Legendär: Die Kop in Liverpool. - Bildquelle: imago/Action PlusLegendär: Die Kop in Liverpool. © imago/Action Plus

München/Liverpool - Es gibt Dinge, die muss man selbst erleben. Empfinden. Fühlen. Spüren. Aufsaugen. Da können Erzählungen zwar Emotionen transportieren, oft aber nur in einem gewissen Rahmen. Den letzten, den ultimativen Kick, die volle Dröhnung, die bekommt man nur im echten Leben. Im übertragenen Sinn natürlich.

Dabei ist es nicht einmal Liebe auf den ersten Blick. Denn das angeblich so legendäre Stadion an der Anfield Road ist eines wie viele andere auch. Fast ein wenig ernüchternd. Aber nur fast.

Anfield ist ganz großes Kino

Mitten in ein Viertel der Arbeiterstadt Liverpool gebaut, scheint der Blechkoloss viel zu groß geraten für seine direkte Umgebung. Die besticht durch dreckige Straßen, alte und heruntergekommene Häuser, Pubs, Bier, Fish und Chips. 

Doch genau dieses Gesamtkunstwerk ist ganz großes Kino. 

Denn aus jeder Pore, aus jedem Stein strömt Fußball-Geschichte. Hier wurde Fußball gelebt und erlebt. Und wird es immer noch.

Unvoreingenommenheit ist deshalb unmöglich.

 

Zu viel wurde schon geschrieben, gesagt, gezeigt. Die Erwartungshaltung ist riesig, wenn man darauf wartet, dass die Atmosphäre um sich greift, dass sie dich vereinnahmt und nicht mehr loslässt. Dass man eins mit dem Spiel wird, dass die Fans eins werden – zu einer wabernden, tosenden Masse.

Für einen Profi dürfte es einer der intimsten Momente vor dem Spiel sein. Im Kabinengang, wortwörtlich noch im Tunnel, das langsam anrollende Grollen der Tribünen aber schon in den Ohren. Und das berühmte Schild schon im Blick. Die Worte, die für die Gäste nichts Gutes verheißen. Drei Worte.

"This is Anfield". 

Ankündigung. Drohung. Versprechen. Wer es bis jetzt noch nicht wusste, wird 90 Minuten später wissen, was Anfield wirklich ist. 

Liebe, Lust und Leidenschaft

Liebe, Lust und Leidenschaft. Ein Klub, der eine ganze Stadt elektrisiert, im Griff hat. Ein Stadion, das Tore schießen und Spiele gewinnen kann. Mythos. Gänsehaut.

"Wenn du kurz vor dem Anpfiff 'You’ll Never Walk Alone' hörst, bist du nicht mehr 1,89 Meter groß, was ich normalerweise bin, sondern zwei Meter. Und du willst den Rasen auffressen! Die Leute sind so verbunden mit dem Klub und mit allen, die da in roten Trikots auf dem Platz stehen, das zieht dich einfach mit", sagte der Ex-Liverpooler Erik Meijer der "tz". Meijer: "Seitdem die neue Haupttribüne fertig ist, ist Anfield noch mal beeindruckender geworden. Es ist etwas ganz Spezielles!"

"Man muss schon ein Kühlschrank sein, um da keine Gänsehaut zu bekommen", sagt der ehemalige Liverpooler Dietmar Hamann: "Im Alltag begreift man jedes Mal neu, dass dieser Klub, die Anfield Road und Liverpool etwas ganz Besonderes symbolisieren."

Woher der Mythos kommt? Wo er immer herkommt. 

Geboren aus Erfolgen, Triumphen, Sternstunden. Aber auch aus Tränen und Tragödien. Und Legenden. Oft werden Mythen heute herbei geschrieben, in Liverpool ist der Mythos tatsächlich noch einer.

So wurde an der Anfield Road der Fangesang erfunden. 1967 war das, es war neblig, das gegenüberliegende Tor war nicht zu erkennen. Die Fans auf der Kop, der legendären Tribüne, dort, wo das Herz schlägt, fragten in den Nebel: "Who scored the goal, who scored the goal?" Der Nebel antwortete: "Hateley scored the goal, Hateley scored the goal." Eine Improvisation, die die englische Fankultur noch heute ausmacht. Beliebte Stars bekommen ihren eigenen Song. DER Ritterschlag schlechthin. Heute singen sie Lieder von Mo Salah, Virgil van Dijk und natürlich Jürgen Klopp.

Dass die Fußball-Hymne "You’ll never walk alone" in Liverpool ihre Geburtsstunde erlebte, gehört auch zu den Legenden. Anfangs wurde die Version der englischen Popgruppe Gerry & The Pacemakers aus Liverpool vor dem Anpfiff gespielt, ehe eines Tages die Stadionanlage ausfiel und die Fans gesanglich das Kommando übernahmen. Dass die Hmyne, wenn sie außerhalb von Liverpool geschmettert wird, nur als billige Kopie erscheint, ist keine Legende, sondern unbestritten.

Hillsborough verändert alles

"You’ll never walk alone": Der verstorbene Vater, der auf die Erde zurückkehrt und seiner Tochter sagt, sie solle den Kopf oben halten, wenn ein Sturm komme – es passt zu einem Klub, zu dessen Identität auch Hillsborough gehört, als am 15. April 1989 insgesamt 96 Fans in Sheffield starben. 

Die Katastrophe hat den FC Liverpool, die Fans, die Hinterbliebenen geprägt und verändert – wie den Fußball im ganzen Land. Denn die Stehplätze wichen den Sitzplätzen, auch auf der Kop. Der Mythos ist geblieben.

Ja, die Stimmung ist eine andere als früher. Sie ist bisweilen schlechter. Ein bisschen mehr Oper, mit einer gewissen Entertainment-Erwartung, denn der Kommerz macht um die "Reds", die bekanntlich einen amerikanischen Besitzer haben, auch keinen Bogen mehr. Aber Anfield ist immer noch mehr Anarchie als anderswo. 

Wenn alles explodiert

Diese Momente, wenn das Stadion die Mannschaft trägt, wenn man den Glauben spürt, wenn alles vibriert, flimmert, das Publikum förmlich explodiert, alles vermengt zu einer einheitlichen Ekstase. Mittendrin Klopp. Ein Trainer, der all das auf sich vereint. This is Anfield. 

Es gibt Dinge, die man selbst erleben muss.

Andreas Reiners

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