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München - Mitte des dritten Viertels im U.S. Bank Stadium. Mac Jones führt die New England Patriots gegen die Minnesota Vikings übers Feld und findet Hunter Henry für einen Sechs-Yard-Catch an der Endzone. 

Die Schiedsrichter auf dem Feld geben das Signal. Touchdown. 29:23 für die Patriots. So scheint es zunächst. Oder etwa doch nicht?

Nach minutenlanger Review nehmen die Offiziellen den Touchdown zurück und sagen "Incomplete Pass" - eine Entscheidung, die nicht nur die Patriots betrifft, sondern auch für die gesamte NFL mal wieder die Frage aufwirft, was genau ein Catch ist.

ran-Crew ist sich uneins

Das Team von Head Coach Bill Belichick musste die Entscheidung hinnehmen, kickte nur ein Field Goal. Am Ende drehten die Vikings noch das Spiel, gewannen 33:26 - der letzte Angriff der Patriots endete mit einem Turnover on Downs. Weil sie einen Touchdown erzielen mussten. Hätte Henrys Catch gezählt, hätte ein Field Goal zum Ausgleich gereicht.

"Ich glaube, dass ich den Ball gefangen habe", erklärte der Tight End nach dem Spiel gegenüber "ESPN"s Mike Reiss. "Aber sie [die Schiedsrichter, Anm.] haben die Entscheidung getroffen, wir müssen damit leben. [...] Sie sagten mir, der Ball hätte den Boden berührt - aber ich glaube, ich hatte meine Hand darunter."

 

Die Szene sorgte nicht nur in den USA für Wirbel, auch im ran-Studio waren sich nicht alle einig. "Das Ding muss zählen, den kannst du nicht zurücknehmen", urteilte Carsten Spengemann zunächst. Nach mehreren Wiederholungen ruderte er allerdings zurück. Für Kommentator Jörg Opuchlik und Netman Mike Stiefelhagen war es ein vollständiger Catch.

NFL-Regel für einen Catch noch immer interpretierbar

Was in der NFL als Catch zählt, ist in den Regeln festgelegt und folgt verschiedenen Stadien. Zunächst muss ein Spieler Kontrolle über den Ball haben, bevor dieser den Boden berührt, und beide Füße oder einen anderen Körperteil außer den Händen innerhalb des Feldes auf den Boden bekommen.

Als Zusatz verankerte die NFL als dritten Teil der Regeln einen "Football Move" - eine "für das Spiel geläufige Bewegung". Dazu kann ein weiterer Schritt mit dem Ball gehören, ein Ausweichen eines Tackles oder ein Ausstrecken des Balls.

 

Henry fing den Ball, brachte ihn unter Kontrolle, hatte beide Füße klar im Feld und streckte die Arme aus, um den Ball über die Goal Line zu bewegen. Auf den ersten Blick erfüllte er also alle Kriterien. Allerdings schien der Tight End den Ball beim Aufkommen auf den Boden kurz zu verlieren und erst im Nachfassen wieder zu sichern. Das führte auch die Schiedsrichter zu ihrer Entscheidung.

NFL-Schiedsrichterboss mit Erklärungsversuch

"[Henry] ging zu Boden, der Ball berührte kurz den Boden und in dem Moment verlor er die Kontrolle in seinen Händen", erklärte Walt Anderson, Vize-Präsident der Schiedsrichter-Besatzung in der NFL, gegenüber Mike Reiss. Auf die Frage, warum Henry keinen Besitz hatte, bevor der Ball den Boden berührte, antwortete Anderson: "Während er zu Boden geht, erfüllt er die Faktoren von Kontrolle und zwei Füßen im Feld. Weil er zu Boden geht, muss er den Ball auch über den Kontakt mit dem Boden hinaus sicher haben."

Der Fakt, dass Henry zwei Hände am Ball hatte, sorgte in diesem Fall in den Augen Andersons für keine Veränderung. "Hätte er mit beiden Händen Kontrolle gehabt, auch wenn der Ball den Boden berührt - wenn du den Ball trotz Bodenkontakt sicher in den Händen hast, dann wäre es noch immer ein Catch", gab er allerdings zu.

Trotz oder wohl auch wegen der verschiedenen Winkel und unzähligen Wiederholungen der Szene, blieb die Entscheidung der Unparteiischen für viele ein Mysterium. Der ehemalige Wide Receiver Dez Bryant wütete bei Twitter: "Niemals war der Pass unvollständig!" Fraglich scheint auch die konsequente Umsetzung der Regel, wann ein Catch vollständig ist.

Wann ist ein Catch ein Catch?

Vor wenigen Wochen gab es eine ähnliche Szene bei Travis Kelce von den Kansas City Chiefs. Der Tight End verlor sogar nach dem Bodenkontakt komplett die Kontrolle über den Ball. Dennoch wurde in dem Fall auf Touchdown entschieden.

Der ehemalige Patriots-Quarterback Scott Zolak zeigte sich bei "Patriots Fifth Quarter" generell unzufrieden mit der Regel an sich: "In dieser Liga gibt es immer noch ein Problem damit, was ein Catch ist und was nicht. [...] Es gibt keine Konstanz bei den Entscheidungen."

NFL bleibt einer klaren Linie schuldig

Neben der Frage, ob der Ball wirklich den Boden berührte und Henry Kontrolle verlor, war auch die lange Review-Zeit der Schiedsrichter ein Thema. Das Signal auf dem Feld lautete Touchdown. Gemäß den Regeln müssen die Bilder klar vom Gegenteil überzeugen. In den meisten Fällen heißt es bei unklaren Szenen "Call stands" und die Entscheidung auf dem Feld wird als endgültig herangezogen.

Letztlich verloren die Patriots nicht wegen dieser einen Entscheidung. In den letzten 20 Minuten des Spiels gelang ihnen kein Scoring Drive mehr, viele Strafen und schlechte Special Teams taten ihr Übriges. Dennoch bleibt die Frage offen, wie das Spiel verlaufen wäre, hätten die Patriots sieben statt drei Punkten und somit die Führung zum 30:23 erzielt.

Während diese Frage definitiv offen bleibt, bleibt es die NFL schuldig, folgende Frage endlich zu klären: Wann ist ein Catch ein Catch?