Enttäuschte Gesichter: Der Hamburger SV verlor das Derby gegen den FC St. Pa... - Bildquelle: 2020 Getty ImagesEnttäuschte Gesichter: Der Hamburger SV verlor das Derby gegen den FC St. Pauli mit 0:2 und muss mehr denn je um den Aufstieg zittern © 2020 Getty Images

Hamburg – Der Frust saß tief: Erstmals seit 1953 / 1954 verlor der Hamburger SV gleich zwei Stadt-Derbys in einer Saison gegen den FC St. Pauli. "Das ist sehr enttäuschend", sagte Sportvorstand Jonas Boldt. Auch Außenverteidiger Tim Leibold sagte: "Das war einfach ein gebrauchter Tag."

Dieter Hecking betrieb am Abend nach dem 0:2 sogar Frust-Essen: "Chips, Cola, Schokolade, Weingummi – und das alles in einer Dreiviertelstunde. Das war meine Frust-Bewältigung nach dem Derby."

Nun sind Niederlagen gegen einen Lokal-Rivalen für jeden Verein schmerzlich. Doch der HSV hat am Samstag mehr als nur ein Derby verloren. Im Umfeld des Vereins ging vielfach auch die Zuversicht flöten, dass es im zweiten Anlauf nun endlich mit der Bundesliga-Rückkehr klappt. Die Pfiffe der Fans und die vielen Unmutsbekundungen auf der Facebook-Seite des HSV beweisen dies unmissverständlich.

Tatsächlich hätte der 23. Spieltag aus Sicht des HSV kaum schlechter verlaufen können: Alle Konkurrenten haben gewonnen.

Die Folgen: Tabellenführer Arminia Bielefeld zog auf sechs Punkte davon, der VfB Stuttgart verdrängte HSV von Platz 2 und hat drei Punkte Vorsprung. Von Platz 4 rückte zudem auch noch der 1. FC Heidenheim heran und liegt mit lediglich drei Zählern zurück.

Jetzt in der Rolle des Verfolgers

"Jetzt sind wir in der Rolle des Verfolgers", sagt Hecking. Das bedeutet: Es geht nicht darum, den Relegationsplatz zu verteidigen. Der HSV will direkt aufsteigen. Doch ist die Mannschaft dazu in der Lage?

"Wir werden aufgrund einer Niederlage jetzt nicht alles über den Haufen werfen", verspricht der Trainer, den die aufkommende Negativ-Stimmung im Umfeld des HSV sichtlich nervt. Und weiter: "Wir verlieren das große Ziel nicht aus den Augen."

Tatsächlich gäbe es Gründe, um zuversichtlich zu bleiben: Der HSV hat nur eines der vergangenen sieben Spiele verloren, verfügt über einen breiten Kader und spielt noch gegen alle direkten Aufstiegs-Konkurrenten, um möglicherweise Punkte gutzumachen.

Boldt verspricht "eine Reaktion"

Zudem hat der HSV in dieser Saison bereits den einen oder anderen Tiefschlag gut verdaut. Boldt sagt: "Wir hatten schon mehrere Situationen in dieser Saison, wo viele darauf gewartet haben, dass der HSV jetzt einbricht. Das ist nicht passiert. Wir werden eine Reaktion zeigen."

Doch es gibt eben auch Gründe zum Pessimismus: 41 Punkte nach 23 Spielen sind nicht zwingend die Bilanz eines Aufsteigers. Vergangene Saison hatte der HSV zum selben Zeitpunkt drei Punkte mehr auf dem Konto – und stieg trotzdem nicht auf.

Auch diese Saison gibt es mehrere Schlüsselspieler, die dem Anspruch einer Aufstiegsmannschaft nicht gerecht werden.

Ein paar Beispiele: Kapitän Aaron Hunt findet nach seinem langwierigen Verletzungspech nicht zu seiner Form. David Kinsombi, der mit 3,5 Millionen Euro Ablöse teuerste Transfer der Saison, hat in Hamburg bislang nie richtig funktioniert.

Offensivspieler Martin Harnik, der in seiner Karriere stolze 66 Bundesliga-Tore erzielte, hat seit Ende Oktober nicht mehr getroffen, entwickelt sich vielmehr zum Chancentod und ist mittlerweile nur noch Reservist.

Auch Spieler wie Innenverteidiger Rick van Drongelen oder Torwart Daniel Heuer Fernandes, die eigentlich auf einem hohen Niveau spielen, haben immer wieder ihre Aussetzer.  

Die Auswärtsschwäche

Speziell auswärts tun sich die Hamburger schwer. Lediglich eines der vergangenen zehn Spiele in der Fremde wurde gewonnen. Da stimmt es nicht gerade zuversichtlich, dass die Duelle gegen die beiden Tabellen-Nachbarn VfB Stuttgart und 1. FC Heidenheim auswärts stattfinden (hier der Spielplan des HSV).

Die meisten Zweitliga-Spiele des HSV laufen gefühlt gleich ab: Sie haben die Spielkontrolle, beginnen höchst engagiert, spielen den Gegner an die Wand und erarbeiten sich reihenweise Chancen. Das Problem ist nur: Gelingt dann nicht der Führungstreffer, schleichen sich einfache Fehler in das Spiel der Hamburger ein.

Dies wissen die Gegner dann oftmals zu nutzen – vor allem durch Standards oder Konter.

Oftmals ist der HSV dann nicht mehr dazu in der Lage, das Spiel umzubiegen. "Ich habe nach dem tollen Start im Verlauf des Spiels die absolute Power vermisst", sagte der frühere HSV-Trainer Thomas Doll nach der Derby-Pleite bei "Bild.de".

Doll bemängelt: "mehr Gegenwehr zeigen"

Seine Meinung: Dem HSV fehlen Führungsspieler. "Schon beim 1:1 in Hannover fand ich, dass man mehr Gegenwehr hätte zeigen müssen. Der HSV hat sich auch dort teilweise den Schneid abkaufen lassen", findet Doll.

Mut macht immerhin, dass der HSV nach den jüngsten Derby-Pleiten gegen St. Pauli schnell wieder auf die Erfolgsspur fand. Nach dem 0:2 aus der Hinrunde gewann der HSV gegen den FC Erzgebirge Aue mit 4:0.

Und als der HSV im Jahre 2011 in der Bundesliga gegen St. Pauli verlor, gab es daraufhin gegen den SV Werder Bremen ebenfalls ein 4:0.

Der HSV wäre wohl gut beraten, an diese Tradition anzuknüpfen. Doll glaubt nämlich: "Jeder weitere Aussetzer könnte das Ende aller Hoffnungen sein."

Oliver Jensen

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