Boris Becker, Patrick Kühnen, Teamchef Niki Pilic, Eric Jelen und Charly Ste... - Bildquelle: imagoBoris Becker, Patrick Kühnen, Teamchef Niki Pilic, Eric Jelen und Charly Steeb schaffen das Wunder © imago

Köln - Für einen kurzen Moment beamt sich Charly Steeb ein Vierteljahrhundert zurück. "Das war wie Raumschiff Enterprise und Star Wars in einem", sagt er. Wir schreiben das Jahr 1988, es ist das letzte Wochenende vor Weihnachten, als Carl-Uwe Steeb wiedergeboren wird. Plötzlich ist er nicht mehr der Charly, sondern der Held. Der Held von Göteborg.

Obwohl niemand Geringeres als der Gigant Boris Becker das Team in jenem märchenhaften Dezember ins Finale nach Göteborg geführt hat, ist Deutschland Außenseiter. Der Weltranglistenerste Mats Wilander und sein Kronprinz Stefan Edberg haben 1988 alle vier Grand-Slam-Titel nach Schweden geholt. Zudem liegt im Scandinavium von Göteborg langsame rote Asche, um Beckers gnadenlosem Highspeed-Tennis die Wucht zu nehmen.

Niemand rechnet mit Steeb

Allerdings haben die Schweden einen fatalen Fehler gemacht: Sie haben Carl-Uwe Steeb nicht einkalkuliert. Der Linkshänder aus dem Schwäbischen, Deutschlands Nummer zwei, fühlt sich auf keinem Belag so wohl wie auf eben dieser roten Asche. Die Auslosung will es, dass Steeb am 16. Dezember 1988 als Erster raus muss - gegen Wilander, den überragenden Spieler jener Tage. "Ich wusste", sagt Steeb, "dass ich auf diesem Boden mit ihm mitspielen konnte."

Als der junge Deutsche, gerade 21 Jahre alt, im ersten Satz mit 5:2 führt, spürt er zum ersten Mal, dass die Zeit reif ist für ein weiteres Wunder im deutschen Tennis. "Mats wurde unsicher", sagt er, "das konnte man fast körperlich spüren."

Zwar verliert Steeb den ersten und dann auch noch den zweiten Satz, aber dann dreht er auf: "Ich habe mich echt weggebeamt, ich war in der Zone, mich konnte nix mehr stoppen." Nach mehr als fünf Stunden hebt der entsetzte Aufschrei der 12.000 Zuschauer fast das Dach des Scandinaviums. Steeb - Wilander 8:10, 1:6, 6:2, 6:4, 8:6, Deutschland führt 1:0.

Becker zerstört Edberg

Dann kommt er, Boris Becker. Wie ein Sandsturm fegt der rote Baron den hilflosen Stefan Edberg vom Platz, das eisblaue Feuer in Beckers Augen fackelt die Moral und den Widerstand des Schweden schon vor dem ersten Ballwechsel ab. Bereits beim Einschlagen wirkt der sonst so stoische Edberg ungewohnt fahrig, Becker lässt keine Sekunde einen Zweifel daran, was er vorhat: Er will nicht nur gewinnen, er will Edberg zerstören - jenen Mann, der ihm wenige Monate zuvor ausgerechnet in seinem Wohnzimmer Wimbledon in einem epischen Finale die Trophäe entrissen hatte. Die Geschichte des zweiten Einzels von Göteborg ist schnell erzählt: Becker - Edberg 6:3, 6:1, 6:4. 2:0 für Deutschland.

Einen Tag später, am 17. Dezember 1988, schlägt Eric Jelen im Doppel gegen das Weltklasse-Duo Stefan Edberg und Anders Järryd zum Match auf. Jelen und Becker haben die ersten beiden Sätze mit 3:6, 2:6 abgegeben, dann erwacht der bis dahin schlafende Riese Becker und rüttelt auch Jelen wach. Die Sätze drei und vier gehen mit 7:5 und 6:3 an Deutschland, im entscheidenden fünften Durchgang führen Becker und Jelen mit 5:2.

"Ein Tenniswunder ist geschehen"

Matchball. Jelens erster Aufschlag geht ins Aus. In Beckers Gesicht spiegeln sich in Sekundenbruchteilen alle denkbaren Emotionen, auf der Bank rutscht Teamkapitän Niki Pilic unruhig hin und her. Zweiter Aufschlag, Järryd returniert. Auf Becker. Dessen Rückhand-Volley kracht Edberg vor die Füße und reißt fast einen Krater in der Sand. 3:0 für Deutschland. "Ein Tenniswunder ist geschehen", ruft Radiokommentator Hans-Jürgen Pohmann mit sich überschlagender Stimme.

"Das war das größte Ding überhaupt. Mehr geht nicht", sagt Steeb. Der Mann, dessen Name sich in jenen wunderbaren Tagen änderte. Aus Charly wurde ein Held - der Held von Göteborg.