Von den Seattle Seahawks berichtet Rainer Nachtwey

München - Gut, es sind nur kurze Würfe, ein bisschen Einwerfen, sich etwas Bewegen nach dem langen Flug. Aber der erste Eindruck sagt oft mehr aus.

Und der erste Eindruck ist: es wirkt alles so leicht.

Geno Smith lacht, während er kurze Pässe auf DK Metcalf wirft. Er scherzt mit Noah Fant, der neben ihm die Anspiele von Drew Lock entgegennimmt. Von Jetlag nichts zu merken.

Der lange Flug, den der Quarterbacks mit seinen Seattle Seahawks über den großen Teich für das München-Spiel der NFL gegen die Tampa Bay Buccaneers (am Sonntag ab 14 Uhr live auf ProSieben und im Livestream auf ran.de) auf sich genommen hat, hat er gut weggesteckt.

"Ich habe ein bisschen Tape geschaut, dann bin ich eingeschlafen und schon waren wir hier", sagt Smith.

Andere Spieler wirkten dagegen etwas gerädert. Wie Quandre Diggs. "Die dicken Jungs aus der D-Line haben ganz schön geschnarcht", berichtet der Safety. "Vielleicht war ich auch einer derjenigen, die geschnarcht haben", sagt Smith und lacht lauthals.

Dem Quarterback ist anzumerken, dass ihm nicht nur der Schlaf auf dem 8500-Kilometer-Flug von Seattle nach München gutgetan hat.

Geno Smith in fast allen Statistiken unter den Top Ten

Smith versprüht positive Energie, Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, als er nach rund 45 Minuten Training lässig zur Pressekonferenz schlendert, seine Footballschuhe in der Hand tragend. Es sind Attribute eines Leaders, einer in sich ruhenden Persönlichkeit. Die vergangenen Wochen mit starken Leistungen haben positive Spuren hinterlassen.

Mit 15 Touchdowns rangiert er in den Top 5, bei den Yards ist er mit 2199 Sechster, seine Wurfgenauigkeit von 73,1 Prozent ist Ligaspitze. Es ist kaum eine Statistik, bei der er nicht unter den besten Zehn rangiert. Aber viel wichtiger: Die Bilanz von sechs Siegen bei nur drei Niederlagen.

"Was ich an ihm bewundere, ist, wie souverän, wie ruhig, wie abgeklärt er die ganze Situation angeht. Wie behaglich er auch mit den Erwartungen umgeht. Früher haben ihn Fragen danach abgelenkt", lobt Head Coach Pete Carroll seinen Passgeber in höchsten Tönen.

"Er wirft sich im Training voll rein und bleibt ganz bei seiner Vorbereitung."

Vom College-Hoffnung zum Dauer-Backup

Geno Smith und die Seattle Seahawks sind die bisherige Überraschung der Saison, Smith die diesjährige "Phönix aus der Asche"-Story der NFL. Er ist ein Kandidat auf die Auszeichnung des Comeback Players of the Year.

Mit großen Hoffnungen vom College zum Draft angereist, als Erstrunden-Pick gehandelt und dann im Green Room wartend und mitansehend, wie ein Konkurrent nach dem anderen vom Bord ging.

Die Schmach mit den auf ihn gerichteten Kameras, ehe die New York Jets ihn dann doch am zweiten Tag des Drafts 2013 in der zweiten Runde an 39. Stelle auswählten.

Smiths Start in die NFL verlief ähnlich mäßig wie seine ersten Jahre bei den Jets, die in dem Tiefpunkt gebrochener Kiefer, mehrwöchige Pause aufgrund einer Schlägerei mit einem Teammitglied wegen einer 600-Dollar-Wette und damit verbundener Verlust des Starterpostens mündete.

Im Anschluss pendelte er als Backup durch die Liga. New York Giants, Los Angeles Chargers, Seattle Seahawks.

Erst mit dem Trade Russell Wilsons zu den Denver Broncos öffnete sich für Smith wieder die Tür zum Starter.

 

Geno Smith: Talent und stark im Kopf

In der Vorbereitung setzte er sich gegen Neuzugang Drew Lock durch, führte die Seahawks im ersten Saisonspiel ausgerechnet gegen die Broncos um Ex-Seahawks-Quarterback Wilson zum Sieg. Seither zeigt der mittlerweile 32-Jährige Spiel um Spiel herausragende Leistungen.

"Du schaffst es nicht in die NFL, wenn Du kein Talent hast", sagt Smith, "aber Du musst auch im Kopf stark sein, um Dich dort zu halten und den entscheidenden Moment zu nützen."

Und wie fühlt es sich denn nun an, vom Wilson-Backup zum Starter im ersten NFL Spiel in München aufzurücken?

"Das waren alles nicht meine Entscheidungen, aber ich genieße es, mit den Jungs hier zu sein. Und jetzt wollen wir eine große Show abliefern und natürlich gewinnen", sagt Smith, packt seine Schuhe und verschwindet mit einem Lächeln.

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