10.000 Fans protestierten in Old Trafford gegen United-Eigentümer Glazer - Bildquelle: 2021 Getty Images10.000 Fans protestierten in Old Trafford gegen United-Eigentümer Glazer © 2021 Getty Images

München - Der 2. Mai 2021 wird eingehen in die Annalen des englischen Fußballs.

"Glazers raus! Werdet das Virus los!", "Love United, hate Glazer", "Apology not accepted". Zu Tausenden protestierten am Sonntag aufgebrachte Manchester United-Fans vor dem legendären Old Trafford gegen die verhassten Klub-Besitzer, eine amerikanische Milliardärs-Familie.

Hunderte Anhänger verschafften sich über einen Tunnel Zutritt ins Stadion, stürmten Rasen und Tribünen. Sie zündeten Bengalos, warfen Rauchbomben.

Auch in Richtung des TV-Studios, in dem die früheren Premier-League-Legenden Gary Neville und Jamie Carragher eigentlich zwei Stunden später über die Partie Manchester United gegen den FC Liverpool berichten sollten.

Der Klassiker der Erzrivalen musste am Ende abgesagt werden. Denn auch vor den Toren des Stadions, nahe des Spielerhotels, kam es zu Tumulten. Emotionen kochten über, Fans gerieten aneinander, auch mit überforderten Sicherheitskräften. Polizeihubschrauber kreisten über dem Gelände.

Aufruhr, Schlägereien, Rage. Keine der Mannschaften hätte das Hotel gefahrenlos verlassen können. 

Neville und Carragher zeigen Verständnis

Und trotzdem zeigten viele Ehemalige Verständnis für die Fan-Wut. "Das ist das Ergebnis des Handelns der Besitzer von Manchester United vor zwei Wochen", befand Neville, einst 17 Jahre bei den "Red Devils" unter Vertrag. "Was sie getan haben, war gefährlich für den englischen Fußball. Das dürfen wir nicht vergessen. Sie haben versucht, eine geschlossene Liga zu gründen, die für jeden anderen Klub in England den Hungertod bedeutet hätte."

Auch Liverpool-Legende Jamie Carragher, der selbst mit Bengalos attackiert wurde, stellte sich vor die Randalierer. "Es gibt immer einzelne, die es übertreiben. (...) Wollen wir sehen, dass Spiele abgesagt werden? Natürlich nicht. Aber die Fans sind frustriert."

Glazer als treibende Kraft hinter der Super League

Joel Glazer, der Eigentümer des stolzen Traditionsklubs, war treibende Kraft, als sechs englische Vereine vor gut zwei Wochen mit sechs weiteren die Super League gründeten. Eine europäische Eliteliga ohne Auf- und Abstieg. Sie hätte wohl den finanziellen Todesstoß aller nationalen Wettbewerbe bedeutet.

Nach einem landesweiten Fan-Aufschrei zogen die Engländer ihre Teilnahme wieder zurück. Drei Tage nach der Gründung war das Aus der Super League schon wieder besiegelt. Glazer entschuldigte sich zwar bei der Anhängerschaft, doch die "Red Devils" sehen weiterhin rot. Die Super League war das letzte nötige Streichholz, um einen Flächenbrand zu entfachen.

Die Ursprungsflamme loderte schon seit 18 Jahren.

Ursprung der Fan-Wut

Doch woher rührt die Aggression gegen die Glazer-Familie, denen auch der amtierende Super-Bowl-Champion, Tampa Bay Buccaneers, gehört? Ein Rückblick.

Im Jahr 2003 erwarb der US-Milliardär Malcolm Glazer (†2014) erste Anteile an Manchester United: 2,9 Prozent. In den folgenden zwei Jahren wuchs die Beteiligung kontinuierlich an, ehe dem Geschäftsmann im Sommer 2005 98 Prozent des Traditionsklubs gehörten. Verbleibende Klein-Aktionäre wurden zwangsabgefunden, Glazer stieg zum alleinigen Eigentümer auf und installierte seine Söhne Avram, Bryan und Joel in der Führungsetage.

Insgesamt kostete die Übernahme 970 Millionen Euro, finanziert durch Darlehen. Rund 400 Millionen Euro Schulden wälzte Glazer dabei auf den Verein ab, der erstmals seit 1931 wieder rote Zahlen schrieb.

Doch damit nicht genug. Um die Schulden zu tilgen, drückte United ab sofort 90 Millionen Euro jährlich ab. Ticketpreise stiegen. Die Fans bezahlten im Grunde dafür, dass ein Milliardär seine Darlehen für die Übernahme des Klubs finanzieren konnte.

Gescheiterter "Rettungsversuch"

Schon damals gab es erste Proteste, vereinzelt gaben Fans ihre Dauerkarten zurück. Dank der Erfolge von Trainer Sir Alex Ferguson (Meister 2007-09, 2011, 2013 und Champions-League-Sieg 2008) hielten sich diese aber noch in Grenzen.

Der Versuch britischer Wirtschaftsgrößen, den Verein 2010 zurückzukaufen, scheiterte an der Summe. Durch gnadenlose Durchkommerzialisierung hatte United seinen Marktwert auf weit über eine Milliarde gesteigert.

Neville fordert Glazer zum Verkauf auf

Mit Ferguson schwand ab 2013 auch der Erfolg. Trotz Mega-Investitionen. Spieler wurden zu Wucherpreisen verpflichtet, konnten dann aber die Erwartungen nicht erfüllen. Schon 2013/14 - im Jahr eins nach der Ära Fergie - verpassten die "Red Devils" mit Platz sieben sogar den internationalen Wettbewerb.

Der Fokus der Besitzerfamilie lag auf Marketing und Merchandising, nicht mehr auf dem Fußball - und schon gleich gar nicht bei den Fans.

"Wenn man an den Klub zurückdenkt, den sie 2005 übernommen haben, wir hatten das beste Stadion in England, eines der besten in Europa. Wir hatten die beste Trainingsanlage. Das Team erreichte regelmäßig Viertel-, Halb- oder Finale der Champions League und wurde jedes zweite Jahr Meister", so Neville.

"Schaut euch den Klub jetzt an. Das Stadion mag schick aussehen, aber hinter den Kulissen verrostet und verrottet es. Das Trainingsgelände gehört wahrscheinlich nicht mal zu den besten fünf im Land. In zehn Jahren haben wir ein CL-Halbfinale erreicht und Meister sind wir seit acht Jahren nicht gewesen."

Mittlerweile, so Neville weiter, werde die Glazer-Familie nicht einmal mehr den finanziellen Anforderungen gerecht. "Genug ist genug. Es wäre eine ehrbare Sache, wenn sie den Klub verkaufen würden."

Fans plädieren für 50-plus-1

Der frühere Verteidiger spricht den Fans damit aus der Seele. Nichts anderes als das Aus der Glazers ist das Ziel des Aufstandes von Old Trafford. Ob sie erhört werden, ist bislang unklar.

Nach dem Super-League-Debakel kündigte Geschäftsführer Ed Woodward bereits seinen Rückzug an. Doch er gilt nur als Marionette der Eigentümer. Ein "Weiter so" in Manchester ist nach dem beispiellosen Aufstand kaum vorstellbar. Fans fordern sogar ein komplettes Umdenken im englischen Fußball und die Einführung der 50-plus-1-Regelung aus der Bundesliga.

Wie ernst es ihnen damit ist? "Todernst", sagte United-Legende Roy Keane. Und prophezeite bei "Sky": "Das war erst der Anfang der United-Fans. Das kann ich euch garantieren."

Auch Joel Glazer wird es vernommen haben.

Carolin Blüchel

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