Karl-Anthony Towns (l.) und Jimmy Butler kamen in Minnesota nicht immer gut ... - Bildquelle: Getty ImagesKarl-Anthony Towns (l.) und Jimmy Butler kamen in Minnesota nicht immer gut miteinander aus. © Getty Images

München/Minneapolis - Jimmy Butler hatte die Nase voll: "Dieser Mist muss aufhören!", sagte Butler gegenüber "USA Today". Er meinte damit nicht etwa die Niederlagenserie seines Teams - die Minnesota Timberwolves hatten zuvor gegen die Sacramento Kings ihr fünftes Spiel in Folge verloren. Nein, Butler war sauer, weil er für mehr als 40 Minuten auf dem Parkett stand.

Der 29-Jährige hatte schon vor Wochen öffentlich verlauten lassen, dass er die Timberwolves unbedingt verlassen will - und wollte daher keine Verletzung riskieren. Zuvor hatte der Small Forward immer wieder Spiele ausgesetzt, um "seinen Körper zu schützen" wie er selbst gesagt hatte.

Wenige Tage später bekam er seinen Wunsch erfüllt: Butler wurde zusammen mit Center Justin Patton zu den Philadelphia 76ers getradet. Im Gegenzug erhielt Minnesota Dario Saric, Robert Covington, Jerryd Bayless und einen Zweitrunden-Pick. Für die Timberwolves ist es das Ende einer chaotischen Seifen-Oper, für die 76ers könnte Butler das letzte Puzzleteil sein, um ein echter Titelkandidat zu werden.

Philadelphia 76ers: Von "The Process" zum Titelkandidaten?

Vor gerade einmal zwei Jahren wurden die Philadelphia 76ers für ihre Tanking-Strategie von Fans und Experten verlacht. Das Motto "Trust The Process" klang nach der Saison 2015/16 eher wie eine Durchhalteparole. Die Mannschaft von Trainer Brett Brown hatte die Saison mit einer Bilanz von 10:72 abgeschlossen, es war die zweitschlechteste Saison der NBA-Geschichte.

Hoffnungsträger und 2014-Nummer-3-Pick Joel Embiid hatte aufgrund von Verletzungen in zwei Jahren kein einziges Spiel bestritten und niemand wusste, ob Philadelphia den ersten Pick im Draft 2016 gewinnen würde.

Doch die Geduld der Sixers-Fans sollte sich auszahlen: Nach langem Warten konnten Embiid und 2016-Nummer-1-Pick Ben Simmons endlich gemeinsam auflaufen und führten die 76ers zu 55 Siegen - und bis ins Conference-Halbfinale.

Zwar waren die Boston Celtics dort eine Nummer zu stark und abgeklärt, doch spätestens seit diesem Zeitpunkt galt Philadelphia als Team der Zukunft. Mit Jimmy Butler beschleunigt sich die Entwicklung des Teams. Die Sixers haben jetzt echte "Big Three" und nähern sich den Top-Teams aus Toronto und Boston an.

Top-15-Spieler statt Rollenspieler

Den Verlust von Saric und Covington, zwei wertvollen Rollenspielern können die 76ers auffangen, schließlich kommt mit Butler ein Top-15-Spieler der NBA hinzu. In seiner fünften Spielzeit in Folge kommt er pro Partie auf über 20 Punkte.

Zumal entspricht seine Spielweise der von Robert Covington: Beide sind solide Dreier-Schützen und sehr gute Verteidiger. Butler kann im Gegensatz zu Covington aber auch seinen eigenen Wurf kreieren. Gerade in engen Situationen fehlte den Sixers in den Playoffs die Go-to-Option - der Mann, der kurz vor Schluss den Ball nimmt und im Eins-gegen-Eins den entscheidenden Wurf trifft. 

Butler kann diese Rolle übernehmen. Butler, Simmons und Embiid: Selten hat ein Team drei Star-Spieler gehabt, die sowohl offensiv als auch defensiv zu den Besten auf ihrer Position zählen.

Butler hatte Probleme mit jüngeren Mitspielern

Doch es gibt auch Risiken bei der Butler-Verpflichtung: Das Sixers-Spiel könnte zu eindimensional werden.

Saric (39 Prozent) und Covington (37 Prozent) waren in der vergangenen Saison treffsicherer aus der Distanz als Butler (35 Prozent) und warfen auch deutlich häufiger von jenseits der Linie. Mit Markelle Fultz und Ben Simmons stehen bereits zwei Spieler in der Starting Five die keine Gefahr von der Dreier-Linie sind.

Das könnte gegnerische Teams dazu verleiten sich zurückzuziehen und primär die Zone zu verteidigen. Das würde das Scoring für Simmons und Embiid erschweren, da beide gerne zum Korb ziehen und in der Zone attackieren.

Abseits des Parketts wird es interessant, wie Butler mit seinen jungen Co-Stars auskommt. Bei den Chicago Bulls frustrierten ihn seine jüngeren Mitspieler. In Minnesota überwarf er sich mit Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins. Beide arbeiteten seiner Meinung nach nicht hart genug.

Simmons und Embiid zeigen zumindest deutlich mehr Einsatz in der Verteidigung. Doch Butler ist auch eine starke Persönlichkeit, die sich als Alphatier sieht und gerne im Mittelpunkt steht.

Sixers wollen mit Butler verlängern

Das gleiche gilt für Embiid, der auf dem Parkett einer der besten jungen Stars der Liga ist und abseits davon durch seine Social-Media-Aktivitäten Kultstatus erlangt hat. Solange das Team sportlich erfolgreich ist, sollte das kein Problem sein.

Doch was, wenn der ausbleibt? Wer nimmt am Ende des Spiels den entscheidenden Wurf? Simmons ist zuversichtlich: "Er sagt, dass er einfach nur gewinnen möchte. Ich glaube, dass das die Einstellung ist, die wir alle haben. Wir freuen uns, Jimmy hier zu integrieren", sagte der 22-Jährige.

Mit Butler kann Philadelphia auf jeden Fall um die Krone im Osten mitspielen. Sie steigen neben Boston und Toronto zum Mitfavoriten auf. Ob es reicht, um bis in die Finals vorzustoßen hängt davon ab, wie gut sich Butler letztendlich integriert.

Auf lange Sicht wird die Bewertung dieses Trades auch davon abhängen, ob Butler seinen auslaufenden Vertrag verlängert und bei den Sixers bleibt. Laut "ESPN" gilt dies als wahrscheinlich.

Allerdings wird Butler wohl nichts anderes als einen Maximalvertrag dotiert mit 190 Millionen Dollar über fünf Jahre akzeptieren. Das bringt Risiken mit sich: Butler wird in diesem Jahr 30 Jahre alt und hat nur zweimal in seiner Karriere mehr als 67 Spiele absolviert.

Immer wieder schlägt er sich mit kleineren Verletzungen herum. Spieler, die unter seinem ehemaligen Bulls- und Timberwolves-Coach Tom Thibodeau gespielt haben, bauen häufig schon früher ab. Der Trainer ist dafür bekannt, seine Starter rund 40 Minuten pro Spiel aufs Parkett zu schicken. Das erhöht die Gefahr von Verletzungen. Doch wenn Butler einen Titel nach Philadelphia bringt, lohnt sich diese Investition.

Minnesota Timberwolves: Das Ende eines Dramas

Normalerweise ist das Team, das einen Star-Spieler abgibt der klare Verlierer in einem Trade. Dennoch wird bei den Minnesota Timberwolves auch eine gewisse Erleichterung herrschen. Die Timberwolves verlieren mit Butler zwar einen ihrer besten Spieler, doch seine Trade-Forderung hing wie eine dunkle Wolke über dem Team.

Keiner wusste wie lange der 29-Jährige noch beim Team sein würde, beziehungsweise welche Spieler im Tausch zurückkommen würden. Das war dem Team auch zum Saisonstart anzumerken: Minnesota gewann nur vier seiner ersten 13 Spiele - trotz der Stars Towns, Wiggins oder Derrick Rose.

Butler aber hatte alles dafür getan, um seinen Teamkollegen vor den Kopf zu stoßen. Schon während der Offseason berichteten mehrere NBA-Insider von einem Zwist zwischen Butler und Towns. Es folgte seine öffentliche Trade-Forderung. Als Thibodeau, der das Team nicht nur coacht sondern als General Manager auch für Personalentscheidungen verantwortlich ist, nicht einlenkte, erschien Butler nicht zum Training-Camp.

Butler beleidigt Teamkollegen

Kurz vor Saisonbeginn kam er dann doch zum Trainingsgelände und nahm für eine Stunde am Mannschaftstraining teil. Nebenbei griff er sowohl seine Mitspieler Wiggins und Towns als auch seinen Trainer verbal an. Darunter sollen laut "ESPN" teils wüste Beschimpfungen gewesen sein.

Im Anschluss verließ er das Training vorzeitig und gab ESPN ein Interview, in dem er seine Teamkollegen öffentlich bloßstellte und ihre Arbeitseinstellung kritisierte. Als zu Saisonbeginn immer noch kein Trade in Sicht war, spielte Butler für die Wolves. Doch der All-Star suchte sich selbst aus, an welchen Spielen er teilnehmen wollte. Konsequenzen musste er dafür keine fürchten.

Jetzt kann das Team das Butler-Kapitel abschließen und nach vorne schauen. Mit Saric und Covington kommen zwei vielseitige Spieler zurück die jeder Mannschaft helfen können. Covington hält defensiv mit Butler mit - im letzten Jahr schaffte es der 28-Jährige ins First All Defense Team. Saric ist ein Power Forward, der über einen guten Wurf verfügt und mit 24 Jahren auch noch Entwicklungspotenzial hat.

Die Butler-Posse könnte auch das Ende der Thibodeau-Ära sein 

Am wichtigsten ist aber, dass das Team sich jetzt wieder voll auf seinen Franchise-Player Towns fokussieren kann. Allerdings muss der 22-Jahre alte All-Star noch viel Lernen - vor allem, wenn es um Defense und Führungsqualitäten geht. Doch wenn er hart an sich arbeitet, hat er das Potenzial, ein künftiger Hall of Famer zu werden. Er ist jetzt wieder die erste Option bei den Wolves, muss aber beweisen, dass er auch ohne Butler gewinnen kann.

Der große Verlierer bei dieser Angelegenheit ist Thibodeau. Er war es, der Butler unbedingt aus Chicago nach Minnesota holen wollte - und dafür talentierte Youngster abgab. Butler sollte das fehlende, erfahrene Puzzleteil sein, der Minnesota zusammen mit Towns und Wiggins ganz nach oben führt.

Nach nur einem Jahr ist seine Vision gescheitert. Doch nicht nur das: Anstatt Butler für sein Verhalten abzustrafen oder ihn zumindest zu suspendieren, ließ er seinen Schützling machen, was er wollte. Ein fatales Signal an den Rest der Mannschaft, das seine Autorität untergräbt. Sollte "Thibs" mit den Wolves die Playoffs verpassen, dürften seine Tage in Minnesota gezählt sein.

Julian Huter

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