Urban Meyer (li.) und Tim Tebow (re.) sind in Jacksonville wieder vereint. - Bildquelle: Getty Images/twitter.com/NFLonFOXUrban Meyer (li.) und Tim Tebow (re.) sind in Jacksonville wieder vereint. © Getty Images/twitter.com/NFLonFOX

Von Tom Offinger

München/Jacksonville - In keiner anderen Branche bestimmt das Leistungsprinzip so sehr das Geschehen wie im professionellen Sport.

Egal ob im Fußball, Eishockey oder eben der NFL - nur die Besten der Besten schaffen den Sprung in die jeweils besten Ligen der Welt und haben dort die Chance unsterblich zu werden. 

Es gleicht gar einem Naturgesetz, dass Kontakte und Einfluss einem Athleten keinen Platz in einem Profiteam garantieren, dafür ist die Konkurrenz - aber auch das wirtschaftliche Interesse der Teams - zu groß.

Umso verwunderlicher sind die aktuellen Ereignisse um die Jacksonville Jaguars und ihren neuesten Star: Tim Tebow.

Ein 33 Jahre alter Rookie

NFL-Fans rieben sich zurecht die Augen: Mehr als acht Jahre nachdem er zuletzt auf einem NFL-Feld stand, bekommt der mittlerweile 33 Jahre alte Tebow eine erneute Chance in der besten American-Football-Liga der Welt.

Doch damit nicht genug: Tebow, der 2010 als Quarterback bei den Denver Broncos anheuerte, wurde nicht etwa als Konkurrent für Star-Rookie Trevor Lawrence verpflichtet. Der Routinier soll als Tight End spielen. Und nein - das ist kein Druckfehler.

"Tim Tebow ist noch nie eine Pass-Route gelaufen. Tim Tebow hat diese Position nie gespielt, er hat noch nie einen Ball gefangen und noch nie jemanden geblockt. Und jetzt glaubt er, er kann auf dem höchsten Level abliefern?", wetterte Hall-of-Fame-Tight-End Shannon Sharpe in seiner Show "Undisputed" und fasste damit die Stimmung in der NFL-Welt bestens zusammen.

Magische Saison 2011

Gut zehn Jahre ist nun her, dass die "Tebow-Mania" erstmals über Nordamerika und die NFL rollte. Als Quarterback der Florida Gators gewann Tebow die Heisman-Trophy und die nationale College-Meisterschaft, seine unkonventionelle Spielweise kombiniert mit seinem öffentlichen Bekenntnis zum Glauben polarisierte die USA.

Fernab jeder Prognose machten ihn die Broncos 2010 zu einem Erstrundenpick, ein Jahr später führte er Denver zum Sieg in der AFC West und gewann unerwartet das Playoff-Spiel gegen Pittsburgh. Die NFL-Welt stand Kopf.

Durch die Verpflichtung von Peyton Manning wurde er in Denver nicht mehr gebraucht, bei den Jets, Patriots und Eagles konnte sich Tebow nicht durchsetzen. Er kehrte dem Football den Rücken und versuchte sein Glück im Baseball, über die Minor-League kam er dabei nie hinaus.

Kontakte statt Talent

Jetzt also Versuch Nr. 2 in der NFL. Ausgerechnet in Jacksonville, seiner Heimatstadt, die mit einem jungen Star-Quarterback neu durchstarten will. Und mit Head Coach Urban Meyer, der - welch ein Zufall - mit Tebow einst die College-Welt auf den Kopf stellte.

In den Augen vieler ist die Verpflichtung ein Gefallen unter alten Freunden, eine einmalige Chance auf einen Neuanfang - in meinen Augen ist sie aber vor allem ein Bruch mit den Grundgesetzen des Sports.

Der 33-Jährige hat keinerlei Erfahrung als Tight End und erhält dennoch den Vorzug vor jüngeren Talenten, die ihr ganzen Leben auf diesen Moment hinarbeiten. Viele Spieler, gerade aus ärmeren Verhältnissen, konnten sich durch außergewöhnliche Leistungen nach oben spielen und sahen gerade darin ihre Chance auf ein besseres Leben.

Tim Tebow schien ein Anruf oder ein Gespräch mit seinem alten Freund zu genügen.

Unmut in der Kabine

Auf den ersten Blick verfehlt die Verpflichtung ihr Ziel nicht: Tebows neues Trikot wurde sofort zum Kassenschlager, der mediale Aufschrei schien grenzenlos - Jacksonville stand im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Doch was macht eine solche Entscheidung mit einer Mannschaft? Eine erste Antwort gab es bereits: "Nicht jeder im Umfeld der Jaguars befürwortet Tebows Unterschrift", berichtete ESPN-Reporter Jeff Darlington am 11. Mai. 

Unruhe innerhalb der Mannschaft ist das letzte, was die Entscheidungen eines Trainer hervorrufen sollte. Da passt es einfach nicht, wenn ein komplett unerfahrener Spieler den Vortritt vor einem Rookie oder gar einem Routinier erhält. 

Spätestens nach Tebows erstem verpassten Block oder nicht gefangenen Ball im Training wird das Getuschel unter den Spielern losgehen. Urban Meyer und die Jaguars haben unfreiwillig eine Zeitbombe in ihrer Umkleidekabine platziert. Die große Frage ist nur, wann sie detonieren wird.

Verwässerung der Kriterien

Die NFL ist ein hartes Geschäft, ohne entsprechende Leistung wird man schnell wieder vor die Tür gesetzt.

Die aktuellen Geschehnisse um Tim Tebow widersetzen sich dieser Philosophie und verwässern damit die Kriterien für Spieler, die von einem Sprung in die Liga träumen. 

Gleichzeitig wird zahllosen Talenten vor den Kopf gestoßen, die nicht über solche Kontakte verfügen und sich aus dem Nichts nach oben kämpfen müssen. Solange sich Tim Tebow nicht als Top-Tight-End entpuppt, ist die Verpflichtung nicht mehr als ein PR-Stunt, schlichtweg unfair und an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten.

Es bleibt zu hoffen, dass die Urban Meyer und die Jacksonville Jaguars wissen, was sie tun.

Tom Offinger

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