München - Er gilt mit seiner Größe und seinen erzielten Leistungen als einer der athletischsten Linebacker der Combine-Geschichte: Leo Chenal.

Der Linebacker der University of Wisconsin in Madison kletterte durch die Eindrücke, die er beim Combine hinterließ, die Draft Boards sämtlicher Experten hoch. 

Beim anstehenden Draft in Las Vegas vom 28. bis 30. April live auf ProSieben MAXX und im Livestream auf ran.de handeln ihn die Experten daher als potentiellen Erstrunden-Pick. 

Im Interview mit ran spricht der ehemalige Wisconsin Badger über seine Fähigkeiten als Linebacker, das Matchup gegen Star-Center Tyler Linderbaum, der ebenfalls als Erstrunden-Pick gehandelt wird, und Brüder-Duelle im Training. 

ran: Mister Chenal, vor knapp einem Jahr haben Sie in einem Interview gesagt, dass es Sie schon glücklich machen würde, überhaupt in der NFL zu spielen. Ein Jahr später, und Sie werden als potentieller Erstrunden-Pick gehandelt. Wie haben Sie ihren eigenen steilen Aufstieg miterlebt?

Leo Chenal: Ich versuche von Tag zu Tag zu denken und nichts als selbstverständlich anzusehen. Im Leben kann so viel passieren, ich lebe einfach für den Moment und arbeite täglich daran, besser zu werden. 

ran: Wie sieht denn ihr aktueller Trainings-Alltag dann aus? 

Chenal: Ich versuche sowohl an den psychischen, als auch an den physischen Elementen des Spiels zu feilen und mich so auf die NFL vorzubereiten. Über die letzten Monate habe ich für den Combine trainiert, das war dann eher Leichtathletik-Training. Jetzt ist es wichtig, wieder in Football-Form zu kommen. Das heißt, ich arbeite an meiner Stärke und an meiner Geschwindigkeit. 

ran: Stichwort Combine: Sie zeigten eine historisch gute Leistung. Was war das für eine Erfahrung? 

Chenal: In dem Moment denkt man da eigentlich gar nicht dran. Rückblickend habe ich das von mir erwartet, ich wusste, was ich kann. Ich würde sogar sagen, dass ich bei einigen Übungen noch mehr hätte zeigen können.  

"Sehe die Kritik"

ran: Wie verliefen die Treffen mit den Teams vor Ort? 

Chenal: Das war richtig cool! Die Möglichkeit zu haben, mit den besten Coaches über Football zu reden, war super interessant. Da waren Coaches dabei, die ich als Kind schon im Fernsehen gesehen habe. Sehr coole Typen. Wir haben dann über die verschiedenen Defensiven geredet und ich habe mir ihre Sichtweisen über Football angehört. 

ran: Könnten Sie mir ein konkretes Beispiel geben, über was Coaches mit Ihnen dann gesprochen haben? 

Chenal: Wir haben darüber gesprochen, welche Rolle ich für das Team spielen könnte. Manche Teams sehen mich beispielsweise als Linebacker, der viel Druck durch Blitze auf den Quarterback ausüben kann. Und dann ging es viel darum, welchen Spielertypen die Teams in mir sehen. 

ran: Was würden Sie selbst von sich sagen? 

Chenal: Ich sehe natürlich die Kritik, die so rumschwirrt und kann und will das auch nicht ignorieren. Im Gegenteil: Das motiviert mich. Es gibt Leute, die sagen, ich könnte nur bei den ersten beiden Downs spielen und hätte Probleme in der Passverteidigung. Wenn sie das bei mir sehen, okay. Das ist halt immer subjektiv. Ich denke, ich kann durchaus in Coverage Erfolg haben. Daran arbeite ich täglich. Aber klar: Meine größte Stärke ist das Blitzen und das Stoppen des Laufspiels. Ich halte mich für einen der besten Blitzer des Jahrgangs und kann meinem zukünftigen Team in der Laufverteidigung sofort weiterhelfen. Ich habe bei Wisconsin die Kommandos gegeben und zehn weitere Jungs angeführt, das war eine große Ehre und ich denke, dass ich in der NFL auch ein Leader werden kann.

ran: Sie sagen es schon: Blitzen zählt zu ihren großen Stärken. Vergangene Saison steuerten Sie acht Sacks bei. Wie haben Sie dieses Skillset entwickelt?

Chenal: Da habe ich noch eine Menge zu lernen. Bisher kam ich meist über meine Power. Ich habe da viel an meiner Handplatzierung gearbeitet. Für uns hatte die Laufverteidigung immer die höchste Priorität und auch da muss man die gegnerischen Offensive Liner "shocken und sheden". Dieses Skillset hat für mich dann auch im Pass Rush funktioniert. (Anm. d. Red.: "Shock and Shed" ist eine Technik, bei der der Defender erst mit dem "Shock" den Kontakt mit dem Gegenspieler sucht, um ihn auf der Stelle zu halten und ein Gefühl für den Spielfluss zu bekommen und sich dann mit einer Bewegung, der "shed"-Bewegung, loslöst, um das Tackle zu setzen).

"Trainings-Einheiten zahlen sich aus"

ran: Stichwort Laufverteidigung: Sie lauern häufig nahe der Line of Scrimmage, manchmal sogar als stehender Nose Tackle. Im Spiel gegen Iowa haben Sie es mit Tyler Linderbaum aufgenommen, dem wohl besten Center in diesem Draft, und hervorragend gespielt. Wie haben Sie sich auf dieses Duell vorbereitet?

Chenal: Da sind einfach die Basics wichtig. Ich habe in dieser Woche keine neuen Sachen ausgepackt. Lediglich der Spielzug, bei dem ich als stehender Nose Tackle direkt neben dem Center stehe, war neu. Ich vertraue dann in mich und meine Stärken. Da zahlen sich dann die etlichen Trainings-Einheiten aus, die ich seit der High School absolviert habe. 

ran: Sie spielten an der High School nicht nur Linebacker, sondern auch Running Back. Welche Vorteile ziehen sie daraus? 

Chenal: Es hilft natürlich immer, wenn man mal auf der anderen Seite des Balles gespielt hat. Als Running Back entwickelt man ein wenig das periphere Sehen, das habe ich heute auch noch. Ich sehe manchmal aus dem Augenwinkel irgendwelche Spieler ranfliegen und kann dann schneller reagieren. Und wenn ich eine Interception fange, kommen die Ballträger-Instinkte wieder hoch. 

ran: Zurück zu der Kritik an Ihrer Coverage: Die Rolle des Coverage-Linebacker haben sie bei Wisconsin nicht wirklich erfüllen müssen. Meist haben Sie sich nahe der Line of Scrimmage bewegt oder vergleichweise einfachere Zonen-Verteidigung gespielt. Haben NFL-Teams Sie darauf angesprochen?

Chenal: Ja, das war nicht wirklich mein Job in unserer Defense. Größtenteils habe ich meine Aufgaben in Coverage erledigt. Das waren meist eher simplere Konzepte, bei denen ich eine Zone abdecken und nach dem Catch das Tackle setzen sollte. Unser Fokus lag eher auf der Laufverteidigung, da haben wir ja auch Bestwerte aufgestellt. Aber ich sehe, wie gesagt, die Kritik, dass ich nicht der agilste Linebacker bin und dass meine Antizipation in diesem Bereich noch ausbaufähig ist. Und teilweise stimme ich da zu. Ich arbeite aber bereits hart daran, mich in der Passverteidigung weiter zu verbessern. 

ran: Wie trainieren Sie das? 

Chenal: Seit zwei Monaten feile ich an meiner Beweglichkeit in der Hüfte. Das stand bei mir vorher noch nicht wirklich auf dem Plan. Aber es wird mir helfen, mich schneller in Coverage zu bewegen und dürfte ein Knackpunkt für mich sein. Das werde ich jetzt im Training weiter angehen. 

Training mit dem Bruder? "Mit dem Typen kloppe ich mich schon seit Kindertagen"

ran: Im Training lieferten Sie sich auch immer wieder Duelle mit ihrem Bruder Jon, der als Fullback für Wisconsin spielte. Was war das für ein Erlebnis? 

Chenal: Es kann nicht geiler sein! Man hat natürlich immer Spaß, wenn man sich mit den Teamkollegen hin- und herschiebt, aber mit dem eigenen Bruder ist es irgendwie nochmal besonderer. Mit dem Typen kloppe ich mich schon seit meinen Kindertagen und da will man natürlich auf jeden Fall gewinnen. 

ran: Abseits des Feldes beschreiben Sie sich eher als ruhigen, zurückhaltenden Typen. Wie ist Leo Chenal, der Football-Spieler, so drauf?  

Chenal: Das ist so, als würde man einen Knopf betätigen. Football ist meine Leidenschaft und da spiele ich natürlich mit einer gewissen Energie. Ich erhoffe mir davon auch, dass es meine Teamkollegen motiviert und wir so insgesamt besser spielen. Ich liebe einfach Football und die Physis des Spiels.

ran: Der NFL Draft steht kurz vor der Tür. Schauen Sie sich die Gerüchte und Mock Drafts an? 

"Mock Drafts verursachen schnell schlechte Laune"

Chenal: Ich versuche, nicht allzu viel darüber zu lesen. Mock Drafts sorgen bei mi nämlich immer schnell für schlechte Laune (lacht). Aber das ist ja auch okay, so etwas motiviert mich.

ran: Also wenn Sie nicht in der ersten Runde gewählt werden, sind Sie schlecht gelaunt? 

Chenal(lacht) Man kann sich in diesen Projektionen verlieren. Ich werde so oder so versuchen, stark aufzuspielen, egal, in welcher Runde ich gewählt werde. 

ran: Gibt es denn Teams, die besonders interessiert sind? 

Chenal: Das ist echt schwierig einzuschätzen. Die Teams spielen da mit versteckten Karten. Ich habe aber bisher gutes Feedback bekommen, weiß aber nicht, wer da besonders interessiert ist. 

ran: Wenn sie dann in der NFL sind, was sind ihre Ziele? 

Chenal: Ich habe keinen Spaß, wenn ich nicht gewinne. Wenn ich wie ein Hall of Famer spiele, aber wir nicht in den Playoffs sind, ist das nur zweitrangig. Wir Middle Linebacker sind die Quarterbacks der Defense und müssen dementsprechend ein Team führen können. Ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen, aber in erster Linie Team-Erfolg haben. Gewinnen macht den meisten Spaß.

Das Interview führte Tim Rausch

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