Baltimore/München - "Zurzeit sprechen wir noch darüber, die Woche ist noch nicht vorbei", verkündete Lamar Jackson trotzig vor den anwesenden Journalisten. 

"Ab Kickoff werde ich aber nicht mehr über einen Vertrag sprechen."

Lamar Jackson: Ein wegweisender Freitag im September

Diese Aussagen vom 7. September erschütterten die so heile Welt der Baltimore Ravens, wenn nicht sogar die des ganzen Bundesstaates Maryland. Monatelang lagen die andauernden Vertragsverhandlungen zwischen Jackson und General Manager Eric DeCosta wie ein drohendes Gewitter über der Franchise.

Jackson selbst nannte den 9. September als Stichtag für einen neuen Kontrakt, danach wolle er sich - wie vorher groß angekündigt - auf die kommende Spielzeit konzentrieren und dann eben seinen im Frühjahr 2022 auslaufenden Rookie-Vertrag (rund 23 Millionen Dollar Gehalt) erfüllen.

Als der ominöse Freitag kam und ohne ein erneuertes Arbeitspapier ging, konnte man die Unruhe im Fanlager der Ravens spüren. Würde ihr Franchise-Quarterback nun die Spielzeit aussetzen? Würden die gescheiterten Verhandlungen seine Spielweise negativ beeinträchtigen?

Lamar Jackson: Beeindruckendes Spiel in New England

Gut drei Wochen später sind diese Sorgen komplett weggeblasen. Nicht etwa, weil sich die DeCosta mit einem Superstar einig wurde, sondern weil Jackson die Wette gegen sich selbst eindrucksvoll gewonnen hatte.

Der Quarterback hatte nicht nur seine Deadline-Drohung wahrgemacht, sondern wohl auch ein sehr lukratives Angebot ausgeschlossen: Laut "ESPN"-Informationen hatten die Ravens ihrem Topspieler einen Sechsjahresvertrag über 250 Millionen US-Dollar (133 davon garantiert) - doch der 25-Jährige lehnte wohl dankend ab.

"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich den Leuten sagen soll, die da draußen immer noch ihre Zweifel haben. Ich glaube nicht, dass wir ihnen aktuell helfen können", scherzte Ravens-Head-Coach John Harbaugh nach dem jüngsten Sieg seines Teams gegen die New England Patriots.

Auch beim zweiten Saisonsieg hatte Lamar Jackson eindrucksvoll seine Klasse unter Beweis gestellt: 218 Passing Yards, dazu 107 erlaufene Yards und insgesamt fünf Touchdowns ebneten den Weg zu einem 37:26-Erfolg. 

Damit gelingt es einem Quarterback zum ersten Mal in der NFL-Geschichte, drei oder mehr Touchdowns und mindestens 100 Rushing Yards in zwei aufeinanderfolgenden Partien zu erzielen. 

Hätte er es gewollt, hätte der 25 Jahre alte Spielmacher nach dem Sieg gegen New England die Arme in die Höhe schmeißen und die Zuschauer sinngemäß fragen können: "Was soll ich noch alles tun?"

Lamar Jackson: Ewiger Kampf gegen Kritiker und Zweifler

Diese Frage beschäftigt die Nummer acht der Ravens nicht nur seit den gescheiterten Vertragsverhandlungen, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere.

 

Am College bei den Louisville Cardinals überzeugt der Youngster als Dual-Threat-Quarterback, vor allem im Laufspiel ist Jackson kaum aufzuhalten. Nach der Saison 2016 erhält er als bester Spieler die Heisman Trophy, 2018 steht der Sprung in die NFL an.

Nicht wenige Experten sehen in Jackson keinen typischen Passgeber, seine Spielweise lasse sich nicht in die NFL übertragen, er soll sich eher auf einer anderen Position ausprobieren, heißt es. Der damals 21-Jährige rutscht bis auf 32. Position, ehe die Baltimore Ravens zuschnappen.

"Sie werden von mir einen Super Bowl bekommen", verspricht Jackson in dieser Nacht auf der Bühne.

Baltimore Ravens: Lamar Jackson als Heilsbringer?

In seiner Rookie-Saison verdrängt er erst den einstigen Super-Bowl-Helden Joe Flacco und führt die Ravens nach vierjähriger Abstinenz zurück in die Playoffs. 2019 bricht Jackson erst den NFL-Rekord für die meisten Rushing Yards eines Spielmachers in einer Saison und wird dank seiner beeindruckenden Leistungen einstimmig zum MVP gewählt.

Auch 2020 führt der flinke Quarterback Baltimore zurück in die Playoffs, ein Jahr später verletzt er sich am 14. Spieltag unglücklich und verpasst die restliche Spielzeit.

Auch ohne die genauen Statistiken hinter Jacksons bisherigen Spielzeiten anzusehen, sollte klar sein, dass es sich hier um einen gestanden Top-Spielmacher handelt.

Mit Ausnahme eines nachhaltigen Playoff-Erfolgs (Bilanz von 1-3) spräche auch wenig gegen eine frühzeitige Vertragsverlängerung. Einigen seiner Positionskonkurrenten in Buffalo und Cleveland war beispielsweise ein höher dotierter Kontrakt vergönnt - trotz nicht wirklicher besserer Resümees. 

"Lamar Football" als großes Erfolgsrezept

"Ich will gewinnen", verdeutlichte Jackson, als er auf seine jüngste Leistung gegen New England angesprochen wurde. "Ich will einfach nur gewinnen und um das zu erreichen, muss ich einfach das tun, was ich immer mache - 'Lamar Football' spielen."

Bisher scheint das Konzept des "Lamar Football" hervorragend aufzugehen: 749 Passing Yards, dazu 243 Yards am Boden (fünftbester Wert in der gesamten Liga), insgesamt zwölf Touchdowns und nur zwei Interceptions. 

Behält der 25-Jährige dieses Tempo bei, übertrifft er nicht nur seine Statistiken aus der historischen MVP-Saison 2019 ("nur" acht Touchdowns und 172 Rushing Yards nach drei Spielen), sondern könnte nebenbei auch einen neuen NFL-Rekord für erzielte Touchdowns aufstellen (68 statt dem Rekordwert von 56). 

Während er schon immer als starker Läufer galt, ist bei Jackson vor allem eine Steigerung im Passspiel zu sehen. Eine Entwicklung, mit der viele nicht gerechnet hatten, da sein auf dem Papier bester Receiver - Marquise "Hollywood" Brown - im April nach Arizona getradet wurde. 

Als erste - und wohl nur vorübergehende - Belohnung heimste Jackson für seine jüngste Serie die Auszeichnung des "AFC Offensive Player of the Month" im September ein.

Lamar Jackson: Starke Leistungen = noch höherer Vertrag

Die Ravens werden die jüngsten Entwicklungen wohl mit einem lachenden und weinenden Auge begutachten: Einerseits sind sie dank Jackson einmal mehr einer der heißesten Super-Bowl-Kandidaten. Andererseits treibt der 25-Jährige mit seinen derzeitigen Erfolgen seinen "Preis" immer weiter in die Höhe. 

"Ich glaube, dass er mittlerweile an dem Punkt angekommen ist, an dem er sich als Quarterback gefunden hat", jubelte Head Coach Harbaugh nach dem Spiel in New England. 

Der nächste logische Schritt ist nun klar: Eine starke Regular Season auch in den Playoffs umsetzen.

Bills at Ravens: Wegweisendes Spiel für Jackson und Co.

Offen ist hingegen nur, ob dabei dann auch die Defense mitspielen wird. Seit Saisonbeginn wird vor allem die Passverteidigung von Verletzungen heimgesucht, vor dem wegweisenden Spiel gegen die Buffalo Bills (beide Teams stehen bei 2-1) fehlten mit Marcus Peters und Jalyn Armour-Davis im Training erneut zwei Akteure. 

Entsprechend dürfte einmal mehr ein Gros der Last auf den Schultern von Lamar Jackson ruhen. Ohnehin wird der 25-Jährige eine offene Rechnung mit den Bills haben, schließlich schieden Jackson und die Ravens im Januar 2021 in einem umkämpften Spiel in Buffalo in der Divisional Round der Playoffs aus. 

Diesmal treffen die beiden Mannschaft in Baltimore aufeinander. Mit einem Sieg würden die Ravens ihre Spitzenposition in der AFC North weiter konsolidieren und Lamar Jackson einen weiteren Beleg für eine langfristige Zukunft in Maryland abliefern.

Seine Zweifler zum Schweigen bringen ist schließlich keine große Aufgabe mehr.

Tom Offinger

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