Psycho- und Intelligenztest: Markus Kuhn gibt Einblicke in das NFL-Combine - Bildquelle: Getty ImagesPsycho- und Intelligenztest: Markus Kuhn gibt Einblicke in das NFL-Combine © Getty Images

Hi Football-Fans,

kaum ist die vergangene NFL-Saison zu Ende, steht die neue auch schon wieder vor der Tür – zumindest für einige hundert hoffnungsvolle Nachwuchsspieler. Denn in diesen Tagen versuchen sich über 300 College-Talente beim Combine in Indianapolis für den Draft im April in Stellung zu bringen und zu empfehlen. Mich haben in den vergangenen Wochen sehr viele Fragen von euch erreicht, wie der Combine denn genau abläuft und wie ich ihn damals selbst erlebt habe. Das möchte ich euch gerne in dieser Kolumne erklären.

Für viele Football-Spieler bedeutet das Ende des Colleges auch das Ende der aktiven Sportlerkarriere. Kein Scherz. Denn schon der Schritt von der High-School ins College ist ein riesengroßer, aber der vom College in den Profisport ist fast schon überdimensional groß. Über 95 Prozent der College-Footballer bekommen nicht die Möglichkeit, sich nach ihrem letzten Spiel auf der Uni für die NFL zu empfehlen. Nur 300 werden zum Combine eingeladen. Ich war damals einer der Glücklichen – und auch der erste Deutsche, der in Indiana mit dabei sein durfte. Sebastian Vollmer wurde vier Jahre vor mir nicht eingeladen. Kaum zu glauben, aber wahr. Am Ende haben ihn die New England Patriots aber dann in der zweiten Runde gedraftet. Der Rest der Geschichte ist bekannt: "Seabass" ist zweifacher Super-Bowl-Champion.

NFL-Combine: Intelligenztests, Drogentests, Medizinchecks

Nach meinem letzten College-Spiel für North Carolina State bin ich damals zu dem von der Sportagentur IMG betriebenen Performance Institute nach Bradenton/Florida geflogen und habe mich dort zweieinhalb Monate lang intensiv auf den Combine vorbereitet. Nicht nur körperlich, sondern auch mental und psychisch. Zum Beispiel mit Medientraining und wie man sich bei Vorstellungsgesprächen korrekt verhalten soll. Es war wirklich eine sehr harte, aber auch unglaublich interessante Zeit in Florida. Und mit 25 anderen Fast-Profis wird es auch nie langweilig.

Nach zweieinhalb Monaten Vorbereitung ging es dann endlich los nach Indiana. Zum Combine. Zum vielleicht härtesten Job-Interview der Welt. Vier Tage lang Vollgas geben. In Indiana wird wirklich alles untersucht: der Kopf, das Herz, der Geist und die Athletik. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Aber auch wirklich gar nichts. An den ersten drei Tagen werden unter anderem Medizinchecks, Intelligenztests, psychologische Persönlichkeitsanalysen, Bewegungs- und Motorik-Übungen durchgeführt. Die Athletik, die uns Sportlern am wichtigsten ist, kommt erst am vierten und letzten Tag dran.

 

Ich kam mir vor wie beim Menschenhandel

Ich kann mich erinnern, dass ich damals am Tag der Anreise noch nachts um 1 Uhr zur Kernspin-Untersuchung musste, weil sie sich meinen Nacken näher anschauen wollten. Und nur fünf Stunden später saß ich schon wieder beim Drogen-Test. Da wird wirklich alles auf Herz und Niere überprüft, weil die NFL-Teams beim Combine natürlich auf der Suche nach dem besten Pferd im Stall sind. Kein Wunder also, dass in Indiana wirklich alle Entscheidungsträger der 32 NFL-Franchises vor Ort sind: Head Coachs, General Manager und auch die verschiedenen Positions-Coaches. Ganz ehrlich: Ich kam mir damals schon so ein bisschen vor wie beim Menschenhandel.

Als Beispiel fällt mir eine Situation nach dem Bankdrücken ein. Dort muss man versuchen, 102,5 Kilogramm so oft es geht zu stemmen – ohne dabei einmal abzusetzen. Ich habe es damals 28 Mal geschafft. Das war ordentlich. Aber der Rekord liegt mittlerweile bei 49. Das ist echt brutal. Bei einem anderen Test ist man nur mit einer eng anliegenden Sportunterhose bekleidet – so war das bei mir auch. Ich wurde also quasi halbnackt auf eine Bühne gezerrt, um mich herum sämtliche Entscheidungsträger der NFL-Teams, und ein Mann sagte meinen Namen, welche Maße meine Arme und Beine haben und wie groß und wie schwer ich bin. Da wirst du wirklich wie so ein Zuchtbulle vorgeführt. Fleischbeschauung vom Feinsten.

Pro Days - Das Mini-NFL-Combine

Wenn du dann die ersten drei eher unangenehmen Tage hinter dich gebracht hast, geht es endlich nur noch um den sportlichen Aspekt. Da musst du dann verschiedene Drills absolvieren: Hochsprung aus dem Stand, Weitsprung aus dem Stand, den obligatorischen 40-Yards-Lauf und diverse, positionsspezifische Übungen. Wenn all das absolviert ist – natürlich immer überwacht durch Coaches der NFL-Teams – wirst du wieder nach Hause geflogen. Da trainierst du dann weiter und fieberst dem Draft entgegen.

 

Für alle die, die nicht zum Combine eingeladen wurden, veranstalten fast alle Colleges noch die sogenannten "Pro Days". Die laufen ähnlich ab wie der Combine, auch dort sind die Verantwortlichen der NFL-Klubs vor Ort und suchen nach den besten Talenten. Ich bin froh und stolz, beim Combine dabei gewesen zu sein. Meine Leistungen waren damals auch durchweg gut, zum Teil sogar überdurchschnittlich. Vor allem bei den Charaktertests habe ich positiv abgeschnitten – was mir später beim Draft durch die New York Giants sicherlich geholfen hat. Denn darauf legen die Franchises großen Wert.

Psychotests: Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Teams wollen einfach wissen, mit wem sie es zu tun haben. Denn da bekommt ein 20-Jähriger quasi von heute auf morgen vielleicht zehn Millionen Dollar Gehalt in die Hand gedrückt – aber was dann? Gibt er sich damit zufrieden? Oder gibt er auf dem Rasen trotzdem noch alles? Diese Fragen wollen die NFL-Klubs geklärt haben. Deswegen machen all diese Psychotests vielleicht auch Sinn. Denn das eine oder andere Talent hat vielleicht eine eher schwierige Vergangenheit hinter sich und ist schwer einzuschätzen (Der Combine ist Thema bei MAXXsports. ran am Sonntag, den 4. März ab 23:30 Uhr auf ProSieben MAXX und ran.de).

Als Beispiel fällt mir da Larry Tunsil ein, der im vorletzten Jahr als einer der Top-Draft-Picks gehandelt wurde, dann aber aufgrund eines während des Drafts aufgetauchten Videos - das ihn mit einer Gasmaske Gras rauchend zeigt - immer weiter nach hinten gerutscht ist. Diese Aktion hat ihn am Ende sicherlich fünf Millionen Dollar Gehalt gekostet. Ein extremes Beispiel. Aber auch das gibt es eben in der NFL. Untergekommen ist Tunsil am Ende trotzdem – bei den Miami Dolphins.

Ich hoffe, dass ich euch einen kleinen Einblick darüber geben konnte, wie es beim Combine so zugeht und was dort alles auf einen Football-Spieler zukommt.

Wir lesen uns hoffentlich schon bald wieder an dieser Stelle.

Herzliche Grüße aus New York,

Euer Markus

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