Man kann auch getrost den Tottenham Hotspur die Daumen drücken. - Bildquelle: imago images / Richard WarehamMan kann auch getrost den Tottenham Hotspur die Daumen drücken. © imago images / Richard Wareham

München - Es liegt in der Natur des Fußballs, dass es emotional zugeht. Klar: Die Fans beider Mannschaften haben ihre eigenen Lieblinge, ihre eigenen Favoriten. Und auch die neutralen Zuschauer bilden sich oft und gerne ihre Meinung, haben ihre eigenen Präferenzen.

Es gibt aber Spiele, da sind die Sympathien vorher schon klar vergeben. Da gibt es keine Diskussionen, wie die Lager aufgeteilt sind, wem die Daumen gedrückt werden. 

So ist es auch beim Champions-League-Finale am Samstag zwischen dem FC Liverpool und den Tottenham Hotspur. 

Tolle Fans, toller Klub und Klopp

Die Reds mit ihren tollen Fans. Und Trainer Jürgen Klopp. Das intensive, sensationelle und leidenschaftliche Wunder gegen den FC Barcelona im Halbfinale, dazu die knapp verpasste Meisterschaft, so bitter, wieder ging der Klub leer aus, wartet seit 1990 auf den nationalen Triumph.

Außerdem: Wie viele Finals hat Klopp schon verloren? Sechs der letzten sieben waren es, darunter drei mit dem FC Liverpool. Der arme Mann. 2018 zuletzt, Champion League, gegen Real Madrid. Auch das bitter, 1:3. Das hinterlistige Foul von Sergio Ramos gegen Mo Salah, dann noch der Patzer von Loris Karius. Tränen. Wirkt alles noch frisch.

Deshalb ist klar: Klopp ist doch jetzt endlich mal dran. Und sowieso: Wenn es eine Mannschaft verdient hat, dann der FC Liverpool.

Oder?

Man kann das auch anders sehen. Denn die Spurs hätten den Erfolg wohl mindestens genauso verdient. Das geht nur im Vorfeld ein wenig unter. 

Nicht minder spektakulär

Sie warten noch länger auf die Meisterschaft - zuletzt 1960/61, holten in diesem Jahrtausend nur einen Titel - Ligapokal 2007/08. Und: Sie setzten sich in der Champions League nicht minder spektakulär durch. 

Erst in der Gruppenphase nur wegen des besseren Torverhältnisses gegenüber Inter Mailand. Dazu die Dramen gegen Manchester City im Viertelfinale und im Halbfinale gegen die Himmelsstürmer von Ajax Amsterdam. Keine Frage: Großes Kino, schönen und schnellen Offensivfußball kann auch der Klub aus London.

Und das, ohne im vergangenen Sommer mit Millionen um sich zu werfen. Die Ausgaben der Premier League? Über eine Milliarde (!) Euro. Die des FC Liverpool? 182 Millionen Euro. 

Und die Spurs? Null Euro.

In den vergangenen fünf Jahren machten die Spurs bei Transfers ein Minus von rund 30 Millionen Euro. Manchester City (625 Millionen) und der FC Liverpool (200 Millionen) waren da weniger bedächtig. 

Natürlich nascht auch Tottenham gut und gerne am milliardenschweren TV-Topf, leistete sich jetzt ein schmuckes - und megateures - neues Stadion. Doch in Zeiten völlig irrsinniger Transfersummen ist diese Zurückhaltung ebenso selten wie wohltuend. Fast ein bisschen Old School. 

Seltene Zurückhaltung

Die Sparsamkeit und das Verhandlungsgeschick von Präsident Daniel Levy sind inzwischen berühmt und berüchtigt, selbst in den eigenen Reihen. Trainer Mauricio Pochettino ist seit 2014 beim Klub, er formte Schnäppchen wie Christian Eriksen, 13 Millionen Euro Ablöse, und Dele Alli, 6,6 Millionen, oder Harry Kane, eigene Jugend, zu Superstars.

Sie sollen die Ära Pochettino nun krönen. Sie hätten es genauso verdient wie die Reds. Mindestens.

Andreas Reiners

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