München - Der Österreicher Bernhard Raimann zählt zu den vielversprechendsten Tackles im NFL Draft 2022 (vom 28. bis 30. April im Livestream auf ran.de).

Der heute 24-Jährige begann seine Football-Karriere mit 14 Jahren bei den Vienna Vikings, kam als Austauschschüler in die USA und erhielt ein Stipendium von der Central Michigan University, für die er 2018 als Tight End debütierte. 2020 wechselte er die Position, lief als Left Tackle auf und spielte sich in das Blickfeld der NFL-Teams. 

Im ran-Interview spricht Raimann über seinen Werdegang, die Combine-Erfahrung und seine Ziele in der NFL.

ran: Bernhard Raimann, haben ihre Freunde aus der Heimat eigentlich eine Vorstellung davon, was sie in den USA machen und momentan erleben?

Bernhard Raimann: (lacht) Ich habe bei den Vienna Vikings sehr viele Freunde gefunden und stehe mit einigen noch in Kontakt. Die verstehen und begreifen das. Aber ich habe auch einige Kumpels, die nicht so involviert im Football waren und die können das natürlich nicht ganz so fassen. 

ran: Der NFL Draft 2022 steht vor der Tür. Sie werden als potentieller Erstrunden-Pick gehandelt. Wie ist die Stimmung bei Ihnen? 

Raimann: Ich versuche, mich nicht zu sehr auf den Draft zu fokussieren. Ich trainiere momentan viel und bereite mich auf die NFL vor, damit ich dann für das Rookie Minicamp bereit bin. Aber gedanklich versuche ich noch ein wenig vom Draft fernzubleiben.

ran: Das Training hat sich ja bisher ausgezahlt. Beim NFL Combine haben Sie auf ganzer Linie überzeugt. Was war das für eine Erfahrung? 

Raimann: Für mich war das eine riesige Erfahrung, in Indianapolis beim Combine dabei zu sein. Vorher habe ich das immer nur im Fernsehen gesehen. Selber mal dabei zu sein und selbst zu erleben, war riesig. Es war eine anstrengende Woche, aber ein tolles Erlebnis. 

ran: Der Combine spielt sich nicht nur auf dem Feld, sondern auch neben dem Feld ab. Wie läuft das so ab? 

Raimann: Als Spieler reist man vier bis fünf Tage vor den Tests auf dem Feld an. Im Vorfeld durchläuft man dann psychologische und ärztliche Tests und diverse Scans, beispielsweise im Spital. Abends standen dann Interviews mit den Teams an. Da spricht man dann entweder mit einem Positons-Coach oder mit dem kompletten Coaching Staff. Bei manchen Teams war dann auch noch der General Manager oder Besitzer dabei und ich musste mich dann selbst präsentieren. 

"Meine Geschichte ist etwas ungewöhnlicher, als die der anderen Burschen"

ran: Und was wurden Sie so gefragt? 

Raimann: Das war ziemlich unterschiedlich. Teilweise musste ich Spielzüge lernen, die einer der Coaches gezeigt hat, dann musste ich über mich reden und am Ende die zu Beginn gezeigten Spielzüge nochmal aufzeichnen. So wollten die Teams schauen, wie gut ich mir das merken konnte. Bei anderen Treffen ging es nur um meine eigenen Spiele, die ich dann zusammen mit den Coaches analysiert habe. Ich musste dann den Spielzug erklären, was meine Mitspieler zu tun hatten und begründen, was ich warum gemacht habe. In meinem Fall ging es dann auch viel um meine eigene Geschichte, die natürlich etwas ungewöhnlicher ist, als die der anderen Burschen. 

ran: Sie sprechen es schon an. Sie kamen aus Österreich als Austauschschüler in die USA an die High School und haben dann ein Stipendium von der Central Michigan University erhalten. War das geplant? 

Raimann: Nein, überhaupt nicht. Ich habe mir einfach gedacht, dass ich ein cooles Jahr an der High School haben werde, an der ich auch Football spielen kann. Und dann war der Plan eigentlich, nach einem Jahr wieder zurück nach Österreich zu kommen und für die Vienna Vikings zu spielen. Als ich dann da war, habe ich einige College-Spiele besucht und dachte mir: "Das ist ja noch viel cooler, das will ich gerne selber spielen". Ich bin dann zu vielen Sichtungstrainings gegangen und habe versucht, im Recruiting-Prozess mein Bestes zu geben und es hat sich besser entwickelt, als es geplant war. Irgendwie hat es dann am Ende funktioniert (lacht). 

ran: Sie debütierten 2018 als Tight End bei der Central Michigan University und wurden dann 2020 zum Offensive Tackle umgeschult. Wie kam das zustande? 

Raimann: Eigentlich aus der Not heraus. Wir hatten verschiedene Ausfälle. Unsere O-Liner waren verletzt oder haben die Universität verlassen und wir waren dünn aufgestellt auf dieser Position. Mein Trainer fragte mich dann, ob ich mich im Frühlings-Training als Left Tackle probieren kann. Anfangs war ich natürlich nicht ganz so glücklich über den Positionswechsel, aber dachte mir dann, dass ich es ja mal ausprobieren kann. Am Ende hat es sich jetzt natürlich ausgezahlt. 

ran: Auf jeden Fall! Sie legten in den letzten zwei Jahren dann auch ganz schön viel Gewicht zu und mussten eine neue Position erlernen. Wie lief dieser Prozess ab? 

Raimann: Ja, ich habe 35 bis 40 Kilogramm zugelegt und das war natürlich anstrengend. Ich musste meinen Ernährungsplan so strukturieren, dass ich alle zwei bis drei Stunden Essen zu mir nehme. Das ist dann Teil meines Jobs geworden, dass ich vor und nach dem Training irgendwie noch zumindest einen Snack zu mir nehme, um auf meine Kalorien zu kommen. 

Positionswechsel war "viel harte Arbeit"

ran: Und wie fanden sie sich auf der neuen Position zurecht? 

Raimann: Als Tight End war ich zumindest schon mal mit unseren Blocking-Scheme vertraut und wusste, wie unsere Spielzüge geblockt werden. Das hat den Übergang erleichtert. Die technischen Ausführungen und Begriffe waren mir natürlich nicht ganz so klar, das hat einfach viele Wiederholungen gebraucht. Aber dadurch, dass ich schon Tight End gespielt habe, war es recht einfach, eine Position nach innen zu wechseln. 

ran: Es ist dennoch bemerkenswert, dass sie sich innerhalb von zwei Jahren vom Tight End zum potentiellen Erstrunden-Pick als Left Tackle entwickelt haben. Wie war das möglich? 

Raimann: Es war viel harte Arbeit. Kurz nach meinem Positionswechsel legte das Coronavirus die halbe Uni lahm und wir durften nicht mehr als Team trainieren. Wir Spieler waren dann ein wenig auf uns alleine gestellt. In der Zeit habe ich dann ganz viel alleine oder mit ein paar wenigen Teamkollegen trainiert und an mir gearbeitet. Das hat dann den Unterschied gemacht, dass ich eben versucht habe, das Beste rauszuholen. 

ran: Wie muss man sich dann das Einzeltraining eines Offensive Liners im Appartement vorstellen? 

Raimann: (lacht) Wenn es warm genug war, war ich natürlich draußen. Ansonsten habe ich versucht, die technischen Feinheiten durchzugehen. Ich habe mich dann im Pass-Blocking gefilmt und es an einen Coach geschickt, um Feedback zu bekommen und mich weiterzuentwickeln. Aber klar: Das war etwas schwieriger, als wenn man mit den Teamkollegen draußen in voller Montur spielen kann.  

ran: Gab es in dieser Zeit irgendwelche Vorbilder auf ihrer Position, von denen Sie sich etwas abgucken konnten?

Raimann: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir über YouTube Spiele von Joe Staley, Garett Bolles oder Tyron Smith angeschaut, die auf ihre eigene Art und Weise erfolgreich sind oder waren und versucht, so viel wie möglich davon mitzunehmen. Auf dem Feld habe ich dann probiert, das Gesehene umzusetzen. 

ran: Was zeichnet denn dann jetzt Bernhard Raimann, den Offensive Tackle, aus?

"Meine Athletik macht den Unterschied"

Raimann: Auf jeden Fall meine Athletik. Ich habe versucht, meine Athletik so gut wie es geht beizubehalten. Das unterscheidet mich von den anderen Spielern in diesem Draft. Meine Athletik macht da den Unterschied. 

ran: Sie überzeugen nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Klassenzimmer. Am College erhielten sie mehrere akademische Auszeichnungen. Wie haben sie das alles unter einen Hut bekommen?

Raimann: Für mich war es immer wichtig, in meine Zukunft und in die Dinge, die mir Spaß machen, Zeit zu investieren. Ich habe natürlich gerne Zeit ins Footballspielen gesteckt, die Uni war aber auch wichtig für meine Zukunft. Dadurch habe ich aber auch weniger Zeit für andere Dinge gehabt. Ich habe mich beispielsweise nicht mehr so oft mit Freunden getroffen. Da musste ich einfach Prioritäten setzen. Aber im Großen und Ganzen ging das mit einer guten Zeiteinteilung klar. 

ran: Stichwort Zeit: Sie sind jetzt sehr lange an der Universität gewesen. Was hätten sie ihrem Freshman-Ich gerne mit auf dem Weg gegeben?

Raimann: (lacht) Allzu viel möchte ich ihm nicht verraten. Ich würde ihm aber raten, die Zeit zu genießen. Sie ist wirklich wie im Flug vergangen. Es fühlt sich an, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich an der Uni angekommen bin. 

ran: Jetzt aber ein Blick in die Zukunft: Können Sie aus dem Nähkästchen erzählen, welche NFL-Teams besonderes Interesse an Ihnen haben?

Raimann: (lacht) Nein, leider nicht. Das haben mich jetzt schon mehrere Leute gefragt, allerdings werde ich nächste Woche den Draft mit genauso viel Spannung anschauen, wie jeder andere auch. Ich habe da leider keine Insider-Infos. Man spricht mit diversen Teams, man fliegt dorthin, um sie zu besuchen oder um zu trainieren. Aber es ist schwierig zu sagen, wer einen mag oder wer einen nicht mag. Ich werde das jetzt einfach auf mich zukommen lassen. 

ran: Haben Sie denn ein Wunschteam? 

Raimann: Nicht wirklich. Meine Eltern müssen sowieso eingeflogen werden, wenn sie mich besuchen kommen. Also das macht keinen Unterschied. 

ran: Wenn wir weiter in die Zukunft blicken: Wo wollen Sie in fünf Jahren sein? 

Raimann: Ich würde gerne meinen zweiten Vertrag unterschrieben haben, bei welchem Team auch immer. Hoffentlich aber bei dem Team, das mich gedraftet hat. Und hoffentlich habe ich dann schon ein paar Super-Bowl-Ringe. (lacht)

Das Interview führte: Tim Rausch

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