2019 fanden im neuen Tottenham Hotspur Stadium zwei NFL-Spiele statt. - Bildquelle: 2019 Getty Images2019 fanden im neuen Tottenham Hotspur Stadium zwei NFL-Spiele statt. © 2019 Getty Images

London - Es ist ja oft so: Wenn etwas gut läuft, versucht man mehr daraus zu machen. Die London Games der NFL sind so eine Geschichte.

Als man 2007 damit angefangen habe, verrät NFL-UK-Chef Alistair Kirkwood im Gespräch mit ran.de, habe die NFL vorgehabt, in England erst mal nur alle vier Jahre ein Spiel auszutragen.

Das hat sich zwölf Jahre später sehr deutlich verändert. Mittlerweile werden vier Spiele in einem Jahr ausgerichtet - das Ergebnis stetig wachsenden Zuschauer-Zuspruchs auf der Insel für American Football.

London eine Pilgerstätte für europäische NFL-Fans

Die NFL hat sich über die Jahre nicht nur in Großbritannien eine äußerst respektable Fan-Basis aufgebaut, ganz Europa pilgert nach London zur International Series.

Bei den Spielen in London tragen Fans Trikots aller Teams - längst nicht nur mit Jerseys der beiden Klubs, die an diesem Tag gegeneinander antreten.

"Unsere Fans sind sehr hungrig nach diesem Sport. Hier sind Fans aller Teams vertreten, es geht ihnen um den Sport an sich", sagt Kirkwood.

Das NFL-Schaufenster in der britischen Hauptstadt zieht eben Fans aus ganz Europa an. Es ist die Chance, das Spektakel aus den USA mit vergleichsweise geringem Reiseaufwand aus nächster Nähe zu sehen.

So waren beispielsweise am Sonntag beim Spiel der Texans gegen die Jaguars auch rund 2.000 deutsche NFL-Anhänger im Wembley-Stadion.

Tottenham Stadium ist NFL-gerecht

Der Erfolg macht Lust auf mehr bei den Beteiligten. Und so könnten vier NFL-Spiele pro Jahr in London noch nicht das Ende der Expansion nach Europa sein.

Denn Gerüchte um ein NFL-Team in London kommen inzwischen jährlich aufs Neue auf, natürlich besonders im Oktober, wenn die NFL Partien in England austrägt.

In diesem Jahr aber hat noch ein weiterer Aspekt die Gerüchte angeheizt: Es gibt nun erstmals ein geeignetes Stadion.

Die neu gebaute Arena der Tottenham Hotspur ist ein Fußballstadion - aber zugleich auch ein Football-Stadion - auch weil die NFL ihrerseits reichlich Geld in den Bau investiert haben soll, damit alle Voraussetzungen für eine NFL gerechte Arena mit Umkleiden, PK-Räumen und ähnliches erfüllt wird.

Es gibt einen eigenen, speziellen Football-Rasen, der als Untergrund jederzeit verwendet werden kann. Die Kabinen sind bereits für mindestens 50 Mann ausgerichtet. Heute kommt ein Football-Team in den Umkleidekabinen eines Fußballstadions nur schwerlich unter.

Verträge zwischen NFL und Stadionbetreibern

Sollte tatsächlich irgendwann eine Entscheidung pro NFL-Team in London fallen, wäre nach derzeitigem Stand sehr wahrscheinlich das Spurs-Stadion der Ort der Wahl.

Und: Die NFL hat einen Vertrag abgeschlossen, der den Betreibern Spiele in den nächsten zehn Jahren garantiert.

Zudem verpflichteten sich die Jacksonville Jaguars um Besitzer Shahid Khan, dem auch der Premier League-Klub FC Fulham gehört, von 2013 bis 2020 immer mindestens ein Heimspiel in London auszutragen.

Chargers dementieren Umzug nach London

Am Dienstag gab es neue Nahrung für das Gedankenspiel, ein Team der NFL dauerhaft nach London zu versetzen.

Die Los Angeles Chargers, eher ungeliebtes Kind bei den Fans in L.A., zögen angeblich in Erwägung den dauerhaften Schritt nach Europa zu wagen.

Aus Los Angeles wird London? Nein, die Chargers dementierten umgehend und eindeutig. Kein Umzug. Nirgendwohin.

Dennoch: "Ein Team in London zu haben, ist eine von mehreren Optionen für die NFL", erklärt Kirkwood. Vor einem Jahr hatte NFL Commissioner Roger Goodell schon mal preisgegeben: "Ich sage das schon länger: Ich glaube, dass es eine Fan-Basis für ein Team in London gibt."

120 Mann auf Reisen pro Spiel

Gleichwohl, das Szenario wäre mit massiven logistischen Hürden verbunden - für jedes Spiel müsste ein Team reisen - und dabei sind immer rund 120 (!) Mann in Bewegung. Hinzu kommen Tonnen an Material, die regelmäßig verschifft werden müssten. "Wir müssen die Voraussetzungen schaffen. Dann kann die NFL entscheiden, ob sie das tun will", sagt Kirkwood.

Zweifel scheinen vor allem noch bezüglich Fairness und Wettbewerbsfähigkeit eines solchen Szenarios zu bestehen. "Womit ich noch kein gutes Gefühl habe, ist der Wettbewerbs-Aspekt", sagte Goodell, "wie stellen wir sicher, dass es für beide Teams fair ist - für das Team, das schon hier ist und auch für das, das hierher reisen muss?"

Kirkwood bestätigt die Bedeutung dieses Aspekts: "Wichtig ist, dass jedes Team, das hier verliert, hinterher nicht sagen kann, dass es an den Umständen gelegen hat."

Denn bei 16 Saisonspielen "ist jedes Spiel in der NFL wichtig", führt Kirkwood aus, "ein einziges Spiel kann darüber entscheiden, ob man in die Playoffs kommt oder nicht."

Keine schnelle Entscheidung zu erwarten

Aber auch hier gibt es bei der NFL Überlegungen gegenzusteuern - mit der Erweiterung auf 17 Spiele. Jedes Team soll dem Plan nach ein Spiel außerhalb der USA bestreiten. Ob Mexiko, Kanada oder Europa.

Ob Team in London oder Ausweitung des Spielbetriebs auf einen "Auslands-Spieltag" - realistisch betrachtet, ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Die Entscheidung ist zu weitreichend, als dass sie schnell getroffen werden könnte.

Immerhin, für die Suche nach einem geeigneten Team, das Lust auf den Umzug hätte, hat die NFL neuerdings ein gutes Argument hinzugewonnen: In den letzten zwei Jahren haben alle Gewinner der London Games die Playoffs erreicht.

Scheint also kein schlechtes Pflaster zu sein, dieses NFL-London.

Michael Gerhäußer

Du willst die wichtigsten NFL-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die neue ran-App mit Push-Notifications für Live-Events. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.

US-Sport-Videos

US-Sport-News

Die nächsten Spieltage

NFL 2019 / 2020