei 'Sky' sagte Button: "Seltsam war aus meiner Sicht, dass das Auto so lange verkehrtherum blieb. Normalerweise überschlägt sich ein Auto, sobald es mal in die Luft geworfen wurde."

Er spricht von "Glück", dass der Fangzaun den Alfa Romeo schließlich aufgehalten habe. "Das hat ausgezeichnet funktioniert", meint Button. Warum aber das Auto im Kiesbett überhaupt abgehoben ist, das ist einer der Punkte, den eine Untersuchung klären könnte.

Eine weitere Frage betrifft den Überrollbügel in der Airbox hinter dem Fahrerkopf. Denn dieser Überrollbügel ist beim Zhou-Unfall komplett "abgeschmirgelt" worden, sodass einzig Halo blieb, um den Fahrerkopf zu schützen. Auch das dürfte Gegenstand der Nachforschungen sein.

Hill: Russell muss sich selbst hinterfragen

Laut Ex-Champion Damon Hill muss auch der eine oder andere Fahrer im Feld sein Handeln in der Startphase überdenken. Konkret kommt Hill auf Mercedes-Mann Russell zu sprechen, der, von Pierre Gasly angestoßen, in den Alfa Romeo von Zhou gefahren war.

Bei 'Sky' kritisiert Hill aber vor allem Russells Verhalten wenige Momente zuvor: "George hätte davon ausgehen sollen, [auf Hard-Reifen] keinen guten Start zu erwischen. Als Latifi in der Mitte durchkam, war es für ihn zu spät, um sich noch zu verteidigen. Er hätte sich einrichten sollen, war eh mit harten Reifen auf einen langen ersten Stint gepolt."

"Ich würde sagen: Vielleicht könnte er noch darüber nachdenken, ob er nicht besser auf seiner Linie geblieben und etwas vorsichtiger gewesen wäre."

Aus Selbstschutz: Sainz wollte die Unfallbilder nicht sehen

Selbstschutz wiederum war ein großes Thema für einige Formel-1-Fahrer, nachdem sie ihre Autos nach dem Unfall in der Boxengasse abgestellt hatten. Sainz zum Beispiel sagt frei heraus: "Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, den Unfall nicht anzusehen."

"Als die roten Flaggen rauskamen, da wusste ich, dass es einen schweren Unfall gegeben haben musste. Ich sah mir die Szenen aber nicht im Fernsehen an. Als ich es dann später auf dem Podium sah, war ich völlig geschockt. Es war ein unglaublicher Crash. Dass er da rausgekommen ist, ist verrückt. Ich finde das unglaublich."

Perez ist anders mit der Situation umgegangen: Er sah sich in der Red-Bull-Box die entsprechenden Aufnahmen an, noch vor dem Restart des Rennens. Und auch er zeigt sich "schockiert" und meint: "Es ist schwierig, so etwas zu sehen und dann zu versuchen, es aus deinem Gedächtnis zu löschen, um sich auf die Arbeit zu konzentrieren."

Der Manager als "Gatekeeper" für die Familie

Letzteres war auch für Zhou-Manager Lowdon die große Herausforderung in den ersten Minuten nach dem Crash: "Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben und akkurate Informationen an [die Familie von Zhou] zu geben, und das möglichst schnell. Natürlich machen die sich Sorgen", sagt Lowdon bei 'Channel 4'. Er fügt hinzu: "Ich habe auch Kinder. Das würde jedem so gehen."

So aber wusste die Familie schon früh, dass Zhou bereits in wenigen Tagen wieder im Auto sitzen würde. Zhou selbst versichert: "Ich bin noch heißer denn je, wieder auf die Strecke zu gehen und das zu tun, was ich liebe. Ich bin fit und freue mich auf Österreich nächste Woche."

Für Perez aber bleibt ein Nachgeschmack, er "will noch etwas sagen" und erklärt: "Man hört ja, es gibt Leute, die wollen die Fahrergehälter deckeln. Wir Fahrer aber sind es, die auf der Strecke das Risiko eingehen. Ich halte es daher für nicht gut, sich über dergleichen zu unterhalten. Aber das Wichtigste ist, dass hier niemand verletzt wurde."