Nicht nur das reine Design des DTM-Electric-Prototypen ist beeindruckend - Bildquelle: DTMNicht nur das reine Design des DTM-Electric-Prototypen ist beeindruckend © DTM

Das sogenannte DTM-Electric-Design-Modell - eine leere Hülle des neuen Prototypen für die geplante Elektrorennserie - verzückte im vergangenen Jahr bei der Präsentation beim Norisring-Finale mit seiner spektakulären Optik die Besucher. Doch was kann der Prototyp, an dem aktuell intensiv gearbeitet wird und der 2023 seine ersten Meter zurücklegen soll?

"Was die Leute am liebsten hören?", fragt DTM-Technikchef Michael Resl im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Dass wir im Qualifyingmodus eine Antriebsleistung von einem Megawatt erreichen werden." Zur Einordnung: Das sind 1.000 Kilowatt - oder 1.360 PS.

Der Bolide soll unter fünf Sekunden von 0 auf 200 km/h beschleunigen, was mit der Formel 1 vergleichbar ist, die das in 4,6 Sekunden schafft. Und er soll auf eine Spitzengeschwindigkeit von über 300 km/h kommen.

Warum man die 340 km/h nicht voll ausreizt

"340 Kilometer pro Stunde werden theoretisch möglich sein, aber wir regulieren das auf 320 Kilometer pro Stunde", erklärt Resl. "Warum? Weil das Auge den Unterschied nicht mehr erkennen kann, wir aber dadurch zwei bis drei Runden länger fahren können."

Auf ein spezielles Sounddesign will man verzichten: "Ich finde den Sound bei leistungsstarken Elektrofahrzeugen unglaublich spannend", erklärt Resl, der als Argument die Erfahrung mit dem Demonstrationsfahrzeug nennt, bei dem man ebenfalls ohne künstliches Geräusch fuhr. "Das war phänomenal. Und der Prototyp fährt nochmal 100 km/h schneller."

Tatsächlich machen die vier E-Motoren pro Auto mehr Eigengeräusch als in der Formel E. "Und wenn wir 20 Fahrzeuge haben, dann hört man die Reifen, die Flügel, es gibt Wind- und Bremsgeräusche. So bekommt man eine Soundkulisse, die nicht verstärkt werden muss", ist Resl überzeugt.

Fahrer im Mittelpunkt: "Wollen Drifts erlauben"

Entscheidend sei allerdings, dass die Serie nicht zu einem Technik-Schaulaufen wird, sondern der von DTM-Boss Gerhard Berger oft zitierte "Ritt auf der Kanonenkugel" im Vordergrund steht: "Ich glaube, dass die schiere Antriebsperformance der Fahrzeuge die Fahrer entsprechend fordern wird", ist Resl diesbezüglich zuversichtlich.

Der Prototyp verfügt laut dem DTM-Technikchef über einen "Rad-individuellen Antrieb", was bedeutet, "dass wir alle vier Räder individuell ansteuern und so maximale Performance und Traktion erreichen können". So kann man dafür sorgen, dass sich jedes einzelne Rad in einer Kurve an der Haftgrenze befindet.

Das solle aber nicht dazu führen, dass der Fahrer aufs Gas steigt - und den Rest regelt die Technik automatisch. "Wir wollen einen Drift - beziehungsweise eine Querbeschleunigung - erlauben", erklärt Resl. "Und wenn der Fahrer zu viel aufs Gas steigt, fliegt er aus der Kurve." Auch Energiesparen und "Lift & Coast" will man fernhalten, denn die Boliden werden so eingestellt, dass sie ausreichend Energie bieten, damit der Fahrer jederzeit am Limit fahren kann.

Roboterstopps kein Thema mehr, 25 Minuten Reichweite

Welche Reichweite realistisch ist? "Da wollen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sehr konkret werden, da Dinge wie Rennformat noch nicht verabschiedet sind", sagt Resl. Laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' sind sogar bis zu 25 Minuten Fahrzeit am Stück möglich, wodurch es eine Option ist, zwei aufeinanderfolgende Sprintrennen ohne Stopp durchzuführen.

Von den Roboter-Boxenstopps, wie sie in der ersten Vision im Jahr 2019 angedacht waren, rückte man hingegen ab: "Uns wurde relativ schnell klar, dass man in der Boxengasse keine Roboter installieren kann, denn die müssten eine Tonne wiegen, wenn sie eine 300 Kilogramm schwere Batterie heben sollen", erklärt Resl.

Die ITR hat sich inzwischen gegen das Batteriewechsel-Konzept und für ein Schnellladesystem entschieden. Dadurch könnte man die Batterie entweder zwischen zwei Sprintrennen ohne Stopp komplett aufladen oder bei einem längeren Rennen einen Stopp einplanen, der rund einen Umlauf dauert und Energie für eine Handvoll weiterer Runden bietet.

Gewicht fast auf GT3-Niveau reduziert

Bei der Reichweite hilft auch das deutlich reduzierte Gesamtgewicht: Während das Demonstrationsfahrzeug, das auf dem Schaeffler 4ePerformance basiert, noch rund zwei Tonnen wog, peilt man beim Prototypen 1.600 Kilogramm an - inklusive Fahrer. Damit ist man fast im GT3-Bereich.

Als Basis für das Prototypenkonzept dienten tatsächlich die Class-1-Autos, die bis 2020 im Einsatz waren. Man setzt auch beim DTM-Electric-Auto - abgesehen von ein paar optischen Wiedererkennungsmerkmalen des Serien-Pendants - Großteils auf Einheitsteile. In der ersten Generation sollen auch die Elektromotoren und die Batterie einheitlich sein.

Elektromotor und Batterie: Was dürfen die Hersteller tun?

Langfristig wird aber angedacht, den Herstellern in diesen beiden Bereichen in der zweiten Generation - nach Bedarf - Freiheiten zu erlauben, um sich bei der Performance abzuheben, allerdings ohne die Kosten aus den Augen zu verlieren. So will man ein Szenario wie in der Formel E verhindern, in der Unsummen ausgegeben werden, um minimale Fortschritte beim Wirkungsgrad zu erzielen.

Wie potenziell interessierte Hersteller eingebunden werden? "Grundsätzlich gibt es andauernd Gesprächen mit allen führenden OEMs - nicht nur aus Deutschland", sagt Resl. "Denn jeder, der in Richtung eines elektrischen Performanceprodukts projektiert, schaut sich das an und bringt Ideen ein. Wir versuchen, jeden Input zu berücksichtigen."