Von Kai Esser

München/Foxborough - Es ist kalt geworden im Raum New England. Nicht nur, was die Außentemperaturen angeht, sondern auch im Training der New England Patriots.

"Nur" fünf Siege aus neun Spielen, eine träge Offense und Platz vier in der AFC East: Head Coach Bill Belichick hatte sicher schon mal bessere Laune.

Das gilt auch für Quarterback Mac Jones. Kam der junge Spielmacher in seinem Rookie-Jahr 2021 kaum noch aus dem Strahlen heraus, ist seine Miene in diesem Jahr öfter mal finster. Das hängt vor allem mit seinen persönlichen Leistungen zusammen.

War er in der letzten Saison noch als Rookie ein überdurchschnittlicher Quarterback, was keinesfalls einfach als Frischling in der NFL-Welt ist, sind seine Leistungen wie Zahlen in dieser Saison in den Keller gerutscht. Woran liegt das? ran geht vor dem richtungsweisenden Duell mit den New York Jets (am Sonntag ab 18:30 Uhr live auf ProSieben und im Stream auf ran.de) auf Spurensuche.

Mac Jones - Grund 1: Neues System, neue Coaches, fragwürdiges Playcalling

Die Offseason bei den Patriots war turbulent. Nicht etwa, weil viele Spieler hin- und hergeschoben wurden, sondern viele Coaches.

Offensive Coordinator Josh McDaniels verließ die Franchise, um einen neuerlichen Anlauf als Head Coach zu wagen. Nachdem McDaniels bereits 2009 bis 2011 bei den Denver Broncos als Hauptübungsleiter krachend gescheitert war, versucht er sich diesmal bei den Las Vegas Raiders. Die Zwischenbilanz nach neun Spielen: Mit 2:7 ernüchternd.

Allerdings war McDaniels zweifelsohne einer der Hauptgründe, wieso es Jones in seiner ersten NFL-Saison so einfach hatte. Kurze, sichere Pässe, Play Action (Pass nach angetäuschtem Lauf) und zwischendurch physische Laufspielzüge, wenn es sein muss auch mit der groben Kelle, also Fullback Jakob Johnson, der seiner Zeit noch in New England die Pads anzog. Nicht umsonst beendete Jones das Jahr mit fast 68 Prozent angekommenen Bällen, Platz zwei für Rookies in der NFL-Historie.

Der Nachfolger von McDaniels wurde Matt Patricia. Der kennt die Patriots-Einrichtungen zwar wie seinen Handrücken, jedoch als Koordinator der Defense. Zusammen mit Joe Judge, ehemaliger Coach der Special Teams, sollte er die neue Offense der Patriots führen. Dass auf einmal Trainer ohne Erfahrung auf dieser Position die Spielzüge ansagen, ist Gift für einen jungen Quarterback. Vor allem, wenn sie die vorher genannten Attribute, die die Patriots-Offense 2021 so stark gemacht haben (Platz sechs in erzielten Punkten), quasi ausnahmslos zum Fenster rauswarfen. "Wir machen das, von dem wir glauben, dass es das Beste für unser Football-Team ist", erklärte Belichick in bester Belichick-Manier.

Bei seinem Abgang aus Foxborough deutete Fullback Johnson, mittlerweile gefragter Mann in Las Vegas, das drohende Unheil für Jones an. "Man sagte mir, man will in eine andere Richtung gehen. Im neuen System ist kein Platz mehr für mich", so der Stuttgarter im März.

Kaum noch Play Action, kein Fullback mehr, nur noch selten mehr als fünf Offensive Linemen. Stattdessen soll Jones die Bälle aus der Shotgun über das Feld verteilen und öfter selbst die Beine in die Hand nehmen. Sicher macht Jones mehr Fehler als 2021, jedoch wird es ihm, von außen betrachtet zumindest, auch bedeutend schwerer gemacht, als es nötig wäre. Interessant dabei: Als Bailey Zappe Jones vertrat, verordnete Patricia deutlich mehr Play-Action-Pässe und beorderte öfter mehr Spieler in die Offensive Line.

Mac Jones - Grund 2: Die Offensive Line

Das eigentliche Prunkstück der Offense in New England sollte die Offensive Line sein. Die Beschützerlinie aus Trent Brown, Cole Strange, David Andrews, Michael Onwenu und Isaiah Wynn gehört auf dem Papier zu den stärksten der Liga. Leider, aus Patriots-Sicht, nur auf dem Papier.

Dabei wechseln sich überragende mit unterirdischen Leistungen ab. Ließ jene Line unter dem Kommando von Bailey Zappe gegen die Detroit Lions keinen einzigen Sack zu, war Jones im "Hinspiel" gegen die New York Jets unter Dauerdruck, woraus am Ende sechs Sacks resultierten.

Das macht es, um auch Playcaller und Playdesigner Patricia und Judge etwas in Schutz zu nehmen, nicht gerade einfacher, die richtigen Spielzüge anzusagen. Keine Defense lässt sich von Play-Action-Pässen hinter's Licht führen, wenn die Offensive Line ohnehin weder den Pass noch den Lauf blocken kann.

Mac Jones - Grund 3: Verletzungen

Jene Offensive Line ist jedoch auch geplagt von Verletzungen. Zuletzt musste Center Andrews zwei Spiele lang aussetzen, weil er sich im Spiel gegen die Chicago Bears eine Gehirnerschütterung zuzog. Zwar kann Jones die Spielzüge bzw. Audibles alleine ansagen und auch das Block-Schema ändern - bei anderen jungen QBs macht das fast immer der Center - wenn jedoch teils kratergroße Lücken in der Offensive Line sind, bringt einem das Block-Schema reichlich wenig.

Nicht nur Andrews, der gegen die Jets zurückkehren wird, war von Blessuren betroffen. Auch Onwenu, Wynn und Brown mussten zwischendurch immer mal wieder aussetzen. Und das sind nur die Verletzungen in der Offensive Line. Dass Running Back Damien Harris, die Wide Receiver DeVante Parker und Jakobi Meyers sowie Tight End Jonnu Smith zwischendurch pausieren mussten, ist im Laufe einer Football-Saison nur allzu natürlich.

Die größte Beeinträchtigung erlitt Jones jedoch durch seine eigene Verletzung. Gerade als es schien, als würde er in so etwas wie einen Rhythmus kommen, zog er sich gegen die Baltimore Ravens eine schwere Knöchelverstauchung zu. Für Jones, der immer vorsichtshalber mit einer Schiene am rechten Bein spielt, ist es die erste große Verletzung, seitdem er aus der High School kam. Damit als junger Spieler im Kopf fertig zu werden, ist auch leichter gesagt als getan.

Mac Jones - Grund 4: Die Psyche

Apropos Kopf: In dem dürfte ohnehin einiges vorgehen. Nicht wegen all den Rochaden, die seit März 2022 passiert sind. Mac Jones ist immerhin der Nachfolger von niemand geringerem als Tom Brady, dem GOAT und erfolgreichsten Football-Spieler der Geschichte. Das alleine ist schon mehr Druck als so mancher überhaupt aushalten kann.

Beim Comeback-Spiel von Jones nach angesprochener Knöchelverletzung gegen die Chicago Bears wurde er beim Stand von 0:10 gebencht. Auch das rappelvolle Gillette Stadium stimmte einen Sprechchor für Bailey Zappe an, der seine beiden Starts zuvor gewonnen hatte.

Als wäre das noch nicht genug, hat die gesamte Football-Nation zugeschaut, die Partie war ein Prime Time Game zur besten Sendezeit in den USA. Jones war in diesem Moment der einsamste Mensch im Stadion. "Du musst aufpassen, dass du den Jungen nicht kaputt machst", so ran-Experte Patrick Esume in seinem Podcast "Football Bromance" gemeinsam mit Björn Werner.

 

Dass der 24-Jährige in den beiden kommenden Partien nicht mit vollem Selbstbewusstsein die Bälle an jeden verteilte, der offen oder auch nicht offen war, versteht sich völlig von selbst. Aber: In der National Football League geht es nur um's Gewinnen. Und gewonnen hat Jones beide Spiele. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Defense, das soll nicht unter den Tisch fallen, aber danach fragt später keiner mehr.

Gegen die New York Jets (am Sonntag ab 18:30 Uhr live auf ProSieben und im Stream auf ran.de) soll nun der dritte Sieg in Serie her.

Und, wer weiß, vielleicht sehen wir vor heimischem Publikum den "alten" Mac Jones wieder.