Bayern und Dortmund gedachten vor Anpfiff dem 2009 verstorbenen Nationaltorw... - Bildquelle: 2019 Getty ImagesBayern und Dortmund gedachten vor Anpfiff dem 2009 verstorbenen Nationaltorwart Robert Enke. © 2019 Getty Images

München - Männerfußball. Der von BVB-Sportdirektor Michael Zorc geprägte Begriff ist seit dem Wochenende in aller Munde. Jene nicht näher beschriebene Variante des traditionsreichen Ballspiels sollte der Borussia einen Sieg oder zumindest einen Punkt beim FC Bayern bescheren. "Männerfußball spielen. Kerle sein", forderte Zorc mit viel Pathos. Das sei das Gegenteil von "Angsthasenfußball", übersetzte Sky-Experte Lothar Matthäus.

Man könnte die Reihe an lange überholten Männer-Klischees beliebig fortführen: etwa testosterongeladen. Keine Angst zeigen. Eier haben. Niemals an sich zweifeln. Keine Schwäche eingestehen und so weiter.

Ungeachtet des sicherlich unbeabsichtigten sexistischen Untertons führt allein der Terminus "Männerfußball" zu Unwohlsein in der Magengrube. Ganz besonders an einem Wochenende, an dem von Kreisliga bis Bundesliga in einer Schweigeminute dem 2009 verstorbenen Robert Enke gedacht wurde.

Ängste und Unsicherheit als vermeintliches Zeichen der Schwäche

Vor zehn Jahren hatte der damalige Nationaltorhüter – getrieben von Depressionen und Versagensängsten – keinen anderen Ausweg gesehen, als seinem Leben auf einer Bahnstrecke ein Ende zu setzen. Der Freitod erschien dem jungen Familienvater weniger schlimm, als sich öffentlich oder wenigstens innerhalb des Vereins zu seiner Krankheit zu bekennen, die jeden treffen kann. Auch echte Kerle. Männer.

 

Enkes Witwe Teresa betonte zwar, dass der Fußball ihren "Robbi" nicht krank gemacht habe. Das ist sicher richtig. Und doch dürfte der anhaltende Erwartungsdruck und das allgegenwärtige Gefühl, ewige Männer-Klischees bedienen zu müssen zumindest einen Anteil an der Tragödie gehabt haben.

Dunkle Gedanken, Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen, galten seinerzeit in der öffentlichen Wahrnehmung oft als Zeichen von Schwäche. Eine Fehl-Annahme, die – so würde man gerne glauben – im vergangenen Jahrzehnt längst ins rechte Licht gerückt wurde. Doch offenbar gibt es im deutschen Fußball eine schier unerträgliche Doppelmoral.

Rückfall in längst überholte Denkweisen

Was hilft es schon, zu propagieren, dass "Schwäche zeigen" heute möglich ist, ohne Karriere-schädigend gebrandmarkt zu sein? Wobei es sich zweifellos nicht immer gleich um eine "Schwäche" in Form einer Krankheit handeln muss.

Was bringt es, Menschen zu ermutigen, zu ihren Ängsten und Sorgen zu stehen? Was nützt es, scheinbare Toleranz zu propagieren, wenn Vorbilder wie Michael Zorc im Eifer des Gefechts doch wieder in alte Denkweisen zurückfallen? Oder Deutschlands größte Tageszeitung nach der schwachen Vorstellung des BVB in München voller Inbrunst schreibt: "Zorc forderte Männer – sein Trainer Lucien Favre hatte allerdings nur Memmen auf dem Rasen." 

Auch die Medien - ran eingenommen - müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Gegen nüchterne und berechtigte Kritik ist niemals etwas einzuwenden. Sie muss sogar sein. Doch Diffamierung und veraltete, schädliche Klischees haben in der heutigen Zeit auf und abseits des Fußballplatzes nichts mehr verloren. Und das gilt nicht nur für den 10. November.

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