Ganz in Weiß: Nico Hülkenberg gab am Dienstag in Abu Dhabi sein Debüt im Haa... - Bildquelle: Motorsport ImagesGanz in Weiß: Nico Hülkenberg gab am Dienstag in Abu Dhabi sein Debüt im Haas-Team © Motorsport Images

Mit einem komplett weißen Helm auf dem Kopf hatte Nico Hülkenberg am Dienstag in Abu Dhabi seinen ersten offiziellen Diensttag bei Haas - dem Team, für das er in der Formel-1-Saison 2023 Stammfahrer sein wird.

Auf dem Yas Marina Circuit spulte Hülkenberg anlässlich des Pirelli-Reifentests gleich mal 110 Umläufe ab. Und das, obwohl er am Vormittag aufgrund eines Defekts an der Ferrari-Antriebseinheit einiges an Streckenzeit verloren hatte.

Um die Rundenzeiten ging es Hülkenberg bei seinem Haas-Debüt nicht. Seinem 19. Platz in der Zeitentabelle mit 24 Fahrern schenkt er keine Aufmerksamkeit. Für den Formel-1-Rückkehrer standen nach drei Monaten Fahrpause andere Dinge im Vordergrund, wie zum Beispiel die Gewöhnung an das für ihn neue Auto, den VF-22, aber auch an das Haas-Team als Ganzes.

Im Interview spricht Hülkenberg über das, was ihm an seinem ersten Tag im Haas-Cockpit aufgefallen ist, inwiefern es von Aston Martin kommend eine Umstellung war, und worum es ihm in den kommenden Wochen und Monaten bis zum Saisonauftakt 2023 geht.

Frage: "Nico, wie würdest du den Tag zusammenfassen?"
Nico Hülkenberg: "Es war ein guter Tag mit jeder Menge Arbeit und jeder Menge Runden. Wir haben viele Eindrücke und viele Daten gesammelt. Das war das Ziel und dieses Programm haben wir erfolgreich abgespult. Die nächsten Wochen werden im Zeichen davon stehen, alles gemeinsam mit dem Team zu analysieren. Alles in allem bin ich mit dem Tag zufrieden."

Frage: "Was hat dich heute überrascht und was weniger?"
Hülkenberg: "Überrascht hat mich gar nichts."

Körperlich "ein bisschen Verschleiß gespürt"

Frage: "Nach mehreren Monaten Pause hast du gleich jede Menge Runden gedreht. Wie ging es dir dabei körperlich?"
Hülkenberg: "Man spürt es natürlich, nicht nur im Nacken, sondern im gesamten Körper. Es war schon zäh. Ich muss gestehen, dass ich gegen Ende des Arbeitstages auch körperlich ein bisschen Verschleiß gespürt habe. Das war aber zu erwarten. Ehrlich gesagt ging es mir besser als ich gedacht hatte. Das ist schon mal gut, aber vor mir liegen jetzt noch drei Monate Hardcore-Vorbereitung."

Frage: "Weißt du schon, was du in diesen drei Monaten konkret tun musst, um beim Saisonauftakt topfit zu sein?"
Hülkenberg: "Es ist natürlich gut, wieder daran erinnert worden zu sein, wie intensiv diese Autos zu fahren sind. Obendrauf kommen dann noch die Rennen, der Wettbewerb, und schon ist das nochmals eine ganz andere Hausnummer. Ich habe aber einen Plan und weiß, was ich tun muss."

Frage: "Verglichen mit einem Rennwochenende: Wie viel kann man an einem solchen Testtag lernen?"
Hülkenberg: "Mein letzter Testtag vor diesem war im August. Das ist drei Monate her. Aber das Format ist natürlich ein anderes [als am Rennwochenende]. Du fährst viel mehr Runden am Stück. Heute ging es zu einem großen Teil auch noch darum, die Reifen für 2023 und deren Charakteristik kennenzulernen. Somit ist die Herangehensweise natürlich eine andere. Grundsätzlich hat man an Testtagen einfach viel mehr Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. In einer einstündigen FT1-Session kannst du nicht viel machen."

Frage: "Inwiefern fiel dir die Umstellung vom Aston Martin auf den Haas schwer?"
Hülkenberg: "Eigentlich nicht. Ich finde, ich habe mich recht flott darauf eingestellt und habe mich schon früh wohlgefühlt. Dass es ein anderes Auto ist, das merkt man direkt, wenn der Motor anschiebt. Jede Antriebseinheit ist anders, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt."

Frage: "Konntest du auch schon Schwachstellen des Autos ausmachen? Und kannst du schon sagen, was du dir vom Auto wünschst?"
Hülkenberg: "Das Team hat natürlich ein ganzes Jahr mit diesem Auto gearbeitet und kennt es daher sehr gut. Fahrer gewöhnen sich sehr schnell an ein Auto, manchmal schon an einem einzigen Tag. Da ist es natürlich gut, mal neue Eindrücke und eine neue Meinung zu hören. Für mich selber ging es darum, einen ersten Eindruck zu bekommen. Es ging mir darum, das Auto zu spüren und ihm einige Runden aufzubrummen. Wichtig sind natürlich auch all die Standardabläufe. Wir alle wissen ja, dass die Wintertestfahrten heutzutage stark eingeschränkt sind."

Frage: "Konntest du zu den neuen Reifen überhaupt Feedback geben? Oder war das verschleiert, weil du erstens ein neue Auto pilotiert hast und zweitens zuletzt vor Monaten überhaupt in einem Formel-1-Auto saßt?"
Hülkenberg: "Feedback zu den neuen Reifen heute? Nun, ich gebe natürlich das als Rückmeldung, was ich spüre. Die Reifen sind wie sie sind. Und mit dem Auto, das wir heute zur Verfügung hatten, haben wir bestimmte Dinge erkannt. Das kann gut oder schlecht sein. Grundsätzlich geht es hier aber um Details. Es ist nicht so, dass wir [bezüglich der 2023er-Reifen] von einer anderen Welt sprechen würden."

Das Stammfahrer-Gefühl ist wieder da

Frage: "Nach einem vollen Arbeitstag zusammen mit dem Team, hast du jetzt schon ein bisschen mehr das Gefühl, dass du nächstes Jahr wieder Vollzeitfahrer sein wirst?"
Hülkenberg: "Ja. Das ging mir schon gestern so als wir die Sitzanpassung hatten, überhaupt die ganze Vorbereitung, anschließend dann die Besprechungen mit den Ingenieuren, die Medientermine und so weiter. Somit kam dieses Gefühl schon gestern auf. Aber ich mag es, es ist toll."

Frage: "Kannst du schon Aussagen zu Detailveränderungen am Auto geben, die speziell dich betreffen?"
Hülkenberg: "Es ging vor allem erst einmal um die Grundlagen, die Basics. Wenn man die mal ermittelt hat, kann man ansetzen. Man kann die nächsten Schritte für das nächste Jahr einleiten, sodass man dann keine Zeit mehr damit verliert und sich direkt auf die Performance konzentrieren kann."

Frage: "Was genau muss auf dich angepasst werden?"
Hülkenberg: "Ich bin ein großgewachsener Kerl. Somit muss für mich alles angepasst werden."

Frage: "Umfasst das auch Dinge wie das Display am Lenkrad oder das Lenkrad allgemein?"
Hülkenberg: "Hier und da sicherlich. Wenn du schon für mehrere Teams gearbeitet hast, hast du natürlich eine gewisse Erfahrung, was in bestimmten Situationen gut funktioniert und was vielleicht nicht so. Du hast gewisse Vorlieben und willst die natürlich übertragen haben, sofern das technisch möglich ist. Somit gibt es natürlich gerade im Bereich des Lenkrads jede Menge individuelle Anpassungen."

"Auf der Strecke sind mehr oder weniger alle Teams gleich"

Frage: "Du hast viel Erfahrung aus Mittelfeldteams. Haas ist ein kleineres Team. Spürt man das auch auf der Strecke oder nur in der Fabrik?"
Hülkenberg: "Auf der Strecke sind mehr oder weniger alle Teams gleich. Klar, Aston Martin hat wesentlich mehr Marketing-Leute. Aber was die Anzahl der Leute im operativen Bereich angeht, bewegen sich alle auf vergleichbarem Level. Somit spürt man da keinen Unterschied."

Frage: "Glaubst du, dass du deine Erfahrung aus anderen Teams auch in Bereichen abseits der Strecke einbringen kannst, wie etwa bei den Besprechungen mit den Ingenieuren?"
Hülkenberg: "Nun, ich habe natürlich mit diesem Team noch nicht viel Zeit abseits der Strecke verbracht. Ich glaube, nach einem einzigen Tag ist es noch zu früh, über solche Dinge zu urteilen. Die Abläufe für Meetings sind bei allen Teams aber mehr oder weniger ähnlich. Anhand dessen, was ich bisher mitbekommen habe, kann ich da kein Problem oder einen Mangel an etwas erkennen."

Frage: "Die Haas-Stammfahrer haben in diesem Jahr wiederholt die gute Balance des Autos hervorgehoben. Konntest du die auch schon spüren?"
Hülkenberg: "Abgesehen von den ersten zwei Stunden war es heute sehr heiß. Damit meine ich vor allem die Streckentemperatur. Das macht es natürlich von vornherein schon mal deutlich schwieriger für ein Auto und auch für die Reifen. Den absoluten Sweetspot habe ich wohl noch nicht gefunden. Ich kam hier und da schon an Grenzen, aber das war ehrlich gesagt keine Überraschung."

Frage: "Rundenzeiten stand für dich heute sicher noch nicht im Vordergrund, oder?"
Hülkenberg: "Es ging heute nicht um Rundenzeiten, sondern um die Basics. Es ging heute vor allem darum, dass ich mich im Auto wohlfühle. Ausgehend davon ist es natürlich das Wichtigste, die Bereiche zu finden, in denen wir uns noch steigern können. Es geht darum, den Ingenieuren genau aufzuzeigen, wo wir noch Performance finden können, um schneller zu werden. Das nächstjährige Auto wird natürlich von Grund auf neu konzipiert. Umso wichtiger ist es da, dass die Basis stimmt."